Das Land der Heiligen

Das Land der Heiligen – so wurde Kalabrien im Süden Italiens einst bezeichnet. Doch das ist lange her. Heute steht die Region stellvertretend für jene Gegenden, in denen die 'Ndrangheta besonders brutal wütet. Der Krimi „Das Land der Heiligen“ ist ein im mafiösen Milieu angesiedelter Film, der ebenso sehenswert wie außergewöhnlich ist. Einerseits, weil er nahezu ohne Gewaltszenen auskommt. Und weil er aus völlig ungewohnter Perspektive erzählt wird. Nämlich aus der Sicht von zwei Frauen, die an verschiedenen Enden des Gesetzes stehen.

Webseite: www.kairosfilm.de

OT: La Terra dei Santi
Italien 2015
Regie: Fernando Muraca
Drehbuch: Monica Zapelli
Darsteller: Valeria Solarino, Daniela Marra, Lorenza Indovina,
Ninni Bruschetta, Tommaso Ragno, Francesco Colella
Länge: 89 Minuten
Verleih: Kairos Film
Kinostart: 22. Juni 2017

FILMKRITIK:

Die von außen so idyllisch wirkende Region Kalabrien ist vielerorts von der Gewalt der 'Ndrangheta durchzogen. So auch die neue Arbeitsstätte der  resoluten Staatsanwältin Vittoria (Valeria Solarino), die aus dem Norden stammt. Ihr Ziel: die mafiösen Machtstrukturen der Clans zu zerschlagen. Mit einem solchen Clan-Boss ist Caterina (Lorenza Indovina) verheiratet, die sich an die Gewalt um sie herum gewöhnt zu haben scheint. Auch ihre Schwester Assunta (Daniela Marra), verwitwet und zweifache Mutter, gehört zur „ehrenwerten Familie“. Assunta leidet sehr unter der Ehe mit ihrem Schwager (Francesco Colella), zu der sie gezwungen wurde. Und während ihr Sohn Giuseppe (Piero Calabrese) davon träumt, eines Tages an die Spitze des Clans zu kommen versucht Vittoria, den Mafia-Frauen die Augen für die Schandtaten ihrer Männer zu öffnen.

Nach dem Drama „Duns Scotus“ (2011), ist „Das Land der Heiligen“ der zweite Spielfilm des Italieners Fernando Muraca. Muraca konzentrierte sich in den letzten Jahren auf seine Arbeit fürs Fernsehen. So zeichnete er für diverse Episoden der TV-Serien „Kommissar Rex“ und „Don Matteo“ verantwortlich. „Das Land der Heiligen“ wurde 2015 in der italienischen Region Apulien gedreht. Das Drehbuch des Krimis verfasste die Autorin Monica Zapelli, die auch den gleichnamigen Roman zum Film schrieb.
Das Land der großen Heiligen – unter dieser Bezeichnung war Kalabrien einst bekannt. Heute ist die südlichste Region des italienischen Festlandes zu großen Teilen in fester Hand der Mafia. Die 'Ndrangheta mordet, erpresst und korrumpiert dort so stark, dass seit 1991 über 70 Gemeinden in der Region, von der Mafia unterwandert wurden. Fest in deren Händen ist zudem jener Ort, an dem die Geschichte von „Das Land der Heiligen“ spielt. Ein Film, der sich von typischen Krimis und Thrillern, die ebenso im Mafia-Milieu angesiedelt sind, deutlich unterscheidet.

Das liegt zum einen an der Erzählperspektive. Der Film schildert die Machtkämpfe innerhalb sowie außerhalb der Familie aus konsequent weiblicher Perspektive. Vor allem aus der Sicht der jungen Assunta, nehmen wir auf subtile Weise das brutale Vorgehen des Clans wahr. Ein erbarmungs- und rücksichtsloses Vorgehen, mit dem Ziel, das dichte Netz aus Drogenhandel, Erpressung und Mord aufrecht zu erhalten. Von diesen Taten sieht man im Film selbst aber nicht viel. Wenn überhaupt nur am Rande, auf Bildern oder durch Erzählungen. Dies unterscheidet das Werk zudem deutlich von anderen Filmen dieser Gattung. Im Zentrum steht weniger die voyeuristische Zur-Schau-Stellung von Mord und Totschlag als vielmehr das Innenleben der weiblichen Figuren. Und wie diese auf die Gewalt um sie herum reagieren. Sowie auf die Zwänge, denen sie unterworfen sind.

Es sind zwei starke Frauenfiguren, die immer wieder aneinander geraten und an zwei unterschiedlichen Enden des Gesetzes stehen: Staatsanwältin Vittoria (entschlossen und vielschichtig von Valeria Solarino verkörpert) einerseits, die den Frauen der Mafiosi die Augen öffnen will. Und – in einer sehr eindringlichen Szene auf dem Polizeirevier – sogar damit droht, Assunta die Kinder wegzunehmen. Und auf der anderen Seite eben jene Assunta, brillant dargestellt von Daniela Marra. In Assuntas Gesicht spiegelt  sich oft die Ausweglosigkeit ihrer Situation wieder. Sie muss zur Familie halten, selbst wenn sie insgeheim hin und wieder zweifelt und in Gewissensbisse gerät – manifestiert durch unsichere Gesten und zweifelnde Blicke. Aber die Gemeinschaft steht über allem, wie der sadistische Clan-Chef u.a. im Rahmen einer unter die Haut gehenden Aufnahmezeremonie, deutlich macht.

Außergewöhnlich ist auch die Optik des Films. Regisseur Muraca taucht nahezu sein komplettes Werk in ein düsteres, trostloses Blau. Jener visuelle Kniff vermittelt eine Atmosphäre, die stellvertretend für die komplette Stimmung in der Region zu stehen scheint: gespenstisch, trist, aussichtslos.

Björn Schneider