Das unbekannte Mädchen

Zwei Goldene Palmen haben sie bereits, die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne. Für den Coup des dritten Streichs hat es beim diesjährigen Cannes-Auftritt zwar nicht gereicht, dafür bekam Hauptdarstellerin Adèle Haenel reichlich Beifall. Sie spielt eine idealistische Ärztin, die sich schuldig fühlt am Tod einer jungen Schwarzen. Mit großem Einsatz macht sie sich auf die Suche nach der Identität diese unbekannten Mädchens. Und die Moral von der Geschicht’, fehlt bei den Dardennes natürlich nicht: Jeder ist verantwortlich für seine Handlungen. Wie üblich halten es die belgischen Brüder auch bei diesem clever konstruierten Krimi mit Adorno: Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Webseite: www.temperclayfilm.de

Belgien / Frankreich 2016
Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne
Darsteller: Adèle Haenel, Fabrizio Rongione, Thomas Doret, Morgan Marinne, Christelle Cornil 
Filmlänge: 106 Minuten
Verleih: temperclayfilm
Kinostart: 15.12.2016

FILMKRITIK:

„Ein guter Arzt muss stärker sein als seine Emotionen!“ tadelt die junge Frau Doktor ihren Praktikanten, der bei einer Behandlung die Nerven verliert und versagt. Der sensible Medizinstudent reagiert sichtlich geknickt. Seine Chefin Jenny (Adèle Haenel) hätte ihren professionellen Ratschlag freilich bald selbst bitter nötig. Denn der mysteriöse Tod einer abgewiesenen Patientin wird sie völlig aus der Bahn werfen. Die neue Stelle in einer Klinik, ein echter Karrierejob, sagt Jenny überraschend ab. Schuldbewusst will sie sich lieber weiter den sozialschwachen Patienten zuwenden, die sie eigentlich nur übergangsweise betreut hat. Vor allem aber möchte sie die Identität jener unbekannten Frau ausfindig machen, die unweit ihrer Praxis tot aufgefunden wurde. Die Polizei kommt bei den Ermittlungen nicht weiter, klar scheint nur, dass das spätere Opfer vergeblich an der Tür der Praxis geklingelt hat. Dort war längst Feierabend. „Wenn es wirklich ein Notfall gewesen wäre, hätten sie auch ein zweites Mal geklingelt“, belehrt die rationale Medizinerin den Praktikanten.
 
Von Gewissensbissen geplagt übernimmt die Ärztin nicht nur die Beerdigungskosten der Unbekannten, sondern begibt sich mit immer größerem Eifer auf Spurensuche. Tatsächlich finden sich bald erste Mosaiksteinchen. Einer ihrer jungen Patienten scheint mehr zu wissen, als er sagt. Ein alter Mann sowie ein abgelegener Wohnwagen ergeben weitere Fährten, die ins Milieu von Menschenhändlern führen. Von einer massiven Bedrohung auf offener Straße, lässt Jenny sich nicht abschrecken. Entschlossen sucht sie Hilfe bei ihrem Praktikanten, den sie jedoch erst ausfindig machen muss, weil er nicht mehr am Arbeitsplatz erscheint. Einmal mehr stellt der Zufall die Weichen und so kommt Jenny der Lösung des mysteriösen Rätsels immer näher.
 
Ihr mittlerweile zehntes Werk beginnen die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne mit einer präzisen Charakterstudie einer jungen Ärztin, die sich mit großem Idealismus ihren sozialschwachen Patienten widmet. Nicht alle sind so dankbar wie jener krebskranke Junge, den sie betreut. Recht rabiat reagieren Drückeberger, denen der Wunsch nach einer bequemen Krankschreibung versagt bleibt. Nachdem unweit der Praxis eine Tote aufgefunden wird, entwickelt sich der Film zu einem clever konstruierten Krimi. Wie üblich bleiben die belgischen Brüder ihrem minimalistischen Stil treu. Die Schauplätze sind überschaubar. Das Wechselbad der Gefühle dieser verunsicherten Heldin spiegelt sich in der Farbe ihres Pullovers wider. Etliche Puzzlestücke des Rätsels werden durch schlichte Telefonate entdeckt.
 
Ein kleiner, feiner Krimi mit sozialkritischem Anliegen der unaufdringlichen Art. Seine emotionale Kraft verdankt er der souveränen Erzählweise, der genauen Beobachtung seiner Figuren, vor allem aber seiner erstklassigen Hauptdarstellerin. Vor vier Jahren trat Adèle Haenel als europäischer „Shooting Star“ ins Rampenlicht, danach gab es zwei „Césars“ in Folge. Unter den behutsamen Händen der Dardennes läuft die 27-Jährige nun, eigentlich kaum überraschend, zu Hochform auf. Wer mehr von diesem großartigen Talent am europäischen Kinohimmel sehen möchte, hat dazu demnächst auch bei „Die Blumen von gestern“ von Chris Kraus eine weitere Gelegenheit.
 
Dieter Oßwald