Das Salz der Erde

Mit seiner beglückenden "Pina" hat Wim Wenders sich beschwingt in die Herzen von Presse und Publikum getanzt. Nun wiederholt er den Triumph mit einer anderen Künstler-Dokumentation, diesmal über den meisterhaften Fotografen Sebastião Salgado. Bei der Premiere in Cannes wurde der Film frenetisch gefeiert wie kaum ein anderer. Die Bilder des Brasilianers bewegen seit 40 Jahren die Menschen weltweit. Mit dessen Sohn Juliano als Ko-Regisseur an seiner Seite findet Wenders einen sehr persönlichen Zugang zu dem Maestro der Fotografie. Dass dieser charismatische Charakterkopf seine Werke mit launigen Worten selbst kommentiert, macht den besonderen Reiz dieser großartigen Hommage aus. Eindrucksvoller als auf der großen Kinoleinwand wird man diese Bilder in keiner Ausstellung zu sehen bekommen.

Webseite: www.dassalzdererde-derfilm.de

OT: The Salt Of The Earth
F 2014
Regie: Wim Wenders und Juliano Ribeiro Salgado
Darsteller: Sebastião Salgado.
Filmlänge: 109 Minuten
Verleih: NFP
Kinostart: 30.10.2014
 

PREISE / PRESSESTIMMEN:

Spezialpreis "Un Certain Regard" beim Filmfestival Cannes 2014

"Eine großartige Hommage an das Werk des brasilianischen Fotografen Sebastiao Salgado… Der Film stellt sich ganz in den Dienst dieser ebenso grausamen wie schönen, unvergesslichen Bilder."
KulturSPIEGEL

"Ein bewegendes, monumentales Werk, das gerade auf der großen Leinwand eine ungeheure Wucht entfaltet."
ARD Titel Thesen Temperamente

FILMKRITIK:

Mit seiner Bildreportage über die Goldschürfer in der Mine von Serra Pelada wurde Sebastião Salgado 1986 erstmals berühmt: Zehntausende von Menschen wuseln wie Ameisen unter widrigsten Umständen über eine surreal anmutende Kraterlandschaft auf der Suche nach dem finanziellen Glück in Form von einem Klumpen Gold. Der Fotograf ist mitten in diesem Chaos dabei, ihm gelingen atemberaubende Bilder, die um die Welt gehen. "Man hörte keinen Lärm, nur Stimmen dieser Menschen", berichtet er über seine Erfahrungen.
 
Das Wort "Fotograf" stamme aus dem Griechischen und bedeute Schreiben mit Licht und Schatten, erklärt Wenders aus dem Off im filmischen Vorwort. Dort erzählt er auch, wie er vor zwei Jahrzehnten in einer Galerie auf das Schaffen des ihm bislang unbekannten Salgado aufmerksam wurde. Das Porträt einer blinden Tuareg-Frau habe ihn derart beeindruckt, dass es bis heute über seinem Schreibtisch hänge. Nach dieser aparten Einführung der persönlichen Art nimmt der Regisseur sich klugerweise zurück und überlässt die Bühne fortan ganz dem Fotografen. Auch dessen Sohn kommt immer wieder zu Wort. Als Kind hatte Juliano nur wenig vom Vater, der häufig und lange unterwegs war. Als er ihn später mit der Filmkamera zu Expeditionen begleitet, geraten diese Trips zugleich zur Annäherung zwischen Vater und Sohn.
 
Bei der Präsentation des umfangreichen Werkes geht Wenders chronologisch vor. Am Anfang dieser Karriere steht eine Frau: Gattin Lélia schenkt ihrem Sebastião seine erste Kamera. Die aussichtsreiche  Laufbahn bei der Weltbank gibt der gelernte Ökonom schell auf. Stattdessen begibt er sich auf eine lange Fotosafari durch Südamerika, um nach den "Other Americans" zu suchen: Indios und Ureinwohner, die bislang nur selten als Fotomotiv entdeckt wurden.
 
Später begibt sich Salgado in die Krisengebiete dieser Welt und wird fotografischer Zeuge von den düstersten Kapiteln der jüngsten Menschheitsgeschichte. Er zeigt die an Hunger sterbenden Menschen und Bürgerkriegsopfer in Äthiopien, Ruanda oder dem Kongo. Später fotografiert Salgado jene Feuerwehrleute, die brennende Ölfelder nach dem Kuwait-Krieg löschen. Nach solch schierem Overkill an Elend wendet sich der Fotograf 2004 schließlich der Natur zu und hält sie im Projekt "Genesis" in traumhaft schöne Bildern fest. Privat engagiert er sich gleichfalls ökologisch und forstete die verkarstete, alte Farm des Vaters mit 2,5 Millionen Bäumen erfolgreich zu einem neuen Regenwald auf.
 
Um auf der Leinwand eine möglichst direkte Verbindung des Fotografen zu seinen Bildern zu erzeugen, hat Wenders für die Interview-Aufnahmen eine neue Technologie ausgetüftelt. Salgado wird über einen Spiegel mit der Kamera aufgenommen, zugleich sieht er jene Fotos, über die er erzählt, auf einem Teleprompter vor sich. Der Zuschauer sieht als Ergebnis beides: Die Fotografie und den charismatischen Erzähler, der ihn gleichsam direkt anspricht. Als Glücksfall erweist sich dabei das rhetorische Talent des 70jährigen Brasilianers, der so unterhaltsam wie nachdenklich und kurzweilig seine Werke kommentiert, mit denen er der Menschheit seit über dreißig Jahren einen Spiegel ihrer Abgründe vorhält.
 
Der Kino-Poet Wim Wenders erweist sich einmal mehr als sensibler Doku-Maestro, der als exzellenter Reiseführer bei dieser visuellen Odyssee durch das umfangreiche Werk von Salgado auftritt und dabei diesem Ausnahmekünstler ganz die Bühne überlässt, derweil dessen Sohn die privaten Innenansichten beisteuert. Eindrucksvoller als auf der großen Kinoleinwand wird man diese Bilder in keiner Ausstellung zu sehen bekommen. Vom Gemeinschaftserlebnis ganz zu schweigen: Bei der Premiere in Cannes war es bisweilen so andächtig ruhig, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.
 
Dieter Oßwald