Das Pferd auf dem Balkon

Ein Pferd auf einem Balkon? Schmarrn, denkt man sich. Und doch: vieles in diesem sehenswerten Kinderfilm von Hüseyin Tabak erscheint im ersten Moment herbeifantasiert. Ist es aber nicht: gerade weil die auf dem 1971 erschienenen Jugendbuch von Milo Dor basierende Verfilmung (das Drehbuch schrieb sein Sohn, der Wiener Filmproduzent Milan Dor) die Besonderheiten von Figuren und Geschichte ernst nimmt, ist ein amüsanter, spannender und kurzweiliger Film für die ganze Familie herausgekommen. Mit einigen kleinen Verrücktheiten zwar, aber eben auch Dingen, über die nachzudenken sich lohnt.

Webseite: www.daspferdaufdembalkon.com

Österreich 2012
Regie: Hüseyin Tabak
Darsteller: Enzo Gaier, Nataša Paunoviæ, Nora Tschirner, Andreas Kiendl, Bibiana Zeller, Ernst Stankowski, Branko Samorvski, Murathan Muslu, Alexander Fennon
90 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 19.9.2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Der mit seiner alleinerziehenden Mutter (angenehm zurückhaltend: Nora Tschirner) in Wien lebende Mika (Enzo Gaier) ist ein Außenseiter, aber auch ein kluges Köpfchen. Der Zehnjährige mag Mathematik (weshalb er die Linien des Fußballfeldes seiner Klassenkameraden für den Kinobesucher im sichtbar richtigen Winkelverhältnis anordnet), ist in Bezug auf Alltagsroutinen aber äußerst pedantisch. Zum Beispiel muss er auf die Minute genau immer um 14:17 Uhr Mittagessen. Warum das so ist, erklärt er seiner etwa gleichaltrigen Nachbarin Dana (Nataša Paunoviæ) damit, dass er das Asperger Syndrom habe und außerdem Lügen hasse. Obwohl sie ihm erklärt, dass sie eine indische Prinzessin sei (was er nicht glaubt), kann er sie trotzdem gut leiden, wohl auch deshalb, weil sie überhaupt eines der wenigen Kinder ist, die sich mit ihm anfreunden.

Abenteuerlich wird es, als Mika eines Tages Hufgetrappel im Hof seines Wohnblocks hört und bald darauf ein Pferd auf einem der Balkone steht. Dana will das natürlich erstmal nicht glauben, kraxelt aber hinauf auf besagten Balkon und öffnet dem verdutzten Mika die Tür. Und tatsächlich: da steht ein stattliches braunes Pferd. Wie sich herausstellt, hat es Nachbar Sascha (Andreas Kiendl) bei einer Tombola gewonnen, und abgesehen davon, dass er sich den Unterhalt gar nicht leisten kann, sieht die Hausordnung ein Pferd auf dem Balkon auch gar nicht vor. Sascha erkennt aber, dass Mika und das Pferd einen besonderen Draht zueinander haben und so wird beschlossen, das Reittier auf einem Reiterhof unterzubringen. Dort stellt man fest, dass das Pferd ein berühmtes Rennpferd gewesen sein soll, was Sascha insofern gefällt, weil er durch den Verkauf darauf hofft, seine bei zwei zwielichtigen Gestalten aufgelaufene Spielschulden endlich begleichen zu können. Doch dann ist das Pferd plötzlich verschwunden.

Zu Beginn des Filmes gibt Mika mit seiner Feststellung, dass wenn schon jeder Mensch anders sei als die anderen, es „doch egal ist, wenn manche Menschen ein bisschen mehr anders sind.“ Er sagt das natürlich vor dem Hintergrund seines Asperger Syndroms. Übertragen ließe sich seine Feststellung freilich auch auf seine Familienkonstellation, in der es nur eine alleinerziehende Mutter gibt aber keinen Vater, dafür aber eine Nachbarin, die als Oma-Ersatz fungiert. Dass Dana keine Prinzessin ist, das glaubt man auch als Zuschauer nicht, ahnt aber schon, dass auch ihre Familie keine gewöhnliche ist. Gesagt wird es nicht, aber in dieser von Toleranz und Freundschaft erzählenden Geschichte ist die Gastfreundschaft ihrer ganz sicher in Angst vor einer Abschiebung lebenden Familie ein ganz wichtiger Aspekt.

Anders als in der Jugendbuchvorlage seines Vaters hat Milan Dor, dessen Produktionsfirma einst auch die österreichische Kultkomödie „Indien“ produzierte, in seiner Neufassung nicht die Perspektive der Erwachsenen eingenommen, sondern die der Kinder. Der zehnjährige Mika ist darin ein ernster und nachdenklicher junger Weltenbürger, der sich viele Gedanken macht. Dass er Witze nicht verstehen kann, sorgt natürlich für eine besondere Komik, ohne seine von Enzo Gaier glänzend gespielte Figur dabei bloßzustellen. Mit der etwas draufgängerischen Dana jedenfalls gibt Mika ein starkes Doppel bei der Erkundung der Großstadt und der Suche und Rettung des Pferdes ab.

Statt in Bezug auf das Asperger Syndrom in eine Betroffenheits-Dramaturgie zu verfallen, wird Mikas Zustand als ein normaler angenommen. Überhaupt schlägt der Film sein Kapital nicht daraus, dass er die Schwächen der Krankheit ausbreitet, sondern die Stärken des Jungen ins Feld führt – und über die Freundschaft zum Pferd vermittelt, dass für Kinder in einer solchen Situation das Reiten oder die Arbeit mit Pferden sogar eine therapeutische Wirkung haben können. Gut zu Gesicht steht dem Film aber auch die Verbindung von surreal und außergewöhnlich wirkenden Situationen mit märchenhaften Momenten, etwa durch Fantasie- und Traumszenen, sowie die Einbettung in einen kleinen Krimiplot, in dem Kinder als Detektive auftreten und Gefahren mit Humor begegnen ohne leichtsinnig zu wirken.

Thomas Volkmann

Der Kinderfilm nach dem gleichnamigen Buch von Milo Dor erzählt die Geschichte des Jungen Mika, der Mathematik liebt und rechte Winkel sieht, wo andere nur Fussball spielen wollen. Er wird aggressiv, wenn das Essen nicht auf die Minute genau auf dem Tisch steht und hat es auch sonst schwer, Freunde zu finden, weil er niemanden nah an sich heranlassen kann. Aber er sieht besondere Dinge, die andere nicht sehen, zum Beispiel ein Pferd auf dem Balkon des neuen Nachbarn. Als sich herausstellt, dass dieses Pferd tatsächlich existiert und auch noch viel Geld wert ist, wird es zum Objekt der Begierde. Und als zwei Gauner es stehlen, beginnt für Mika eine abenteuerliche Jagd, während der das indische Nachbarmädchen Dana, die Mikas Besonderheiten zu schätzen weiß, seine beste Freundin wird. Auch das Ende ist ein echtes Familienfilmhappyend, wobei daran noch am wenigsten zu kritisieren ist in dieser insgesamt zu wenig inspirierten Kinderbuchadaption.

Mika (Enzo Gaier) ist ein bisschen anders. Er sieht überall rechte Winkel, wo die Jungs aus seiner Schule einfach nur Fußball spielen wollen, er kann Lärm nicht ertragen und rastet aus, wenn das Mittagessen nicht pünktlich 17 Minuten nach Zwei auf dem Tisch steht. Seine alleinerziehende Mutter (Nora Tschirner) und Tante Hedi (Bibiana Zeller), eine Nachbarin, die zur Ersatzoma avanciert, scheinen die einzigen zu sein, die mit ihm umzugehen wissen und ihn mögen, so wie er eben ist: ein bisschen anders, ein bisschen autistisch. Denn Mika hat das Asperger Syndrom und kann die Diagnose einschließlich der typischen Symptome auch im Affenzahn runterrasseln, wenn er sich einem Fremden vorstellt.

Durch seine etwas andere Art, die Welt zu erleben, durch seine Angst vor Lärm und körperlicher Nähe hat er es schwer, Freunde zu finden. Nur das indische Nachbarmädchen Dana (Nataša Paunoviæ) interessiert sich für seine Besonderheiten. Sie klebt zwar ein bisschen penetrant an seinen Fersen, wird aber im Laufe der Geschichte zur guten Freundin. Denn eines Nachts hört Mika ein Wiehern und richtig: auf dem Balkon des gerade neu eingezogenen Nachbarn Sascha (Andreas Kiendl) steht ein Pferd. Es wird schnell klar, dass dieser Mann einer von der wirklich netten Sorte ist, wenn auch arm und von zwei Gaunern gejagt, die Spielschulden bei ihm eintreiben wollen. Dass Mikas Mutter ihm nach dessen ersten Ausflug mit Mika und dem Pferd gleich jeglichen Kontakt zu ihrem Jungen untersagt, wirkt allerdings genauso übertrieben und unmotiviert, wie vieles andere in diesem Kinderfilm nach dem gleichnamigen Buch von Milo Dor.

Das Hauptproblem scheint mir darin zu liegen, dass der Film seine erwachsenen Figuren nicht ernst nimmt, und damit eine Art Pseudowirklichkeit hergestellt wird, in der alles und nichts möglich ist. Ob Mutter, Nachbar, Taxifahrer oder Gauner – es sind zumeist eindimensionale Typen, die wenig zu tun haben mit echten Menschen in einer ja doch nicht nur für Mika komplizierten und keineswegs konfliktfreien Welt. Auch Oma Hedi ist zwar eine charismatische alte Dame, die wohl mal bessere Zeiten gesehen hat. Mika gegenüber bleibt sie aber lediglich verständnisvoll und nett, auch wenn er z. B. gar nicht zuzuhören scheint, wenn sie ihm vorliest.
Sie alle leben in einem Mietshauscarreè am Stadtrand von Wien in eher einfachen Verhältnissen. Als es für Sascha eng wird mit der Spielschuld scheint es aber kein Problem zu sein, dass Hedi mit einer Luxuslimousine vor dem Spielcasino vorfährt, um ausgerüstet mit Kamera und Knopf im Ohr, über das ihr Mika die Gewinnzahlen flüstert, den Nachbarn rauszuhauen aus seiner Misere.

Solche und andere Ungereimtheiten lassen den Film immer wieder auseinanderbröckeln, denn die Grundidee der Geschichte, dass in einer wirklichen Welt auch Ungewöhnliches passieren kann, funktioniert nicht, wenn sowieso andauernd und in undurchschaubarer Beliebigkeit ungewöhnliche Dinge passieren. Da ist ein Pferd auf einem Balkon einer Mietwohnung dann auch nichts Besonderes mehr, wenngleich es für Mika das erste Wesen wird, an das er sich annähert und dessen Nähe er aushalten kann.

Überhaupt will der Film vieles auf einmal, aber alles nur ein bisschen. Es geht sowohl um die Krankheit Mikas und dessen Therapie mit dem Pferd, es geht um eine überbesorgte und natürlich auch noch alleinerziehende Mutter, die ihm schon auch ein bisschen die soziale Phobie vorlebt, die bei Mika Krankheit heißt, dann gibt es die neuerdings im Kinderfilm unvermeidliche Krimihandlung, die duchsichtiger nicht sein könnte, und am Ende feiert man auch noch ein Multikulti – Weihnachtsfest, ohne dass das irgend etwas Sinnträchtiges mit der Geschichte zu tun hätte.

Enzo Gaier als Mika trägt den Film dennoch über weite Strecken, weil es einfach Freude macht, in dieses intelligente, neugierige und feinsinnige Kindergesicht zu schauen. Auch die filmischen Ausflüge ins Surreale, die Mikas besonderen Blick auf die Welt illustrieren, sind eine sympatische Bereicherung, weil sie nicht mehr sein wollen, als das, was sie sind: Bilder seiner Innenwelten.
Am Ende rettet Mika das Pferd, das ihm wiederum hilft, Nähe zuzulassen, und auch seine alleinerziehende Mutter und der neue Nachbar kommen sich näher. Ein echtes Familienfilmhappyend in einer insgesamt zu wenig inspirierten Kinderbuchadaption.

Caren Pfeil

Der kleine Mika aus Wien leidet am Asperger-Syndrom, eine leichte Form von Autismus. Das bringt Vor und Nachteile mit sich. Er ist zu Beispiel mathematisch sehr begabt („die Zahl 6 ist unzuverlässig, weil sie umgekehrt eine 9 ergibt“), kann beispielsweise nicht lügen („auch die Wahrheit kann manchmal eine Lüge sein“) und hat märchenhafte Vorstellungen und Einfälle, die er um jeden Preis durchsetzen will.

Dafür gilt er in der Schule als Einzelgänger, ist nicht sehr beliebt. Gottlob sorgt seine alleinerziehende Mutter gut für ihn.

Eines Nachts sieht er auf dem Balkon einer benachbarten Wohnung tatsächlich ein Reitpferd stehen; dieses Mal ist es echt und keine Einbildung, die seinem Leiden zuzuschreiben wäre. Sascha hat es auf den Balkon geschafft. Er hat Spielschulden und will es deshalb an den Mann bringen. Der Pferdemetzger droht.

Mika und seine kleine Roma-Freundin Dana müssen das verhindern. Wie wäre es beispielsweise mit einem Versuch im Spielcasino? Gesagt, getan. Aber da macht Mika einen schweren Fehler, weil er die 6 nicht mag, denn die ist es, die gewinnt. Glücklicherweise knackt die Nachbarin den Jackpot. Bucephalos, so der Name des Pferdes, kann gerettet werden. Die Gauner, die von Sascha Geld eintreiben wollten, bekommen ihr Fett ab.

Eine enge Freundschaft entsteht zwischen Mika und Sascha, Dana natürlich eingeschlossen, und auch zwischen der Roma-Familie und den übrigen Bewohnern dieses Wiener Wohnhausblocks. Gemeinsam wird nun Weihnachten gefeiert.

Ein thematisch einfacher aber sympathischer, nie in den Kitsch abfallender Kinder- und Familienfilm. Die oft unausgesprochen reale, starke Bindung zwischen Mensch und Tier wird ebenso gefeiert wie die Freundschaft zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft; dem Bösen wird verständlicherweise – da vorwiegend für Kinder – wenig Platz eingeräumt. Originell die magischen Einsprengsel.

Gespielt wird gut, vor allem von dem erst zehnjährigen Enzo Gaier als Mika. Seine Präsenz ist sehenswert. Nora Tschirner als Mutter, Andreas Kienzel als Sascha und Bibiane Zeller als Jackpot-Gewinnerin sind ebenfalls dabei.

Ein reizender, halbwegs origineller Film, vor allem für Kinder, aber auch für die ganze Familie.

Thomas Engel