Das Wetter in geschlossenen Räumen

Jedes Jahr werden zig Millionen an Hilfsorganisationen aller Art gespendet, doch wofür die Gelder verwendet werden, welche Kosten die Organisationen selbst verursachen ist ein meist verschwiegenes Thema. In diese Lücke stößt Isabelle Stever mit ihrem inhaltlich hoch interessanten Film "Das Wetter in geschlossenen Räumen", in dem TV-Star Maria Furtwängler ihre erste Kino-Hauptrolle spielt.

Webseite: www.movienetfilm.de

Deutschland 2015
Regie, Buch: Isabelle Stever
Darsteller: Maria Furtwängler, Mehmet Sözer, Anne von Keller, Jim Broadbent, Barbara Bouchet
Länge: 100 Minuten
Verleih: Movienet
Kinostart: 28. Januar 2016
 

FILMKRITIK:

Ein arabisches Land, Bomben explodieren, Flüchtlinge bevölkern die Straßen, Armeeposten sorgen für Sicherheit. Im besten Hotel am Platz steigt Dorothea (Maria Furtwängler) ab, freie Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation. Ihre Aufgabe ist es, Geld einzutreiben, spektakuläre, herzerweichende Videos zu drehen, die das Herz potentieller Spender erweichen sollen. Und Dorothea versteht ihr Geschäft, weiß auf die Tränendrüse zu drücken, spricht zig sprachen, ist nicht zuletzt dank ihrer Attraktivität beliebte Gesprächspartnerin und ausgezeichnete Networkerin.

Aber sie ist auch latente Alkoholikerin, trinkt sich Nacht für Nacht durch die Minibar, trägt teure Kleidung von Prada oder Gucci und nimmt sich schon mal einen jungen Mann aufs Zimmer, der ihr die Zeit vertreibt. Alec (Mehmet Sözer) heißt der aktuelle, mit dem Dorothea wilde Nächte verbringt, nach denen schon mal die Luxussuite in Trümmern liegt. So lange Dorothea jedoch ihren Job erfüllt kommt sie mit ihrem Verhalten durch, doch als es auch daran hakt beginnen die Probleme.

Ein merkwürdiger Film ist "Das Wetter in geschlossenen Räumen", in dem einerseits mit Maria Furtwängler eine Darstellerin die Hauptrolle spielt, die in erster Linie mit ihrer Tatort-Rolle und ihrer Ehe mit Hubert Burda identifiziert wird, andererseits Harun Farocki als Drehbuchberater fungierte, der einer der anspruchsvollsten Filmemacher der letzten Jahrzehnte war und im Kino zuletzt an den Filmen von Christian Petzold beratend mitwirkte. Völlig konträre Welten treffen hier aufeinander, oft nur mühsam zusammengehalten von Regisseurin Isabelle Stever, deren Ansatz allerdings hochinteressant ist.

Auch wenn es in Momenten so wirken mag geht es aber nicht um eine Desavouierung von Hilfsorganisation, ist die zynisch anmutende Notwendigkeit, mondäne Veranstaltungen zu organisieren, um Spendengelder einzutreiben, nicht eigentliches Thema. Viel mehr interessiert Stever die Psyche einer Frau wie Dorothea, die für Hilfsprojekte Geld eintreibt, selbst aber in exzessivem Luxus lebt. Dass man dieser Frau nicht so ganz abnimmt, sich wirklich um das Schicksal der Hilfsbedürftigen zu kümmern sorgt lange für eine Schieflage. Da wirkt der Film wie ein Schaustück für Maria Furtwängler, die hier nach jahrelanger TV-Erfolgen ihre erste Kino-Hauptrolle spielt und oft so wirkt, als wollte sie vor allem ihre Attraktivität und ihre Sprachfähigkeiten (sie hat Szenen in ziemlich perfektem Englisch, Französisch und Italienisch) unter Beweis stellen.

Doch gerade zum Ende, wenn die Fassade, die Dorothea so lange aufrechterhalten hat zusammenbricht, sie beginnt, ihren Lebensstil zu hinterfragen, beginnt "Das Wetter in geschlossenen Räumen" doch noch, seine Qualitäten auf den Punkt zu bringen. Die liegen darin, die Strukturen internationaler Hilfsorganisation zu hinterfragen, die Ambivalenz von Menschen aufzuzeigen, die letztlich auf Katastrophen hoffen müssen, da sie von deren Bekämpfung leben. Ganz rund ist Isabelle Stevers Film zwar nicht, vielleicht war der Ballast, den die berühmte Hauptdarstellerin mitbrachte doch zu groß, interessant und ambitioniert ist "Das Wetter in geschlossenen Räumen" in jedem Fall.
 
Michael Meyns