Das letzte Geschenk

Er kann schon ein arger Nörgler sein, der Schneider Abraham. Seine Laune wird kaum besser, als die Töchter den fast 90jährigen ins Altersheim abschieben wollen. Trotzig macht sich der Senior spontan auf die Reise von Argentinien nach Polen. Dort wurde er geboren. Und erlebte als jüdisches Kind die Gräuel der Nazi-Diktatur. Noch einmal möchte Abraham seinen Jugendfreund und Lebensretter treffen. Auf seinem abenteuerlichen Europa-Trip trifft der kauzige Alte hilfsbereite Mitmenschen, macht wunderbare Erfahrungen und stellt sich den Dämonen seiner Vergangenheit. Dem Drama gelingt souverän die Balance zwischen Tragik und Heiterkeit, nicht zuletzt wegen dem hervorragenden Hauptdarsteller dieses anrührenden Helden. Drei Publikumspreise auf Festivals sind allemal kein schlechtes Omen!

Webseite: www.kairosfilm.de

Argentinien / Spanien 2017
Regie und Buch: Pablo Solarz
Darsteller: Miguel Ángel Solá, Ángela Molina, Julia Beerhold, Natalia Verbeke, Olga Boladz, Martín Piroyansky, Jan Mayzel
Filmlänge: 93 Minuten
Verleih: Kairos Filmverleih
Kinostart: 5.3.2020

FILMKRITIK:

Eigenwillige Senioren erobern längst recht erfolgreich die Leinwand, von „Ein Mann namens Ove“ über „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ bis „Toni Erdmann“. In der südamerikanischen Variation gibt der Schneider Abraham Bursztein (Miguel Ángel Solá) nun den betagten Helden mit lädiertem Bein und leidvoller Kindheit. Als seine Töchter ihn ins Altenheim abschieben wollen, fasst der 88-Jährige einen kühnen Plan. Heimlich will er von Buenos Aires nach Polen reisen, um seinem Jugendfreund Piotrek dessen Anzug zurückzubringen, so wie er es ihm einst versprochen hat. Über 70 Jahre ist das her, seitdem hatten die beiden keinen Kontakt mehr. Davon lässt Abraham sich nicht beirren, stur will er dieses titelgebende, letzte Geschenk in Lodz abliefern.
 
Weil kurzfristig keine passenden Flüge verfügbar sind, bucht der Schneider ein Ticket nach Madrid und will die Reise mit dem Zug fortsetzen. Mit einem verblüffenden Trick (den man sich für seine nächsten Flug merken sollte!) verschafft sich der Reisende eine ganze Sitzreihe im Flieger. Abraham hat nicht nur Platz für sein schmerzendes Bein, er macht zudem die Bekanntschaft mit einem jungen Musiker, der ihm bald noch nützlich werden soll. Nette Mitmenschen werden dem eigensinnigen Alten auf seiner Odyssee durch Europa immer wieder zur Seite stehen. Wie im Märchen tauchen diese guten Geister auf: Jene kratzbürstige Hotelbesitzerin Maria in Madrid, die dem bestohlenen Gast alsbald ihr goldenes Herz zeigt. Die gesellige Anthropologin Ingrid, die sein unversöhnliches Feindbild von Deutschen gehörig ins Schwanken bringt. Schließlich eine herzensgute Krankenschwester Gosia, die den geschwächten Helden persönlich bis ans Ziel bringt.
 
Je weiter die Reise geht, desto mehr wird die tragische Geschichte des Schneiders beleuchtet. In Rückblenden erinnert sich Abraham an die Gräuel der Nazi-Diktatur, die er als jüdisches Kind erlitten hat. Bis heute will er das Wort „Polen“ nicht aussprechen, sondern schreibt es stets auf einen Zettel. Mit Schrecken stellt der Holocaust-Überlebende am Pariser Bahnhof fest, dass sein Zug durch Deutschland fährt, ein Land, welches er nie wieder betreten wollte. Und dann erweist sich just jene deutsche Ingrid als rettender Engel in der Fremde.
 
So leidvoll diese Biografie des Senioren sich abzeichnet, gelingt dem Drama souverän die Balance zwischen Tragik und Heiterkeit. Von der politischen Dimension abgesehen, bewegt sich die persönliche Ebene auf dem klassischen grumpy old man-Terrain mit dem harte Schale-guter Kern-Prinzip. Als chronischer Rechthaber tut sich der Dickkopf nicht selten schwer damit, eigene Fehler zuzugeben. Aus solcher Sturheit ergeben sich freilich regelmäßig komische Moment, schließlich kann die Nervensäge durchaus charmant sein. 
 
Mit Miguel Ángel Solá ist der Hauptdarsteller exzellent besetzt. Mit großem Empathie-Potenzial findet er für den anrührenden Helden stets den richtigen Ton und die notwendige Leichtigkeit: Von den Erzählungen seiner traumatischen Kindheitserlebnisse über rigorose Lektionen in Höflichkeit für Mitreisende bis zum galanten Flirt als Gentleman. Den weiblichen Part übernimmt dabei Spaniens Schauspiel-Star Ángela Molina, die einst bei „Dieses obskure Objekt der Begierde“ von Luis Buñuel ihr Debüt gab. Das rührte auch die Zuschauer bei den Festivals von Atlanta, Miami und Philadelphia, die dem Film den Publikumspreis verliehen.
 
Dieter Oßwald