Das Land der verlorenen Kinder

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Das Konzept eines „failed state“ schwebt über allem. Der einleitende Text erklärt, dass Venezuela mal ein reiches Land war, aber das Korruption und Misswirtschaft für den Abstieg gesorgt haben. Mehr als sechs Millionen Menschen haben das Land fluchtartig verlassen. Viele von ihnen ließen ihre Kinder zurück. Mehr als eine Million verlorene Kinder lebt in Venezuela – dieser Dokumentarfilm zeigt ihre, aber auch die Geschichte von zwei Frauen, die sich aller Widrigkeiten zum Trotz um ihre Kinder kümmern.

Webseite: https://www.realfictionfilme.de/das-land-der-verlorenen-kinder.html

Das Land der verlorenen Kinder
Deutschland 2024
Regie: Juan Camilo Cruz, Marc Wiese
Buch: Juan Camilo Cruz, Marc Wiese

Länge: 95 Minuten
Verleih: Real Fiction Filmverleih
Kinostart: 4. Juli 2024

FILMKRITIK:

Venezuela ist ein Paradebeispiel dafür, wie aus einer Erfolgsgeschichte eine Elendsgeschichte wird. Ein Land, das reich an Bodenschätzen ist, das Wohlstand generierte, das aber über Jahrzehnte hinweg heruntergewirtschaftet wurde, bis zum Kollaps, der Millionen zur Flucht in umliegende Länder trieb. Viele ließen ihre Kinder zurück, die nun in Armut leben, hungern, betteln, Ganggewalt erleben. Der Dokumentarfilm folgt ein paar dieser Kinder, aber auch zweier Mütter, die alles geben, um ihren Kindern das Überleben zu sichern.

Ein einfacher Film ist „Das Land der verlorenen Kinder“ nicht. Er ist bedrückend, weil er von einer immensen Hoffnungslosigkeit getragen wird. Niemand hofft hier noch auf ein besseres Leben, allenfalls aufs Überleben. Eine Mutter sagt, sie weiß, was Hunger bedeutet. Oftmals ist sie zwei Tage nicht, um ihren Kindern wenigstens ein bisschen geben zu können. Aber auch die leiden Hunger. Eines der schrecklichsten Gefühle, wenn der Magen zu schmerzen beginnt und Linderung nicht in Sicht ist. Der Film erzählt von verlorenen Leben, von der Angst, von der Trostlosigkeit, von der Tristesse des Armenviertels, in dem Leichen in Säcken verbuddelt werden, weil auch für Särge kein Geld vorhanden ist.

Der Film ist dabei sehr direkt, die Anwesenheit der Filmemacher spürt man nur selten. Das macht das Erleben dieses Films intensiver, weil der Blick in diese Welt ungeschönter erscheint. Wenn eine Frau sich mit drei ihrer Kinder auf dem Weg nach Kolumbien macht, aber den ältesten Sohn zurücklässt, der längst im Bandenleben assimiliert wurde, dann ist das erschütternd. Weil der Weg nach Kolumbien auch nur bedingt verheißungsvoll erscheint, und weil der 14-jährige Sohn davon erzählt, wie er fast von einer gegnerischen Gang umgebracht worden wäre. Er lebt ein Leben der Gewalt, er raubt die aus, die mehr haben, und er schreckt nicht davor zurück, zu schießen. Weil er nichts fühlt, weil niemand hier noch etwas fühlt. Nur ohne zu fühlen, kann dieses Leben, das keine Aussicht auf Besserung mit sich bringt, ertragen werden. Das Publikum indes wird von einem Sturm der Gefühle überwältigt. Kein schöner Film, aber einer, den man nicht so schnell vergisst.

 

Peter Osteried