Das schönste Paar

Wie kann eine Beziehung nach einem brutalen Angriff weitergehen? Wie geht die Frau damit um, vergewaltigt worden zu sein, wie der Mann, hilflos gewesen zu sein? Diese Fragen beschäftigen Sven Taddicken in seinem Beziehungsdrama „Das schönste Paar“, das trotz einer stark konstruierten Geschichte mit Wucht und Emotionalität überzeugt.

Webseite: www.koryphaeenfilm.de

Deutschland 2018
Regie & Buch: Sven Taddicken
Darsteller: Maximilian Brückner, Luise Heyer, Florian Bartholomäi, Jasna Fritzi Bauer, Inga Birkenfeld, Oskar Bökelmann
Länge: 97 Minuten
Verleih: Koryphäen Filmverleih
Kinostart: 2.5.2019

FILMKRITIK:

Die Lehrer Malte (Maximilian Brückner) und Liv (Luise Heyer) befinden sich im Urlaub auf einer Insel im Mittelmeer. Alles ist schön und perfekt, das Paar fühlt sich frei und glücklich, hat Sex an einem scheinbar abgelegenen Strand. Doch sie werden beobachtet, von Sascha (Leonard Kunz) und seinen Freunden.
 
Am Abend dringen die Jugendlichen in das Appartement des Paares ein, scheinbar ohne Ziel, getrieben von ihrer Stärke, ihrem Wunsch, zu provozieren. Zunächst versucht Malte noch, die Situation mit Worten zu klären, bietet den Jungs Geld und andere Wertsachen an, doch damit geben diese sich nicht zufrieden. Sie zwingen das Paar, vor ihren Augen Sex zu haben, doch auch das ist nicht genug. Während seine Kumpels Malte festhalten, vergewaltigt Sascha Liv.
 
Zwei Jahre später. Liv hat ihre Therapie gerade beendet, den Überfall scheinbar verarbeitet, das Paar ist immer noch zusammen und scheinbar wieder in der Normalität angekommen. Bis Malte eines Tages Sascha in einem Imbiss sieht, ganz entspannt mit seiner Freundin Jenny (Jasna Fritzi Bauer) einen Döner essend. Kurzentschlossen folgt Malte dem Paar und stößt damit eine Kette von Ereignissen an, die den Zusammenhalt beider Paare auf die Probe stellen.
 
Schon in seinem letzten Film „Gleißendes Glück“ hatte Sven Taddicken eine extreme Konstellation benutzt, um von der Fragilität von Beziehungen zu erzählen, und auch in „Das schönste Paar“ bedient er sich eines extremen Konstrukts, das man schlucken muss. Denn nicht nur um gewöhnliche Beziehungsprobleme soll es geben, sondern um eine der wohl schlimmstmöglichen Vorstellungen: Der Vergewaltigung des Partners hilflos zusehen zu müssen. So ist der Drang nach Rache, den Malte beim Anblick Saschas empfindet, sofort nachzuvollziehen, der Wunsch, den damals nicht zu fassenden Täter doch noch vor Gericht zu bringen. Doch welche Folgen hätte das für Liv, die nach langer Zeit ihr Trauma endlich überwunden hat, mit den Ereignissen abgeschlossen zu haben scheint? Doch soweit denkt Malte nicht, er beginnt, Sascha zu verfolgen, kann nicht fassen, dass dieser ein ganz normales Leben führt, in einem Baumarkt arbeitet, mit seiner Freundin glücklich ist.
 
Wie Taddicken nun die Situation zuspitzt, von Schuldgefühlen und Selbstzweifeln, von Rachegefühlen und dem Wunsch nach Vergeltung erzählt, ist eindrucksvoll. Zumal er das ursprüngliche Opfer-Paar zunehmend auch zu Tätern werden lässt, die auf fragwürdige Weise nach dem streben, was in ihren Augen Gerechtigkeit ist, die Schuld mit Schuld vergelten wollen und zunehmend selbst Unrecht verüben.
 
Von allen vier Darstellern ist das hervorragend gespielt, besonders von Maximilian Brückner und Luise Heyer, die Stärken und Schwächen ihrer Figuren zeigen, den zunehmend verzweifelten Versuch, ihre einst so perfekte Beziehung am Leben zu erhalten, ist eindrucksvoll und macht „Das schönste Paar“ zu einem überaus sehenswerten Beziehungsdrama.

Michael Meyns

Das schönste Paar in der Tat. Malte und Liv Blendermann, beide Lehrer, verstehen sich gut, das zeigt schon die Selbstverständlichkeit, mit der sie am helllichten Tag am Strand von Mallorca miteinander schlafen. Auch die aufgeregte Neugier von drei jungen Männern, die lüstern zugeschaut haben, nehmen sie mit Humor. Doch abends stehen die drei Kerle plötzlich in der Ferienwohnung, einer von ihnen vergewaltig Liv, Malte muss hilflos alles mit ansehen. Schnitt, zwei Jahre später. Das Paar scheint das traumatische Erlebnis gut aufgearbeitet zu haben, Liv hat soeben ihre Therapie beendet. Ob es polizeiliche Ermittlungen gab, wie die Therapie im Einzelnen verlief, erfährt der Zuschauer nicht. Die Beziehung scheint wieder gefestigt, auch wenn sich das Vertrauen zueinander und die Sexualität erst allmählich normalisieren. Doch plötzlich sieht Malte mitten in Berlin in einer Döner-Bude den Täter wieder. Er verfolgt ihn, macht die Mietswohnung ausfindig, bricht sogar dort ein – bis es zur Konfrontation mit dem jungen Mann kommt. Seiner Frau erzählt Malte nichts, auch nicht der Polizei. Doch dieses Bedürfnis nach Rache und Gerechtigkeit lässt ihn nicht los.
 
In den ersten zehn Minuten seines neuen Films erspart Sven Taddicken („Emmas Glück“, „Gleißendes Glück“) dem Zuschauer nichts. Angst, Hass, Gewalt, Erniedrigung, Vergewaltigung, Verzweiflung – all das muss das Paar und mit ihm der Zuschauer über sich ergehen lassen. Aber nur so wird das eigentliche Drama des Films, das Verständnis der Gewalttat und die Rettung der Beziehung, deutlich.
 
Wie geht man als Paar mit dem gemeinsam erlebten Trauma um – ohne Vorwürfe, ohne Schuldzuweisungen? Kann man das gemeinsame Leben mit Vertrauen, Zärtlichkeit und Sex wieder aufnehmen? Das erinnert an den erst kürzlich angelaufenen Film „Alles ist gut“ von Regiedebütantin Eva Trobisch, in dem sich eine junge Frau nach einer Vergewaltigung ebenfalls nicht zum Opfer machen lassen wollte und die Rolle der gedemütigten und traumatisierten Frau zurückwies. Ihr Schweigen hatte allerdings Folgen, auch für die Beziehung zu ihrem Freund, so wie auch hier Maltes Schweigen Folgen hat.
 
Taddicken reichert die komplexe moralische Gemengelage, bei der rationale Bewältigungsstrategien nicht helfen, noch an, weil Mann und Frau gemeinsam zu Opfern werden, nach Erklärungen suchen und nach einem Weg, mit der Gewalttat umzugehen. „Ich habe dem Täter längst vergeben“, sagt Liv einmal, doch was sie darüber vergisst, dass ihre (und Maltes) Wut und Trauer noch immer schwelen. „Wie kann es sein, dass ihr ein Lied im Kopf behaltet, obwohl ihr es hasst“, fragt Malte seine Schüler im Musikunterricht, den Ohrwurm erklärend und somit direkt auf sein eigenes Dilemma verweisend.
 
Als Zuschauer bekommt man so ein sehr genaues Gefühl dafür, welche Ungerechtigkeit die Figuren erfahren haben. Der rationale Umgang, die Gewissheit, das Richtige getan zu haben, schützt haben nicht vor Rachegefühlen und Zorn. Luise Heyer und Maximilian Brückner machen die Kluft perfekt deutlich. Sie sind das Ereignis dieses Films.
 
Michael Ranze