Das Geständnis

In der klaustrophobischen Atmosphäre eines heruntergekommenen Polizeibüros entwickelt sich die Story um eine Mordkommission in der zusammenbrechenden DDR. Im Mittelpunkt steht der Polizeimajor Michael (Bernd Michael Lade), ein entschlossener Ermittler, der mit großer Beharrlichkeit einen Fall nach dem anderen aufklärt. Das ist zunächst mal hochgradig spannend anzusehen, aber auch extrem facettenreich: als Krimi, als Abgesang auf die DDR, als Männergeschichte, aber vor allem als ein von wunderbaren Schauspielern getragenes intelligentes Drama um Menschen zwischen Zynismus, Widerstand und Opportunismus. Bernd Michael Lade macht daraus als Produzent, Autor, Regisseur und Hauptdarsteller ein düster witziges Kammerspiel. Ganz großes Schauspielerkino!

Webseite: www.das-gestaendnis.eu

Deutschland 2015
Regie und Buch: Bernd Michael Lade (Drehbuch nach einer Vorlage von C. Curd)
Darsteller: Bernd Michael Lade, Ralf Lindermann, Thomas Stecher, Martin Neuhaus, Thomas Schuch, Jörg Simmat, Maria Simon
Länge: 112 Minuten
Verleih: Aries Images
Kinostart: 15. September 2016
 

FILMKRITIK:

Michael und seine Kollegen arbeiten als Ermittler in der „Morduntersuchungskommission“ am Alexanderplatz in Berlin, Hauptstadt der DDR. Niemand von ihnen ahnt, dass die DDR bald nicht mehr existieren wird – aber die meisten von ihnen scheren sich ziemlich wenig um Staat und Politik, sie machen ihren Job und haben sich angepasst, sind Mitläufer oder Opportunisten. Micha ist anders. Er hat sich seinen Widerspruchsgeist bewahrt und lässt sich nicht so leicht mundtot machen. Ihn nervt die ständige Auseinandersetzung mit der DDR-Ideologie. Denn statt sich voll und ganz ihrer Arbeit, der Aufklärung von Mordfällen, zu widmen, die es im Sozialismus ja eigentlich gar nicht geben kann bzw. darf, müssen sich die Polizeioffiziere auch noch mit Parteiarbeit und mit den kleinkarierten Forderungen ihrer Vorgesetzten beschäftigen. Einmal pro Woche kommt das rote Tischtuch auf den Besprechungstisch, dann ist Parteiversammlung – zur Klampfe werden kämpferische Lieder gesungen, Wandzeitungen werden konzipiert, und alle müssen mitmachen, auch Micha, der mit seinen Methoden zwar extrem erfolgreich ist, aber bei den Vorgesetzten auch gern mal aneckt. Denn Micha ist ein Vollblutpolizist, er will Mordfälle aufklären und sich nicht mit irgendwelchen Parteibeschlüssen herumschlagen. Im Privatleben ist er unglücklich, seine Ehe ist gerade endgültig gescheitert, und er hat eine Freundin, die samt aufmüpfigem Sohn ins Visier der Stasi geraten ist. Die „Staatssicherheit“ ist auch hier im Büro allgegenwärtig. Da werden den Ermittlern schon mal Mordfälle einfach weggenommen, und Micha selbst soll als IM gegen seine Freundin angeworben werden. Mit Hartnäckigkeit, Menschenkenntnis und Logik gelingt es dem klugen Ermittler, sich von den meisten Anfechtungen fernzuhalten, und mit beinahe denselben Methoden bewegt er Verdächtige zum Geständnis. Als Belohnung für seine Erfolge winkt ihm ein sozialistischer Dankesgruß, während sein Vorgesetzter, der nichts zur Lösung des Falles beigetragen hat, eine Geldprämie erhält. Doch Micha macht unbeirrt seinen Job. Dass er und seine Kollegen gute Arbeit leisten, ist so offensichtlich, dass sie sich der Obrigkeit gegenüber sogar einiges erlauben können. Und während sich draußen ein Staat auflöst, kreist drinnen die Wodkaflasche.
 
Der gesamte Film spielt in zwei Räumen: im Büro und im Vernehmungsraum. Das ist nicht nur Kammerspiel, das ist die pure Klaustrophobie. Die Bilder sind dunkel, der Hintergrund ist sepiafarben, davor wabern Nikotinschwaden. Mit einfachen Mitteln haben Bernd Michael Lade und seine Mitstreiter einen Set geschaffen, der die Atmosphäre der untergehenden DDR perfekt einfängt: die Enge ebenso wie die bedrückende Nähe der Menschen, die hier arbeiten und sich unentrinnbar auf der Pelle hocken. Wenige Requisiten – ein rotes Tischtuch und ein Honecker-Konterfei an der Wand, ein Telefon, ein hölzerner Kleiderständer, zwei Flaggen und eine Schreibmaschine – genügen für die Verortung des Geschehens. Alles andere machen die Schauspieler. Sie schaffen eine beklemmende Atmosphäre, in der es schwerfällt, zwischen Heuchelei, Vertuschung und Verrat zu entscheiden, wenn es um die sozialistische Ideologie geht. Jeder dieser Kerle, die sich Genossen nennen, aber keine sind, hat irgendwie einen Weg gefunden, sich mit dem Staat zu arrangieren. Manchmal scheint einzig das Klingeln des Telefons zu verhindern, dass die Herren Ermittler sich an die Gurgel geht. Aber wenn das Telefon läutet, dann geht es fast immer um einen neuen Fall: Ein Torso wird gefunden, eine Ehefrau hat vielleicht ihren Mann getötet, ein Mord im Schwulenmilieu … Und sobald es um Verbrechen geht, halten die Männer zusammen.
 
Geschickt verwebt der Autor Bernd Michael Lade die (echten) Fälle, die ein anonymer Ex-Kriminaler aus der DDR so kundig aufgeschrieben hat, dass sie als Vorlage für den Film dienen konnten, mit den differenzierten Charakteren seiner Helden. Sie wirken so authentisch, dass es beinahe gespenstisch ist, sie spielen die Oppenenten, die Mitläufer und die immer noch Überzeugten auf den letzten Metern einer Wegstrecke, von der sie nicht ahnen, dass sie bald zu Ende sein wird. Wie Lemminge rennen sie weiter auf den Abgrund zu, der sich längst vor ihnen geöffnet hat. Der Regisseur Bernd Michael Lade hetzt sie aufeinander, lässt sie in diesen engen Räumen ihre dramatischen und manchmal sehr komischen Kämpfe austragen. Und jede Minute ist spannend. Die Zeugen, die Verdächtigen und die Täter werden im Vernehmungszimmer für kurze Zeit zu Beteiligten an diesem herrlich fiesen, faszinierenden Spiel von Täuschungen und Lügen. Und der Schauspieler Bernd Michael Lade wird zum tragischen Helden. Er ist nicht nur der geniale Vernehmer und Ermittler, der mit manchmal durchaus dubiosen Methoden die verstocktesten Täter zum Reden bringt. Er ist auch der ehrlichste von allen, ein Aufrechter unter denen, die buckeln oder gebuckelt werden. Aber er bleibt ein einsamer Rufer in der Wüste, und selbst wenn er vielleicht als einziger ahnt, was die Stunde geschlagen hat, so ist er doch immer der traurige Detektiv, eine Figur wie aus einem Chandler-Roman. Als ob die Schwarze Serie in der sterbenden DDR noch einmal auflebt. Und das ist sowohl menschlich als auch psychologisch nicht nur gut ausgedacht und hervorragend gespielt, sondern es ist ein Statement: ein ziemlich deutlicher Kommentar zum Wollen, Werden und Vergehen eines Staates, der in sich selbst zusammenfallen musste. Der Ton ist oft angenehm zynisch, manchmal von bissiger Komik, aber immer hammerhart spannend, und die Kriminalfälle an sich sind deutlich interessanter als die Durchschnitts-TV-Ware. Doch was die Darsteller hier leisten, ist einfach großartig. Insgesamt also sehr schönes Kino!
 
Allein für den Mut, diesen Film ohne Fernsehgelder und öffentliche Förderung zu produzieren, hat Bernd Michael Lade Aufmerksamkeit verdient. Was er mit seinem Film geschaffen hat, verdient aber mehr als das: höchste Anerkennung, am besten in Form von vielen begeisterten Kinobesuchern.
 
Gaby Sikorski