Das Leuchten der Erinnerung

Das klassische Roadmovie widmet sich meist jugendlicher Sehnsucht nach Freiheit, Identität und selbstbestimmten Leben. Der italienische Regisseur Paolo Virzi dagegen schickt ein altes Ehepaar auf die letzte Reise. Die beiden rebellieren mit ihrem Ausbruchsversuch gegen Bevormundung und Pflegeheim. Ihr Ziel: Das Abenteuer Leben. Seine beiden Hauptdarsteller Helen Mirren, als patente Ehefrau und Donald Sutherland, als demenzkranker Literaturprofessor, erweisen sich dabei als Glücksgriff. Die Schauspiellegenden meistern diesen Trip mit Bravour. Vor allem die Britin überzeugt mit unnachahmlicher Schlagfertigkeit und emotionaler Tiefe.

Webseite: www.dasleuchtendererinnerung.de

Italien, USA 2017
Regie: Paolo Virzi
Drehbuch: Francesco Piccolo, Paolo Virzì, Stephen Amidon, Francesca Archibugi
Darsteller: Donald Sutherland, Helen Mirren, Janel Moloney, Joshua Mikel, Kirsty Mitchell
Länge: 113 Minuten
Verleih: Concorde Film
Kinostart: 4.1. 2018

FILMKRITIK:

Ella Spencer (Helen Mirren) macht sich nichts vor. Die Ärzte haben bei ihr einen Tumor entdeckt. Doch die energische Achtzigjährige gibt nicht auf. Noch ein letztes Mal möchte sie mit ihrem Mann John (Donald Sutherland) dem tristen Alltag entkommen und dem Alter ein Schnippchen schlagen. Vor allem, da John, ein ehemaliger Literaturprofessor, mehr und mehr sein Gedächtnis verliert. Inständig hofft sie, dass ihn eine Reise nach Key West zum Geburtshaus von Hemingway, seines Lieblingsautors, wieder etwas in die Realität zurückbringt.

Heimlich packt sie das klapprige Wohnmobil aus alten Tagen. Ihre erwachsenen Kinder Will (Christian McKay) und Jane (Janel Moloney) dürfen nichts davon wissen. Sie wären entsetzt. Auf dem Highway erklingen aus dem Autoradio die Melodien der 1970er Jahre und wenn die beiden aus vollem Hals „Me and Bobby Mc Ghee“ anstimmen, scheint ihr Ausbruchsversuch gelungen. Doch immer wieder muss Ella erleben, wie weit sich John, trotz aller Liebe, von ihr entfernt hat.

„Was machst du denn auf dem Motorrad“, schreit der Familienvater wütend aus dem Auto als er Ella neben sich vorbeifahren sieht. Verwirrt stoppt er den Wohnwagen am Straßenrand, um seine Frau wieder einsteigen zu lassen. Doch der war bei ihrem Trip auf dem Bike nicht nach Fahrtwind, Abenteuer und Freiheit. Sie musste ihn einholen. Denn an der letzten Tankstelle brauste er einfach ohne sie davon. Trotzdem versucht Ella immer wieder an ihre gemeinsame Liebe anzuknüpfen. Hin- und hergerissen zwischen hilfloser Wut und Verzweiflung.

Als ihr charmanter Professor sich zwar an seine junge Literaturstudentin von einst erinnert, nicht aber an den Namen ihrer gemeinsamen Kinder, kann sie es trotzdem kaum fassen. Dass er sie eines Nachts mit ihrer Freundin und gemeinsamen Nachbarin Lillian (Dana Ivey) verwechselt, erstaunt sie zunächst nur. Als sie ihm dabei jedoch ein Geheimnis entlockt, verliert sie zunächst die Lust an der gemeinsamen Rebellion gegen alle gesellschaftlichen Konventionen. Frustriert über den Verrat verliert sie die Beherrschung. Dass ihre gemeinsame Reise reich an Erinnerungen sein würde, hoffte sie. Doch darauf war sie nicht gefasst.

Die beiden Schauspiellegenden Helen Mirren und Donald Sutherland erweisen sich bei diesem Roadmovie der besonderen Art als absoluter Glücksgriff. Ihr Ehepaar meistert den Trip in absoluter Würde. Humorvoll, schmerzhaft, ergreifend, tragisch und berührend zeigen sie, dass Alter nichts für Feiglinge ist. Dass die gesellschaftlichen Verhältnisse ihnen scheinbar keinen anderen Ausweg aufzeigen, sollte nachdenklich stimmen. Mit unnachahmlicher Schlagfertigkeit und emotionaler Tiefe überzeugt vor allem die brillante britische Oscarpreisträgerin bei diesem bittersüßen Drama.  

Bereits mit seinem großartigen Psychatrie-Film „Die Überglücklichen“ widmet sich der italienische Regisseur Paolo Virzi voller Klarheit denjenigen, die sich gegen den Verlust ihrer Autonomie aufbäumen. Damals schickte er sein Frauenduo auf tragikomische Eskapaden durch die Toskana. Nun verlagert der 53jährige seine Fluchtfantasie ins Land der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Michael Zadoorian wagt er sich an seinen ersten englischsprachigen Film. Stimmig fängt sein versierter Kameramann Luca Bigazzi dabei Bilder ein, ohne touristische Klischees zu präsentieren. Dass natürlich der Palmenstrand in Key West einfach himmlisch ist, daran lässt sich freilich nichts ändern. Sich hier auf seine eigene Art von der Welt zu verabschieden ist sicher nicht die schlechteste Idee.

Luitgard Koch

Eine letzte Reise bevor Alzheimer und andere Krankheiten sie einholen unternimmt das von Helen Mirren und Donald Sutherland gespielte Paar, das im Zentrum von Paolo Virzis „Das Leuchten der Erinnerung“ steht. Ein Road Movie ist dies, eine mäandernde Reise, zwischen Komik und Tragik, zwischen Leben und Tod.

Alt sind Ella (Helen Mirren) und John (Donald Sutherland) geworden, doch eines Morgens machen sie sich zu einer letzte Reise auf. Nicht etwa zu einem komfortablen Pauschalurlaub, sondern in ihrem alten Wohnmobil, mit dem sie früher in den Semesterferien des Englisch-Professors John, um die Welt reisten. Nun machen sie sich auf den Weg von Massachusetts, im Nordosten der Vereinigten Staaten, bis tief in den Süden, auf die Florida Keys, wo einst Ernest Hemingway lebte.

Zeit seines Lebens wollte John den Wohnort des von ihm hoch geschätzten Autors besuchen, nun erfüllt ihm Ella diesen Wunsch, gerade noch rechtzeitig, denn John ist dabei, sein Gedächtnis zu verlieren. Zunehmend erratisch agiert er, ist mal da, mal ganz weit weg, weiß manchmal selbst nicht mehr, wer Ella ist. Ella wiederum nimmt selbst Tabletten und leidet augenscheinlich an einer Krankheit, einer Krankheit, die ihre Reise in den Süden, zu einem Abschied werden lässt.

So komisch, ja fast klamaukig Paolo Virzis Film auch beginnt, das Reiseziel, die Erinnerung an Hemingway und seinen Selbstmord, nicht zuletzt auch ein Gewehr, das Ella im Wohnwagen mitführt lassen keinen Zweifel am Ausgang dieser Reise. Früh wird dadurch ein melancholischer Ton etabliert, der „Das Leuchten der Erinnerung“ davor bewahrt, allzu süßlich zu werden.

Denn immer wieder droht sich Paolo Virzi in seinem ersten auf englisch gedrehten Film, in oberflächlichen Momenten zu verlieren, inszeniert er die amerikanische Landschaft in weiten Bildern, begnügt sich oft damit, Episoden aneinanderzureihen, die unbestimmt zusammengefügt scheinen. Das etwa im Sommer 2016 gedreht wurde, während des Präsidentschaftswahlkampf, ermunterte Virzi zu zwei, drei Szenen, in denen John und Ella mit Trump-Anhängern konfrontiert werden, die von Ella abgelehnt werden, während John begeistert in die „America First“-Rufe einstimmt. Ob der Italiener Virzi, der in seiner Heimat mit Filmen wie „La Bella Vita“ oder „Die süße Gier“ bekannt wurde, damit etwas über die sozialen Verhältnisse Amerikas sagen möchte, ist schwer zu sagen. Wie so viele Filmemacher, die Filme in fremden Ländern und Kulturen drehen, ist auch Virzis Blick auf Amerika eher oberflächlich, fast touristisch.

Viel überzeugender dagegen und letztlich das, was Virzis Film doch noch sehenswert macht, ist das Verhältnis von John und Ella. Gerade Donald Sutherland überzeugt dabei als ehemaliger Professor, der in Momenten voller Begeisterung über Hemingways Stil diskutieren kann, um sich einen Moment später nicht mehr an die banalsten Dinge erinnern zu können. Die genau beobachtete Tragik eines Mannes, der langsam das Wichtigste in seinem Leben verliert, seinen Geist, lässt manchen klaumaukigen, oberflächlichen Moment vergessen und macht „Das Leuchten der Erinnerung“ durch das Zusammenspiel von Sutherland und Mirren zu einem berührenden Liebesfilm.

Michael Meyns