Das kalte Herz

Ein Klassiker kehrt zurück: Als packende Abenteuergeschichte mit phantastischen Elementen inszeniert Regisseur Johannes Naber das Märchen von Wilhelm Hauff aus der Spätromantik, das aber kein „Kindermärchen“ ist, sondern eine düstere Fantasy-Saga aus alter Zeit. Seine Neuauflage erreicht, nicht zuletzt durch die Besetzung mit dem preisgekrönten Jungstar Frederik Lau als Schwarzwälder Köhler Munk in der Hauptrolle, fast den Charme des ehemaligen DEFA-Hits, der Filmgeschichte schrieb. Ebenso überzeugend verkörpert der profilierte Charakterdarsteller Moritz Bleibtreu die imposante Gestalt des Holländer-Michel, an den Munk sein Herz verkauft, um reich zu werden. Vor allem jedoch bleibt die Botschaft der Anti-Gier-Fabel nach wie vor aktuell: die Macht des Geldes kann Gefühle zerstören und Menschen verändern.

Webseite: www.daskalteherz.weltkino.de

Deutschland, 2016
Regie: Johannes Naber
Drehbuch: Christian Zipperle, Johannes Naber, Steffen Reuter, Andreas Marschall
Darsteller: Frederick Lau, Henriette Confurius, Moritz Bleibtreu, Milan Peschel, David Schütter, André M. Hennicke, Sebastian Blomberg, Roeland Wiesnekker, Jule Böwe, Lars Rudolph.
Länge: 119 Minuten
Verleih: Weltkino
Kinostart: 20. Oktober 2016

FILMKRITIK:

Dichter Nebel zieht durch den dunklen Wald, aus der finsteren Köhlerhütte steigt schwarzer Rauch. Hohe Tannen, Farne, Moos an Bäumen und auf dem Waldboden bestimmen das Bild. Die düstere Mystik wirkt echt – und zugleich märchenhaft. Treffend fängt die Kamera die archaische Schwarzwald-Atmosphäre samt melancholischer Grundstimmung ein. Denn Wilhelm Hauffs Märchen über den Köhlerjungen, der seine Seele dem Geld opfert, ist durchaus ein herber Stoff.

Der jung verstorbene Schwabe aus der Spätromantik erzählt plastisch von den negativen Auswirkungen des Frühkapitalismus. Sehr drastisch zeigt er, was die Produktionsverhältnisse und die Gier nach Geld aus Menschen machen können. Hauff prangert damit bereits die Auswüchse des Kapitalismus und den Verlust des Bezugs des Menschen zur Natur an. Kein Wunder, dass diese Geschichte, die auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren hat, Regisseur Johannes Naber reizte.

„In dem Märchen steckt eine fundamentale Gesellschaftskritik, die ich für erzählenswert halte", weiß der 45jährige nach seiner bitterbösen Kapitalismus-Farce „Zeit der Kannibalen“ aus der kalten Welt des Geldes. Trotzdem bedient er sich bei seiner spektakulären Inszenierung aber auch am Reservoir des fantastischen Films. Schon mit seinem Erstling „Der Albaner“ klagte er eine kalte deutsche Gesellschaft an, in der Armut, Schicksal und Solidarität Fremdworte sind.

Mit subtiler Figurenzeichnung bleibt seine kritische Parabel zunächst bei der üblichen Chronologie. Gleichzeitig zeigt sie die strenge Hierarchie des Sozialgefüges. Immer weniger macht sich die harte Arbeit der Köhler bezahlt. Das große Geld scheffeln dagegen vornehmlich Holzhändler aber auch Glasbläser. Für den armen Köhlerjungen Peter Munk (Frederick Lau) keine guten Aussichten. Zumal er sich unsterblich in Lisbeth (Henriette Confurius), die Tochter des angesehenen Glasmachers Löbl (Sebastian Bloomberg) verliebt. Aber die ist bereits dem reichen Holzhändlersohn Bastian (David Schütter) versprochen.

In seiner Verzweiflung lässt er sich als Sonntagskind vom Glasmännlein (Milan Peschke), einem weisen Naturgeist, drei wenig durchdachte Wünsche erfüllen. Sein Reichtum verfliegt jedoch schnell. Nun bleibt ihm nur noch der Weg zum grausamen Holländer-Michel (Moritz Bleibtreu). Mit ihm geht er einen teuflischen Pakt ein. Bald liegt sein Herz pumpend und blinkend wie eine Lavalampe in dessen Höhle. „Hier sind alle Ängste abgelegt“, sagt der dämonische Einflüsterer und zeigt auf die nackten Herzen, die er den Stützen der Gesellschaft entrissen hat. „Ihren Besitzern geht es jetzt gut.“ Doch das reglose, steinerne Imitat in Peters Brust stürzt ihn schon bald ins Unglück.  

„Es ist ein großes Glück für einen Schauspieler, diese Rolle spielen zu dürfen“, sagt Frederick Lau. „Die Figur hat Widersprüche und ist äußerst vielfältig, zerrissen und gegensätzlich“. Der 26jährige Berliner ist einer der erfolgreichsten Jungschauspieler Deutschlands. Zuletzt machte er mit dem preisgekrönten Werk „Victoria“ auf sich aufmerksam. Er versteht es durchaus, erst den naiven Köhlersjungen zu mimen, und dann auf den skrupellos, berechnenden Mann umzuschwenken. Ebenso überzeugend verkörpert der profilierte Charakterdarsteller Moritz Bleibtreu in der Parabel auf die Gier die imposante Gestalt des Holländer-Michel, an den Munk sein Herz verkauft.

Hier zeigt sich faustisch ein echter Mephistopheles, gewitzt, listig und wortgewandt. Jede Neuverfilmung muss sich freilich an der DEFA-Version von 1950 unter der Regie von Paul Verhoeven messen lassen. Schließlich schrieb der legendäre Vorgängerfilm mit Schauspielgrößen wie Erwin Geschonnek, Paul Bildt, Paul Esser damals Filmgeschichte. Nabers spektakuläres Remake als neuer deutscher Fantasy-Film erreicht streckenweise fast den Charme des DEFA-Hits von damals.

Luitgard Koch