Das Gelände

Mitten in Berlin liegt „Das Gelände“, ein so genanntes Filetstück in allerbester Lage, das Millionen wert wäre und täglich von Touristen besucht wird. Hier hatten bis 1945 Gestapo und SS ihre Zentralen, von denen nur noch wenige Bruchstücke erhalten sind, hier nimmt Martin Gressmanns Langzeitdokumentation ihren Ausgangspunkt, die Bilder und Töne zu einer spannenden Spurensuche verknüpft.

Webseite: www.das-gelaende.de

Deutschland 2013 – Dokumentation
Regie, Buch: Martin Gressmann
Kamera: Martin Gressmann, Volker Gläser, Hanno Lentz, Ralph Netzer
Länge: 93 Minuten
Verleih: Film Kino Text
Kinostart: 9. November 2016
 

FILMKRITIK:

Wohl in keinem Land wird soviel über Erinnerungskultur nachgedacht wie in Deutschland und ganz besonders in Berlin, wo im Herzen der Stadt zahlreiche Gedenkstätten und Mahnmale an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnern. Dass gerade im Zentrum der Hauptstadt so viel Raum zur Verfügung stand, ist der besonderen Geschichte Berlins zu verdanken, vor allem der Teilung der deutschen Staaten. Wo heute das Holocaust-Mahnmal steht, befand sich einst der Todesstreifen, und auch auf der anderen Seite der Mauer blieben etliche, oft durch den Krieg zerstörte Grundstücke unbebaut.
 
Eines davon beschreibt, ja porträtiert der Dokumentarfilmer Martin Gressmann, der Anfang der 80er Jahre nach Berlin zog und bald einen Ort entdeckte, der unberührt vor sich hin wucherte. Im Laufe der Jahre wurde die Beobachtung des Ortes, die filmische Aufzeichnung der Veränderungen systematischer. Das Ergebnis ist eine im deutschen Dokumentarfilm ungewöhnliche, zurückhaltende Beobachtung, formal reduziert und inhaltlich vielschichtig.
 
Die ersten Aufnahmen zeigen ein freies Gelände, teils von Bäumen und Büschen überwuchert, teils von engen Asphaltwegen durchzogen, die zu Fahrübungen ohne Führerschein benutzt wurden. Auf der einen Seite des Geländes ragte der Martin-Gropius-Bau in die Höhe, auf der andere begrenzte die Wilhelmstraße das Gelände und im Norden stand die Mauer. Von dem, was hier bis 1945 stand, war dagegen nichts mehr zu sehen: die Zentralen von Gestapo und SS befanden sich auf dem Gelände, ganz bewusst im Herzen der Reichshauptstadt Berlins. Der von Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich geleitete Terror sollte nicht etwa vor den Augen der Bevölkerung versteckt, sondern offensiv zur Schau gestellt werden. Mitte der 80er Jahre begonnene Ausgrabungen förderten vereinzelte Überreste zu Tage, Grundrisse von Büros und Zellen, selbst Bruchstücke von Tassen mit SS-Aufdruck. Nach dem Fall der Mauer wurde die bemerkenswert hellsichtige und unbürokratische Entscheidung getroffen, das Gelände in die Hand einer Stiftung zu geben, wodurch der mögliche Verkauf verhindert wurde und die Grundlage für das geschaffen wurde, was nun als „Topographie des Terrors“ täglich tausende Touristen anzieht.
 
Der ursprünglich geplante Bau des Star-Architekten Peter Zumthor fiel zwar den explodierenden Kosten zum Opfer (man ist schließlich in Berlin), dennoch ist das Gelände nun ein Ort der Erinnerung mitten im Herzen der alten und neuen Hauptstadt Berlin. Diese Entwicklung zeigt Gressmann in ruhig beobachtenden Bildern, für die er und seine im Lauf der Jahre wechselnden Kameramänner mit dem Kamerapreis des Achtung Berlin-Festivals ausgezeichnet wurden. Unterlegt sind die Aufnahmen mit einer Toncollage, die aus Gedanken Gressmanns, vor allem aber Interviews mit allerlei Zeitzeugen besteht. Historiker, Stadtplaner, Politiker und viele andere kommen zu Wort, deren Namen man erst im Abspann erfährt. Dass man dadurch meist nicht weiß, wer da gerade spricht, ist etwas schade, passt jedoch zu der bewusst reduzierten, distanzierten Herangehensweise, mit der Gressmann sich diesem historisch so bedeutsamen, ungewöhnlichen Ort nähert. Das Ergebnis ist ein bemerkenswerter, eindringlicher Dokumentarfilm, der sich der deutschen Geschichte und vor allem dem Umgang mit ihr auf  vielschichtige Weise nähert.
 
Michael Meyns