Das Löwenmädchen

Einen ungewöhnlichen Film über Außenseiter legt die norwegische Regisseurin Vibeke Idsoe mit der Romanverfilmung „Das Löwenmädchen“ vor. Von extremen Haarwuchs am ganzen Körper geplagt ist die Heldin der Geschichte, die über die mehrere Jahrzehnte reichende Handlung ihren Platz in der Gesellschaft sucht, vor allem aber ihren persönlichen Umgang mit ihrer Andersartigkeit.

Webseite: www.dasloewenmaedchen-derfilm.de

Lovekvinnen
Norwegen/ Deutschland 2016
Regie: Vibeke Idsoe
Buch: Vibeke Idsoe, nach dem Roman von Erike Fosnes Hansen
Darsteller: Rolf Lassgard, Mathilde Thomine Storm, Ida Ursin-Holm, Kjersti Tveteras, Aurora Lindseth Lokka, Connie Nielsen, Ken Duken, Burghart Klaußner
Länge: 126 Minuten
Verleih: NFP, Vertrieb: Filmwelt
Kinostart: 14.9.2017

FILMKRITIK:

Im Winter des Jahres 1912 wird in einem einsamen norwegischen Dorf ein Kind geboren, dass bald auf den Namen Eva getauft wird. Ein ironischer Name, vielleicht aber auch nicht, ist diese Eva doch ein ganz besonderes Wesen: Über und über mit Haaren bedeckt, von denen ihr Vater, der Bahnhofsvorsteher Gustav (Rolf Lassgard), anfangs noch hofft, dass sie verschwinden werden. Doch diese Hoffnung ist vergeblich, die äußerst seltene Krankheit Hypertrichose ist nicht heilbar und so wächst Eva in der Abgeschlossenheit der Bahnhofsstation heran. Wichtigster Bezugspunkt des Mädchen ist Hannah (Kjersti Tveteras), die nach dem Tod von Evas Mutter im Kindbett, als Amme engagiert wurde und bald Kindermädchen und Ersatzmutter wird.
 
Während der Vater Evas besonderes Merkmal vor den neugierigen Dorfbewohnern verheimlichen will, drängt Hannah darauf, Eva ein möglichst normales Leben zu ermöglichen. Was auch überraschenderweise zu gelingen scheint. Bald darf Eva die Dorfschule besuchen, verheimlicht zu Hause jeglichen Bericht von Übergriffen durch die anderen Kinder, um ja nicht ihre neu gewonnene Freiheit zu gefährden.
 
Doch wie frei ist Eva wirklich? So selbstverständlich die Dorfbewohner nach Jahren mit der langsam erwachsen werdenden Eva (nun gespielt von Ida Ursin-Holm) umgehen, vollständig akzeptiert fühlt sich Eva nicht. Und nimmt schließlich das Angebot des Impresario Johannes Joachim (Burghart Klaußner) an, der mit einer Truppe von so genannten Freaks durch die Gegend zieht. Unter siamesischen Zwillingen, einem Echsenmann oder einer bärtigen Frau scheint Eva ihr wahres zu Hause gefunden zu haben, doch ist sie hier wirklich glücklich?
 
So beschaulich wirkt das Leben Evas, wie es Vibeke Idsoe in ihrer Verfilmung des Erfolgsromans von Erike Fosnes Hansen, schildert, dass man sich lange fragt, wo denn das Problem ist. Trotz ihres offensichtlich ungewöhnlichen Äußeren wird Eva in ihrem Dorf bald akzeptiert, als der ganz normale Mensch behandelt, der sie unter ihrem Äußeren ist. Es ist dann weniger das Dorf und seine Bewohner, die ein Problem mit Eva haben, als Eva selbst, die trotz allem spürt, dass sie eben doch nicht so normal ist, aber auch nicht so gewöhnlich, wie getan wird. Sie ist anders, aber nicht nur äußerlich, sondern auch intellektuell: Schon bald zeigt Eva besondere mathematische Fähigkeiten, Fähigkeiten, die sie eigentlich an die Spitze der Wissenschaft bringen würden, wäre sie nicht so anders.
 
Anderssein ist eines der immer wiederkehrenden Themen der Kunst und des Kinos, wobei der Blick oft von außen auf Menschen mit besonderem, ungewöhnlichem Äußeren oder Gaben gerichtet wird, auf den Umgang, die Integration oder Zurückweisung dieses Anderen. Zumindest in Ansätzen versucht Vibeke Idsoe einen umgekehrten Blick auf das Thema zu werfen und zu zeigen, wie sich ein Anderer fühlt. Kann das Gefühl, anders zu sein, jemals ganz verschwinden, so sehr die „normale“ Mehrheitsgesellschaft sich bemüht zu zeigen, dass man dazugehört? Für einen Moment scheint „Das Löwenmädchen“ da gar zu suggerieren, dass es einfacher wäre, würde Eva sich ganz aus der „normalen“ Gesellschaft zurückziehen und ihr Glück bei den quasi Gleichgesinnten der Schaustellertruppe finden.
 
Dass dieser Gedanke für kurze Momente aufkommt deutet den großen Bogen an Emotionen und Überlegungen an, die hier abgehandelt werden. Etwas zu ausufernd wirkt die Erzählung bisweilen, die zwischen langen Passagen des geradezu bukolischen Dorflebens und kurzen Momenten der Dramatik wechselt. Doch auch wenn es Vibeke Idsoe nicht immer gelingt, die Romanvorlage überzeugend in einen zweistündigen Film zu übertragen, als ungewöhnlicher Blick auf den Umgang mit dem Anderen, dem Abweichen von der vorgegebenen Normalität, kann „Das Löwenmädchen“ immer wieder überzeugen.
 
Michael Meyns