Das Zimmermädchen Lynn

In seinem kammerspielartigen Thriller-Drama "Das Zimmermädchen Lynn", basierend auf dem Roman "Das Zimmermädchen" von Markus Orths, folgt der Zuschauer einer Hotel-Putzfrau auf ihrem Weg zu sich selbst. Mit fortlaufender Filmdauer beginnt die schüchterne, zurückgezogen lebende Hauptfigur, sich und ihre Bedürfnisse besser kennenzulernen. So weit, so unspektakulär – würde die heimliche Leidenschaft der Frau nicht darin bestehen, sich heimlich unter die Hotelbetten der Gäste zu legen und in deren Leben einzutauchen. "Das Zimmermädchen Lynn" ist ein fantastisch gespielter, intimer und minimalistischer Film, der mit seinen schwarzhumorigen Einschlägen immer wieder auch für Erheiterung sorgt.

Webseite: www.movienetfilm.de

Deutschland 2014
Regie: Ingo Haeb
Drehbuch: Ingo Haeb
Darsteller: Vicky Krieps, Steffen Münster, Lena Lauzemis
Länge: 90 Minuten
Verleih: Movienet
Kinostart: 28. Mai 2015

 

FILMKRITIK:

Lynn (Vicky Krieps) leidet unter diversen psychischen Störungen und Phobien, weshalb sie u.a. auch ihre letzte Anstellung im Hotel Eden als Zimmermädchen verloren hat. Kurz darauf erhält sie die Möglichkeit, als Putzfrau anzufangen, aber auch nur, weil sie ihrem Chef (Steffen Münster) sexuelle Dienste erweist. Lebt Lynn in ihrem Alltag doch sehr allein und zurückgezogen, findet sie bei ihrer neuen Tätigkeit immer mehr Gefallen daran, in die Leben anderer Menschen einzutauchen. Sie beginnt, die Kleidung der Hotelgäste zu tragen, in deren privaten Aufzeichnungen zu schnüffeln und deren Besitztümer zu durchforsten. Am meisten Freude aber bereitetet es ihr, sich unter die Betten der Gäste zu legen und einfach abzuwarten, was passiert. Auf diese unkonventionelle Art lernt sie auch das SM-Callgirl Chiara (Lena Lauzemis) kennen, die Lynn nicht nur in die Vorzüge der lesbischen Liebe einweist. Lynn beginnt nach der Begegnung mit Chiara auch allmählich wieder, dem Leben positiv und fröhlich zu begegnen.

"Das Zimmermädchen Lynn" beruht auf dem Erfolgs-Roman "Das Zimmermädchen", Regie führte Drehbuchautor, Schauspieler und Filmemacher Ingo Haeb. Haeb wirkte bisher sowohl als Autor als auch als Darsteller für einige bekannte deutsche Serien wie z.B. "Großstadtrevier" oder "Da kommt Kalle". Für die Hauptrolle der verschüchterten, unter Kleptomanie leidenden Lynn konnte Haeb die luxemburgische Darstellerin Vicky Krieps gewinnen, die für ihre starke Leistung in diesem Thriller-Drama u.a. auf dem Filmfest München mit dem Schauspiel-Förderpreis ausgezeichnet wurde. Bundesweite Bekanntheit erlangte Krieps ebenfalls in erster Linie durch ihre TV-Engagements, so z.B. für den Frankfurter Tatort.

"Das Zimmermädchen Lynn" ist ein schlichter, minimalistisch-reduzierter Film, in dem es  um das schwierige, aber verlockende Verhältnis von Nähe und Distanz und die Frage geht, was man bereit ist zu tun, um in die Leben anderer Menschen einzutauchen. Und nicht zuletzt spielt auch die Thematik der verbotenen Sehnsüchte und verdrängten Obsessionen eine tragende Rolle. "Das Zimmermädchen Lynn" ist dabei aber immer wieder mit einem schwarzen, bissigen Humor durchzogen und ist weniger ein düsterer Horror-Trip als vielmehr ein gleichsam mit dramatischen und humorvollen Tönen angereicherter Thriller, was schon die Buchvorlage von Markus Orths aus dem Jahr 2008 auszeichnete.

Das Kuriose dabei ist, dass der Film zu keiner Sekunde langweilt, stattdessen mit fast diebischer Freude blendend unterhält, und das obwohl lange Zeit nicht wirklich viel passiert und sich die Vorkommnisse – wenn denn etwas passiert – oft durch eine gewisse Banalität auszeichnen. Vor allem im ersten Drittel des Film beobachtet man als Zuschauer Hauptfigur Lynn – wie passend: eine Putzfrau, die unter einem Putzzwang leidet – bei alltäglichen, nicht wirklich spannenden Dingen. So ist man dabei, wenn sie gelangweilt die Fenster der Hotelzimmer putzt, mit gähnender Gleichförmigkeit die benutzten Zahnbürsten der Gäste säubert oder wie in Trance die Betten abzieht. Zwischendurch telefoniert sie mit ihrer Mutter und spricht mit ihr über Triviales und die Plattitüden des Lebens. An zusätzlichem Schwung gewinnt der Film, als Lynn auf Callgirl Chiara trifft, wobei die Begegnung zwischen den beiden unterschiedlichen Frauen auf Dauer Beiden sehr gut bekommt.

Als einsame, voyeuristische Hauptfigur Lynn, die wir auf der Suche nach sich selbst behutsam beobachten dürfen, brilliert Vicky Krieps, die ihre Figur als zerbrechliches, psychisch labiles Wesen anlegt und sich auf ganz und gar ungewöhnliche Weise Zugang zu den verschiedensten fremden Personen verschafft und in deren Intimitäten eintaucht.
 
Björn Schneider