Das perfekte Schwarz

Viele Assoziationen weckt der Begriff Schwarz, von der aktuellen Black-Lives-Matter-Bewegung über schwarze Löcher bis zum Schwarz der Nacht, das in westlichen Breiten gar nicht mehr so schwarz ist. Ein vielfältiges Thema also, das Tom Fröhlich in seinem essayistischen Dokumentarfilm „Das perfekte Schwarz“ weiträumig behandelt und dabei sechs Menschen porträtiert, die sich auf unterschiedliche Weisen mit dem Thema Schwarz beschäftigen.

Website: www.filmkinotext.de/das-perfekte-schwarz.html

Dokumentation
Deutschland 2020
Regie & Buch: Tom Fröhlich
Länge: 75 Minuten
Verleih: Film Kino Text
Kinostart: 19. November 2020

FILMKRITIK:

Vor einigen Jahren herrschte Aufregung in der Kunstwelt: Der britische Künstler Anish Kapoor, bekannt für gigantische, einfarbige Skulpturen, hatte sich das Recht auf die Nutzung der Farbe Vantablack gesichert, ein Schwarz, das 99,965% des Lichts absorbiert, also fast perfekt Schwarz ist.
Vielleicht hat Tom Fröhlich an Kapoor gedacht, als er mit der Arbeit an seinem Film begann, denn zumindest einer seiner Protagonisten verfolgt ähnliche Ziele: Der Drucker Dieter Kirchner, der nach einer schweren Augenverletzung zwar teilweise blind ist, aber besonders die Tiefen des Schwarz noch gut erkennen kann. Denn gerade für den Druck von Zeitungen, Zeitschriften und vor allem Bildbänden ist möglichst schwarzes Schwarz von entscheidender Bedeutung für die Qualität. Je tiefer das Schwarz, desto kräftiger wirken im Kontrast die anderen Farbtöne, man denke nur an die aus Kostengründen schon lange eingestellte Tiefdruckbeilage der FAZ.

Doch auch Kunstfotografen, die ihre oft in schwarz-weiß entstandenen Aufnahmen in möglichst brillanter Qualität gedruckt sehen wollen, verlangen nach einem schwarzen Schwarz, das Kirchner schließlich in der Natur fand: In einem Vulkanopsidian. Die Obsession, mit der Kirchner jahrelang auf der Suche war, verbindet ihn mit anderen Personen, die in „Das perfekte Schwarz“ porträtiert werden, der Meeresbiologin Antje Boetius etwa, die in den Tiefen des Meeres forscht. Dort, wo kein Sonnenstrahl hinunterreicht, findet sich dennoch eine erstaunliche Artenvielfalt und vielleicht auch manche Antwort auf die Rätsel der menschlichen Existenz.

Antworten auf diese Fragen sucht auch der Astrophysiker Eike Günther, allerdings in entgegengesetzter Richtung: Mittels eines riesigen Teleskops blickt er in die Weiten des Weltalls und forscht an schwarzen Löchern, jenen seltsamen Objekten, die so schwer sind, dass sie alles was ihnen zu nahe kommt förmlich aufsaugen, inklusive des Lichts. Gerade in diesem Nichts können Physiker Antworten auf die Entstehung des Universums finden, wo andere nur schwarz sehen, sehen sie sozusagen das Licht der Erkenntnis.

Ähnlich mag man das Verhältnis der Künstlerin Dorothea Stockmar zur Farbe Schwarz verstehen, genauer gesagt die Tatsache, das Stockmar – die langjährig in der Hospiz-Bewegung aktiv war – Trauer nicht als dunkel, als schwarz auf die Leinwand bringt, sondern in Farben. Ein Teil des Lebens sei Tod und Trauer und da das Leben bunt sei, ist es auch die Darstellung der Trauer, sagt dazu die Künstlerin.

Ganz unterschiedliche Ansätze zum weiten, kaum zu fassenden Thema Schwarz hat Fröhlich zusammengetragen, die sich bisweilen ergänzen, auch widersprechen. Weniger eine runde, Ecken und Kanten vermeidende, Studie ist „Das perfekte Schwarz“ dadurch geworden, sondern ein loses Suchen nach einer Antwort auf die Frage, worin die Faszination für die Farbe Schwarz besteht.

Michael Meyns