Das Forum

Als erster unabhängiger Filmemacher in der Geschichte des Weltwirtschaftsforums (WEF) durfte Marcus Vetter vor Ort drehen. Justin Trudeau, Donald Trump, Greta Thunberg, Jair Bolsonaro, Angela Merkel – wenn Klaus Schwab ruft, der Gründer des WEF und bis heute Motor der Veranstaltung, dann kommen alle nach Davos. Der Blick hinter die Kulissen ist hochgradig spannend und zeigt nicht nur, wie im wahrsten Sinne des Wortes Politik gemacht wird, sondern er offenbart auch das Zusammenspiel von Staat und Wirtschaft auf globaler Ebene und liefert viele Erkenntnisse dazu, wie Entwicklungen in Gang gesetzt werden können. Zusätzlich bietet der Film eine hervorragende Grundlage für Diskussionen, und zwar praktisch für alle Altersgruppen.

Webseite: dasforum-derfilm.de

Dokumentarfilm
Deutschland/Schweiz 2019
Regie: Marcus Vetter
115 Minuten
deutsch/englisch/portugiesisch/chinesisch u. a. (mit deutschen Untertiteln)
Verleih: Gebrüder Beetz Filmproduktion Berlin / Rise and Shine Cinema
Kinostart: kein regulärer Kinostart – Buchungen ab 06.11.2019

FILMKRITIK:

Als der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Professor Klaus Schwab 1971 die European Management Conference gründete, aus der dann 1987 das World Economic Forum (WEF), deutsch: Weltwirtschaftsforum, als Stiftung hervorging, ahnte er nicht, dass beinahe 50 Jahre später globale Führungskräfte bei ihm ein und aus gehen würden. Was als Kommunikationsforum begann, ist zu einer einflussreichen Institution geworden, die größte private Initiative für politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit. Das jährliche Treffen in Davos ist für viele europäische Politiker und Wirtschaftsvertreter ein fester Termin, aber auch für Besucher aus der ganzen Welt. Mittlerweile ist die Anwesenheit von Staatsoberhäuptern beinahe selbstverständlich, doch bei einigen Gästen ist Klaus Schwarz mehr als Diplomat denn als Ökonom gefragt, besonders wenn sie so polarisieren wie Donald Trump, Jair Bolsonaro oder Greta Thunberg. Die junge Klimaaktivistin ist im Januar 2019 zu Gast in Davos, noch bevor sie als prominente Vorkämpferin der „Fridays for Future“-Bewegung weltweit bekannt wird. Es gelingt ihr problemlos, die anwesenden Gäste aus Politik und Wirtschaft aufzuschrecken und zu bewegen. „Ourhouseis on fire”, sagt sie, sinngemäß: “Unser Haus brennt.” – Doch reicht es aus, wenn allen klar ist, dass es nicht mehr so weitergehen kann mit einer auf permanentes Wachstum ausgerichteten Weltwirtschaft? Ist die Anwesenheit von Greta Thunberg vielleicht nur ein willkommenes Alibi für alle anderen, doch so weiterzumachen wie bisher? Dabei kreist der Film auch um die Frage, ob und wie im Machtgefüge von Staatslenkung und Ökonomie angesichts einer globalisierten Gesellschaft, wachsender Ungleichheit und der Zunahme populistischer Einflussnahme überhaupt Veränderungen möglich und erwünscht sind.
 
Über drei Jahre dauerten die Dreharbeiten an dem Film unter der Leitung von Marcus Vetter („Das Herz von Jenin“), der hinter die Kulissen des WEF blickt, bei den Vorbereitungen dabei ist und 2018 sowie 2019 den Kongress mit der Kamera verfolgen kann. Zusätzlich reist er zu Projekten des WEF – wie nach Indonesien und Afrika. Da geht es um Nachhaltigkeit und um die Verbesserung der medizinischen Versorgung. Eher nebenbei erzählt Marcus Vetter die Geschichte des Weltwirtschaftsforums, die untrennbar mit dem Leben und der Berufung des Ökonomen Professor Klaus Schwab verbunden ist. Dessen Ansatz ist prinzipiell hochmodern, nämlich ganzheitlich. Er sieht die aktuellen Probleme ebenfalls, die Globalisierung ist für ihn bereits vollzogen, doch er spricht sehr kritisch von Egoismus, der zur Bunkermentalität führt und in der weiteren Logik populistische und nationalistische Tendenzen verstärkt. Seine Ideale sind klar: Für die weltweite Verbesserung der Lebensumstände sollten alle zusammenarbeiten – nicht nur Berufspolitiker, Wissenschaftler, Ingenieure und Manager, sondern auch Künstler, Kreative, Historiker und andere Geisteswissenschaftler. Ob sich diese optimistische Weltsicht aus den 70er Jahren in Zeiten von Raubtierkapitalismus und schwindenden Ressourcen noch halten lässt, ist für ihn keine Frage. Die Fähigkeit zum Diskurs sollten alle Beteiligten mitbringen, denn nur in der konstruktiven Auseinandersetzung miteinander liegt das Potenzial für Veränderungen, so ungefähr lautet sein Credo. Dabei erweist sich Klaus Schwab trotz seines Alters als durchaus flexibel und anpassungsfähig, was die grundsätzliche Ausrichtung seiner Institution betrifft. Er ist ein ebenso guter Zuhörer wie Dispuntant und erwartet dasselbe von anderen. Der Kreis der Gäste ist illuster, keine Frage, jedoch ist neben all den Präsidenten, Kanzlern, Vorsitzenden, Chefmanagern und Mitgliedern von Königshäusern beispielsweise auch die CEO von Greenpeace International, Jennifer Morgan, zu sehen. Im Vorfeld des Kongresses bespricht sie ihre Strategie und sucht auf der Konferenz das Gespräch mit den Mächtigen, auch mit Bolsonaro. Miteinander reden, zuhören, Fragen stellen, Standpunkte austauschen – da taucht auch die Frage auf, ob tatsächlich die richtigen Leute hier sind und ob die Zusammensetzung der Gäste nicht ein Teil des Problems ist, das hier gelöst werden soll. „Fatcats in thesnow“, so bezeichnete der Sänger Bono einmal das Treffen in Davos. Das WEF ist seit Jahren umstritten, die Vorwürfe sind vielfältig: von der Zementierung bestehender Ungerechtigkeiten über das Bekenntnis zur ungebremsten Wachstumsgesellschaft bis hin zum Übergewicht der Wirtschaftsvertreter, die ihre eigenen Interessen gegenüber der Politik rücksichtslos durchzusetzen wissen. Gerade diese Wirtschaftsvertreter finanzieren das WEF – ein zweischneidiges Schwert und ein Balanceakt für Klaus Schwab und seine Mitstreiter seit beinahe 50 Jahren. Zumindest Klaus Schwab wird von den besten Absichten geleitet. Seine Offenheit wünscht man sich auch für andere, seine Ruhe und Gelassenheit ist ebenso beeindruckend wie die Schärfe seiner Gedanken. Am Schluss schreibt er einen Brief an Greta Thunberg und liest ihre Antwort vor, was ein klein bisschen rührend ist, weil man merkt: Auch bei ihm hat sie etwas bewirkt. So weht am Ende ein Hauch von Optimismus von der Leinwand.
 
Der Film ist jedenfalls extrem spannend und informativ, nicht etwa wegen der Prominenz, die hier vertreten ist und der man beim Abendessen zuschauen kann, sondern wegen der Themen, die verhandelt werden und vor allem: wie sie verhandelt werden. Das WEF ist, anders als viele vermuten, offenbar kein geschlossener Kreis, wo sich Konzernbosse in ihren Erfolgen suhlen, sondern eine Einrichtung, die aktuelle Problemstellungen diskutiert, Raum für Kreativität schafft und wo zumindest nach Lösungen gesucht wird. Geprägt von zwei schwierigen Jahren, von Klimakrise und Brexit, vom brennenden Amazonas-Regenwald, von populistischen Regierungschefs und insgesamt von Handelskriegen und bewaffneten Auseinandersetzungen, zeigt der Film, wie durch Kommunikation mit Menschen unterschiedlicher Meinung Veränderungen möglich werden. In ganz kleinen Schritten. Und das gibt Hoffnung.
 
Gaby Sikorski