Das Wunder im Meer von Sargasso

Syllas Tzoumerkas‘ neuester Film beginnt wie ein Thriller. Er zeigt, wie eine Spezialeinheit in Athen eine Wohnung erstürmt. Aber das ist nur die Präambel, eine falsche Fährte, die dem Zuschauer zeigen soll, wie desillusionierend der Umzug der Hauptfigur von Athen in die Provinz eigentlich ist, weil sie damit auch ihre Träume und Hoffnungen begräbt. Das ist das zentrale Thema in „Das Wunder im Meer von Sargasso“: Dass die eigenen Wünsche ausgebremst werden und man in einer diffusen Realität feststeckt. Tzoumerkas erzählt das mit viel Gespür für seine Figuren, stellt er der Polizistin doch eine nicht minder vom Leben enttäuschte Frau gegenüber, die in einer Aalverarbeitungsfabrik arbeitet.

Webseite: www.realfictionfilme.de

To thávma tis thálassas ton Sargassón
Griechenland / Deutschland / Niederlande / Schweden 2019
Regie: Syllas Tzoumerkas
Buch: Youla Boudali, Syllas Tzoumerkas
Darsteller: Angeliki Papoulia, Youla Boudali, Hristos Passalis
Länge: 121 Minuten
Verleih: Realfiction Filmverleih
Kinostart: 12. September 2019

FILMKRITIK:

Das Wunder im Meer von Sargasso, das sind die Aale aus der Umgebung von Messolonghi, die mit Erreichen der Geschlechtsreife über Tausende von Kilometern hinweg zur Sargasso-See schwimmen, weil sie sich nur dort fortpflanzen. In ihrem Leben herrscht kein Stillstand, es hat eine Destination – sowohl territorial, als auch metaphysisch. Damit haben die Aale den beiden Hauptfiguren in Syllas Tzoumerkas‘ neuestem Film etwas voraus. Sie ersticken nicht in der Tristesse ihres Lebens.

So wie die Polizistin Elisabeth (Angeliki Papoulia), die einst einer Spezialeinheit in Athen angehörte, dann aber einen Job als Polizeichefin im beschaulichen Messolonghi annehmen musste. Seit mehreren Jahren lebt sie mit ihrem Sohn nun dort, aufregend ist daran aber nichts. Sie geht ein an der Tristesse ihres Seins, bis ein Selbstmord – wenn nicht gar ein möglicher Mord – ihre Aufmerksamkeit bindet. Aber das nicht in der Art, wie man das erwarten würde, denn Elisabeth erkennt darin die Chance, den Trott ihres Lebens hinter sich zu lassen.

Das will auch Rita (Youla Boudali), die in einer Aalverarbeitungsfabrik arbeitet, an Messolonghi gebunden ist, aber von einem Leben jenseits dieser Ödnis träumt. Doch mit diesen Träumen läuft sie den Wünschen und Vorstellungen ihres Bruders zuwider, einem Schlagersänger, der zuerst bei einem Auftritt die Gäste beleidigt und tags darauf erhängt am Strand gefunden wird. War es Selbstmord? War es Mord?

Tzoumerkas nutzt die Formeln eines Thrillers, verpackt dessen Elemente aber in ein intensives Drama, das vom Zerbersten lang gehegter Träume in einer gottverlassenen Stadt irgendwo im Nirgendwo erzählt. Er kleidet das in atmosphärische Bilder, die weit jenseits aller Urlaubsromantik stattfinden, sondern den Blick hinter die Kulissen lenken. Was vordergründig so unscheinbar ist, ist eigentlich nur Fassade für ein Fanal des Wahnsinns, das sich den Anstrich der Normalität verleiht und seit Jahrzehnten gedeiht. Aber Messolonghi ist auch so etwas wie der Vorhof zur Hölle, eine heiß-trockene Welt, in der Korruption und Verkommenheit gedeihen.

Gewalt ist hier etwas, das immer unterdrückt wird, das sich jedoch zum Finale hin Bahn bricht – und das mit einer heftigen Explosion, in deren Nachwehen nichts mehr ist, wie es war. Auch das ist eine der Stärken von „Das Wunder im Meer von Sargasso“, denn hier geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern nur darum, die Chancen zu nutzen, die sich einem bieten. In keiner Figur wird dies besser dargestellt als in der der Polizistin, die ihrer Umwelt gegenüber kaum garstiger sein könnte, aber auch so clever ist, das Geschehen als eine Möglichkeit zu verstehen, der festgefahrenen Situation, in der sie steckt, zu entkommen.

Sympathisch macht das die Figur nicht, Angeliki Papoulia spielt das jedoch auf den Punkt. Man mag sie nicht, aber man versteht sie, ist sie doch Opfer eines patriarchalischen Systems, in dem die Träume von Frauen schon immer der Willkür der Männer geopfert wurden. Aber „Das Wunder im Meer von Sargasso“ ist auch ein feministischer Film. Weil die Polizistin zurückschlägt und nicht nur das Leben bei den Eiern packt. Am Ende ist nichts, wie es war. Als Zuschauer hat man ein energiegeladenes Drama gesehen, das die moderne Entsprechung einer griechischen Tragödie ist.

Peter Osteried

Ein oft schwülstiges, sexuell aufgeladenes Drama ist Syllas Tzoumerkas „Das Wunder im Meer von Sargasso“, der im kleinen, historisch aber bedeutenden griechischen Hafenstädtchen Mesolongi spielt. Ein dichtes Geflecht aus Handlungsmotiven entwickelt sich, das Basis für einen atmosphärischen Film ist, der sich sehr lose um Themen wie Sexismus und Nationalismus bewegt.

Einst arbeitete Elisabeth (Angeliki Papoulia) in Athen bei der Polizei und war dabei, sich einen Namen als unnachgiebige Ermittlerin zu machen. Doch nach einem fehlgeschlagenen Einsatz gegen eine Gruppe Linksextremer wurde sie versetzt, angeblich zu ihrem eigenen Schutz, doch vor allem, weil sie als Frau den patriarchalischen Strukturen ein Dorn im Auge war.
 
So landete sie in Mesolongi, einem winzigen Fischerstädtchen in der griechischen Provinz. Ihr Teenager-Sohn Dimitris (Christian Culdiba) verachtet sie für das langweilige Leben, zu dem er sie verdonnert hat, Elisabeth selbst erträgt ihr langweiliges Dasein nur durch Unmengen von Alkohol, Drogen und eine aggressive Fassade. Mit dem verheirateten Arzt Vassilis (Argyris Xafis) hat sie eine gelegentliche Affäre, ansonsten passiert in ihrem Leben gar nichts.
 
Erst als die Leiche von Manolis (Christos Passalis) gefunden wird, einem lokalen Disco-Besitzer und Schnulzensänger, beginnt sich Elisabeth auf ihre Fähigkeiten als Ermittlerin zu besinnen. Nicht zuletzt deswegen, weil sie in Manolis Schwester Rita (Youla Boudali) eine verwandte Seele erkennt. Langsam offenbart sich ein Komplott aus Drogenhandel und sexuellem Missbrauch, in das scheinbar sämtliche wichtigen Personen des Ortes verwickelt sind, genauer gesagt: Sämtliche Männer.
 
Eine Kriminalgeschichte, die vor allem als Anlass dient, hinter die Kulissen einer Kleinstadt zu blicken, hinter denen unweigerlich sexuelle, moralische Abgründe lauern. Unweigerlich muss man bei solch einer Beschreibung an David Lynch denken, an Filme oder Fernsehserien wie „Blue Velvet“ und „Twin Peaks“. So sehr „Das Wunder im Meer von Sargasso“ jedoch an diese und viele andere amerikanische oder nordische Thriller erinnern mag: Syllas Tzoumerkas siedelt seinen nach „Homeland“ und „A Blast“ dritten Spielfilm jedoch dezidiert in der griechischen Geschichte und Gegenwart an.
 
Schon der Schauplatz Mesolongi ist ganz bewusst gewählt, ist das kleine Städtchen doch seit dem 19. Jahrhundert Symbol für den griechischen Nationalismus, den heroischen Aufstand gegen Unterdrückung und Fremdherrschaft. Von europäischen Romantikern wie Goethe und Lord Byron mythisch verklärt, deutet Tzoumerkas eher die andere Seite an: Die chauvinistischen, nationalistischen Aspekte, die er auch in der patriarchalischen Gesellschaft findet, die Frauen wie Elisabeth und besonders Rita benutzt und sexualisiert.
 
In schwülstigen, von satten Farben geprägten Bildern schildert er diese Welt, weniger anhand einer stringenten Geschichte, als mittels zunehmend bizarrer, surrealer Bilder. Besonders stetige Fieberträume, Visionen oder Phantasien – ganz klar wird der Ursprung dieser Bilder wie so vieles andere nicht – in denen man Jesus und Maria in den Sümpfen um Mesolongi sieht, deutet zusätzlich eine christliche Dimension an. Wie genau diese Momente mit dem titelgebenden Wunder von Sargasso zusammenhängt, in dem von Aalen die Rede ist, die fast fremdgesteuert durch den Atlantik schwimmen, um an fernem Ort zu sterben? Eindeutige Antworten liefert Syllas Tzoumerkas nicht. Stattdessen evoziert er eine Welt, verlässt sich auf die Atmosphäre der Bilder und die wuchtige Darstellung seiner Hauptdarstellerin Angeliki Papoulia. Es fällt zwar nicht immer leicht, einen Sinn aus den Geschehnissen zu ziehen, auf merkwürdige Art faszinierend ist die Welt von Mesolongi jedoch stets.
 
Michael Meyns