Das Zeiträtsel

Hollywood befindet sich momentan in einem Umbruch. Keine Oscarverleihung feierte so viele Premieren, wie die vor wenigen Wochen, bei der unter anderem die erste Kamerafrau und so viele afroamerikanische Filmemacher zu Ehren kamen, wie noch bei keiner anderen Awardshow. Auch abseits vom auszeichnungswürdigen Kino feiert aktuell der erste schwarze Superheld seinen ganz großen Triumph („Black Panther“), genauso wie Gal Gadot in ihrer ikonischen „Wonder Woman“-Montur zur Heldenfigur des weiblichen Geschlechts avancierte, während Regisseurin Patty Jenkins so viel Geld für einen Filmdreh erhielt, wie noch keine Frau zuvor. Disneys Prestigeprojekt „A Wrinkle In Time“, das hierzulande unter dem Titel „Das Zeiträtsel“ in die Kinos kommt, passt perfekt in die Zeit der „Time’s Up“-Bewegung. Noch nie erhielt eine afroamerikanische Filmemacherin wie in diesem Fall Ava DuVernay („Selma“) ein so hohes Budget (nämlich 100 Millionen Dollar) für die Produktion ihres Films, noch nie hat ein einzelner Film so selbstverständlich schwarze und weiße Schauspielgrößen in sich vereint und noch nie war all das so unwichtig, wenn man sich anschaut, was aus dem beliebten Kinderbuchklassiker von Madeleine L’Engle letztlich geworden ist: eine bonbonbunte Effektorgie mit anstrengenden Figuren und billigen Glückskeks-Lebensweisheiten.

Webseite: disney.de/filme/das-zeitraetsel

OT: A Wrinkle in Time
USA 2018
Regie: Ava DuVernay
Darsteller: Storm Reid, Chris Pine, Oprah Winfrey, Reese Witherspoon, Deric McCabe, Levi Miller, Guhu Mbatha-Raw, Zach Galifianakis, Michael Peña
Länge: 109 Minuten
Verleih: Walt Disney Pictures
Kinostart: n.n.

FILMKRITIK:

Die kleine Meg Murry (Storm Reid) ist die Tochter zweier weltberühmter Physiker. Durch ihre hohe Intelligenz hat sie es an ihrer Schule schwer; genauso wie ihr kleiner Bruder Charles Wallace (Deric McCabe). Seit ihr Vater (Chris Pine) vor einigen Jahren plötzlich verschwunden ist, sind die beiden zwar noch enger zusammengewachsen, haben es an ihrer Schule aber umso schwerer. Bis die Geschwister eines Tages von drei überirdischen Wesen besucht werden. Mrs. Welche (Oprah Winfrey), Mrs. Soundso (Reese Witherspoon) und Mrs. Wer (Mindy Kaling) erklären den beiden, dass ein geheimes Projekt ihren Vater hat verschwinden lassen, sie ihn aber wiederfinden können, wenn sie ihnen vertrauen. Eine gewagte Expedition durch Raum und Zeit beginnt, in der sie in Welten vordringen, die sich jenseits jeder Vorstellungskraft befinden.

Wir wollen „Das Zeiträtsel“ seine wirtschaftliche Wichtigkeit im Hollywoodbusiness gar nicht absprechen; all die von uns angeführten Aspekte sind für die selbstverständliche Wahrnehmung von Frauen und Afroamerikanern im Big-Budget-Popcornkino von großer Bedeutung. Doch der Flop in den USA – der Film spielte bislang noch nicht einmal seine eigenen Produktionskosten wieder ein – ist nicht von der Hand zu weisen und dürfte, wie von einigen Branchenblättern bereits vermutet, kaum etwas damit zu tun haben, dass das Publikum keine Frauen respektive keine afroamerikanischen Schauspieler in seinen Blockbustern sehen möchte. Nein, „Das Zeiträtsel“ wäre genauso missraten, wenn sich ausschließlich Weiße auf der Leinwand tummeln würden und hätten lediglich männliche Zeitgenossen die Hauptrollen inne. Das Problem an dem Film liegt nämlich vor allem im Drehbuch und in den Effekten. Wie ungemein angestrengt hier versucht wird, eine disneytaugliche Lebensweisheit der Marke „Glaub an Dich selbst, dann kannst Du alles schaffen!“ an die nächste zu reihen, ist nicht bloß über alle Maße plakativ, sondern wird mit der Zeit auch so richtig nervig. Man soll sich immer treu bleiben, sich nicht für seinen Intellekt schämen, Liebe stirbt nie und lass Dich nicht vom ersten Eindruck täuschen – das ist nur eine kurze Auswahl an Abreißkalenderbotschaften, von denen das Drehbuchautorenduo aus Jennifer Lee („Zoomania“) und Jeff Stockwell („Brücke nach Terabithia“) noch so viele mehr in petto hat, die sie in ätzender Regelmäßigkeit vom Stapel lassen.

Auch in den vielen gelungenen Vertretern des Disney-Konzerns ist die familientaugliche Message Usus; doch in „Das Zeiträtsel“ wirkt der Selbstfindungsappell an den jungen Zuschauer viel zu gewollt, um tatsächlich mitzureißen. Wenn Hasendame Judy Hopps trotz ihrer körperlichen Untauglichkeit alles unternimmt, um ihrem skeptischen Umfeld zu beweisen, dass aus ihr eben doch eine tolle Polizistin werden kann, genügt das, um das Publikum davon zu überzeugen, dass es alles schaffen kann, wenn es an seine Träume glaubt. In „Das Zeiträtsel“ hingegen wird wie mit dem Dampfhammer auf den Zuschauer eingedroschen, um ihm mit einem positiven Gefühl aus dem Kinosaal zu entlassen; koste es, was es wolle. Das kann aber alleine deshalb nicht funktionieren, weil sämtliche Charaktere in dem Fantasyabenteuer in ihrer Eindimensionalität nicht dazu einladen, sich mit ihren Problemen zu identifizieren. So gut Newcomerin Storm Reid („12 Years a Slave“) auch gegen die Einfältigkeit ihres demotivierten, am Tode ihres Vaters zu knabbern habenden Nachwuchs-Einsteins anspielt, so hilflos ist sie doch. Weitaus schlimmer erwischt hat es da ihren Filmbruder Deric McCabe („Stephanie – Das Böse in mir“), der als ätzend-neunmalkluger Streber Charles Wallace (ja, sein Name wird während des ganzen Filmes als Doppelname ausgesprochen!) immer wieder hemmungslos overacted.

Damit strapaziert er nicht bloß die Nerven des Publikums, auch der Versuch, anhand seines Charakters Partei für Hochbegabte zu ergreifen, geht vollkommen baden. Wären alle Hochbegabte so, wie Charles Wallace, wäre es nicht unverständlich, würde keiner etwas mit ihnen zu tun haben wollen. Darüber hinaus sind auch die drei magischen Wesen Mrs. Welche, Mrs. Soundso und Mrs. Wer kaum erträglicher. Wie der Film die in ihrem Heimatland ikonisierte Oprah Winfrey („Selma“) hier chauffiert (ihre Figur thront im wahrsten Sinne des Wortes über allem, während im Abspann ausgerechnet ihr Name als erstes eingeblendet wird) wird, ist für unsereins kaum verständlich. Reese Witherspoon („Liebe zu Besuch“) und Mindy Kaling („Die highligen drei Könige“) haben da nicht viel gegenzusetzen. Und auch von Chris Pine („Star Trek: Beyond“) gibt es kaum etwas zu sehen.

Dass Intention und Figurenzeichnung in „Das Zeiträtsel“ eher missraten sind, hat – gerade bei der Genreherkunft – ja erst einmal noch nicht zu bedeuten, dass Ava DuVernays Film ein kompletter Fehlschlag ist. Doch auch die letzten Aspekte, die die Geschichte immerhin noch auf den Durchschnitt hieven könnten, können diesen Eindruck nicht ausgleichen. Als Effektekino, das sich vor allem auf seine visuellen Spielereien verlässt, hat „Das Zeiträtsel“ lediglich eine Handvoll netter Setpieces (der Ritt auf einem fliegenden Salatblatt-Wesen erinnert beispielsweise an „Die fantastische Welt von Oz“) vorzuweisen, an deren futuristischem Design sich ablesen lässt, was hier mit einem besseren Skript und stärkeren Effekten alles möglich gewesen wäre. Sobald CGI ins Spiel kommt, helfen aber auch die besten Kulissen nichts; gerade die letzte halbe Stunde ist eine einzige Greenscreen- und Trick-Orgie, deren Entstehen am Computer selbst für Laien jederzeit erkenntlich ist. Kaum ein Setting wirkt real; selbst eine eigentlich voller kreativer Ideen steckende Szene am Strand wirkt wie im Studio entstanden. Hinzu kommt auf technischer Seite die Dauerbeschallung durch beliebige Radiopopsongs.

Den Todesstoß versetzt dem Film schließlich die Geschichte an sich. Wie oft hier Figuren unlogisch (und entgegen ihrer Zeichnung dumm!) handeln, was für abgedroschene Klischees das Skript aufwendet und auf was für einen banalen Ausgang „Das Zeiträtsel“ zusteuert, kann nicht einmal der Minimalanspruch sein, den man hat, um mit seinem Kind einen netten Kinotag zu verbringen.

Antje Wessels