Das Kapital im 21. Jahrhundert

Kaum ein Buch wurde in den letzten Jahren so intensiv und kontrovers diskutiert wie Thomas Pikettys „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. Ein zwar populäres, aber doch komplexes Buch, dass wirtschaftswissenschaftliche Theorien auseinandernimmt, zu verfilmen liegt nicht unbedingt auf der Hand, doch Justin Pemberton gelingt in seinem 100 minütigen Pamphlet das Kunststück, komplexe Inhalte verständlich zu visualisieren.

Webseite: www.studiocanal.de

Dokumentation
Capital in the Twenty-First Century
Frankreich/ Neuseeland 2019
Regie: Justin Pemberton
Buch: Matthew Metcalfe, Justin Pemberton, Thomas Piketty, nach dem Buch von Thomas Piketty
Länge: 104 Minuten
Verleih: StudioCanal
Kinostart: 17. Oktober 2019

FILMKRITIK:

Die Ungleichheit innerhalb der kapitalistischen Gesellschaften nimmt zu, daran besteht kein Zweifel. Die Gründe für diese Entwicklung beschrieb der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty in seinem 2014 auch in Deutschland erschienenem Bestseller „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ auf ebenso klare, wie überzeugende Weise: Kurz gesagt werden die Reichen reicher und die Armen ärmer. Eine an sich ebenso auf der Hand liegende Feststellung, wie die Tatsache, dass es kein unbegrenztes Wachstum geben kann. So offensichtlich sind diese Erkenntnisse, dass die Frage ist: Warum werden sie von den kapitalistischen Gesellschaften dennoch weitestgehend ignoriert?
 
Die Antwort ist der Kern von Pikettys Buch und auch von der gleichnamigen Dokumentation, die Justin Pemberton in enger Zusammenarbeit mit Piketty gedreht hat. In ihr kommen nehmen Piketty zahlreiche andere Historiker und Wirtschaftswissenschaftler zu Wort, die in kurzen, prägnanten Kommentaren erklären, was Pemberton auf einfallsreiche Weise bebildert: Die Entwicklung des westlichen Wirtschaftssystem vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart und darüber hinaus. In Ermangelung von historischem Bildmaterial wählt Pemberton anfangs Ausschnitte aus Spielfilmen über die Zeit von Jane Austen oder den Hof von Versailles, eine aristokratische Ära, in der der Reichtum der Nationen weitestgehend in den Händen des obersten einem Prozent lag. Hört sich bekannt an? Das ist der Punkt, der zunehmend deutlicher wird.
 
Damals wurde Wohlstand vor allem vererbt, lebte die Oberschicht nicht von Arbeit, sondern von Kapitalerträgen aus dem Besitz von Land und daran hat sich im Kern bis heute kaum etwas geändert. In einem wahren Parforceritt beschreibt Pemberton nun die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der westlichen Welt, streift die Zeit der Kolonialreiche, die es vor allem England und Frankreich ermöglichten, immer reicher zu werden, kommt über die Katastrophen der Weltkriege zur Nachkriegszeit, in der für kurze Zeit das Bedürfnis herrschte, zu teilen. Die Sozialsysteme entstanden, die ein Maß an Gerechtigkeit versprachen, wie es ihn nie zuvor gegeben hatte.
 
Doch in den 80er Jahren begann sich der Neoliberalismus breit zu machen, der Einfluss des Staates wurde zurückgeschraubt, Banken wurden dereguliert und spätestens nach dem Ende des Kommunismus schien der Siegeszug des Kapitalismus unaufhaltsam. Bis zur Krise von 2008 hielt dieser Glaube, zumindest wenn man das kaum unterschwellige Knarzen und Rumoren des Systems ignorierte. Dass die aktuellen Entwicklungen, das Gefühl vieler Menschen – egal ob begründet oder nicht – dass sie abgehängt werden, dass es ihnen nicht mehr so gut geht, wie gehofft, auch zum Erstarken von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit beitragen, ist ein zusätzlicher Aspekt.
 
Der wie vieles andere in den kaum 100 Minuten von „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ nur gestreift wird. Manch anderes wird ähnlich kurz abgehakt, Zusammenhänge werden verkürzt, aber wie könnte es anders sein. Doch im Kern ist Justin Pemberton ein mitreißender, bemerkenswert undogmatischer Film gelungen, der im Gegensatz zu manch anderem kapitalismuskritischen Film jüngerer Vergangenheit nicht vom ersten Moment an so tut, als würde er und nur er die Wahrheit kennen. Doch gerade, dass er dies nicht tut, dass er die Fakten präsentiert und die Wertung dem Zuschauer überlässt, macht seine Wirkung umso stärker. Nicht nur an Schulen sollte diese die an sich offensichtlichen Fallstricke des Kapitalismus entlarvende Dokumentation möglichst schnell zum Pflichtprogramm werden.
 
Michael Meyns