Dead Man Down

Sieht so womöglich der legitime Nachfolger von „Drive“ aus? Der Däne Niels Arden Oplev („Stieg Larsson – Verblendung“) gibt mit einem packenden, stilistisch großartig bebilderten Großstadt-Thriller, der mutig zwischen den Genres wandelt, seinen Einstand in Hollywood. Mitgenommen hat er Lizbeth-Darstellerin Noomi Rapace, die hier eine andere Seite von sich zeigen darf. Ihr Co-Star Colin Farrell brilliert erneut als sensibler Einzelkämpfer. Die Geschichte von Rache, Vergeltung und Erlösung hat das Zeug zum Kultfilm.

Webseite: www.dead-man-down.de

Dead Man Down
USA 2012
Regie: Niels Arden Oplev
Drehbuch: J.H. Wyman
Darsteller: Colin Farrell, Noomi Rapace, Terrence Howard, Dominic Cooper, Isabelle Huppert, Armand Assante, F. Murray Abraham
Laufzeit: 110 Minuten
Verleih: Wild Bunch, Vertrieb: Central Film
Kinostart: 4.4.2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Das Herz ist ein ganz besonderer Muskel. Und es ist manchmal ein ziemlich dunkler und verlassener Ort. Das weiß niemand so gut wie Victor (Colin Farrell), der einst unter dramatischen Umständen seine Frau und sein Kind verloren hat und nun für den New Yorker Gangster Alphonse (Terrence Howard) die Drecksarbeit verrichtet. Er gilt als zuverlässig, loyal und schweigsam. In einer Organisation wie der von Alphonse sind diese Eigenschaften sehr gefragt, vor allem als Victors Boss plötzlich rätselhafte Drohbriefe erreichen und immer wieder Gangmitglieder ermordet werden. Lange Zeit war der impulsive Darcy (Dominic Cooper) Victors einziger Freund. Doch dann lernt der einsame, wortkarge Witwer die geheimnisvolle Beatrice (Noomi Rapace) kennen, die zusammen mit ihrer Mutter (Isabelle Huppert) im gegenüberliegenden Appartementhaus wohnt.

Die Begegnung mit Beatrice setzt eine Kette von anfangs schwer einzuordnenden Ereignissen in Gang, die „Dead Man Down“ in einen faszinierenden, zugleich geheimnisvollen und berührenden Noir-Thriller verwandeln. Mit jedem Haken, den das Drehbuch von J.H. Wyman schlägt, steigert der Film seine Anziehungskraft, zumal wir immer mehr über Victor und Beatrice erfahren. Wie die Fotoschnipsel, die Victors Boss lange Zeit Rätsel aufgeben, setzen Wyman und Regisseur Niels Arden Oplev die klassischen und durchaus geläufigen Elemente des Gangstergenres und des Film Noir zu einer ungemein kinematischen Reise zusammen. Diese führt uns und die Figuren vom Tod zurück ins Leben, über Umwege und Wendungen, die sich nie konstruiert oder forciert anfühlen. Hier definieren letztlich die Figuren den Verlauf, den die Geschichte nimmt. Ihre Motive treiben die Handlung voran und nicht umgekehrt.

Dem Koreaner Park Chawn-wook gelang vor Jahren mit seiner Rache-Trilogie der internationale Durchbruch. In „Dead Man Down“ begegnen wir nun nicht bloß einer Rache-Geschichte sondern gleich zwei, welche maßgeblich die Emotionalität des Films und der ihn umrahmenden, so stimmungsvollen New York-Bilder bestimmen. Victor und Beatrice sind Seelenverwandte, sozusagen „Lady und Mister Vengeance“, die unverhofft eine zweite Chance erhalten, ihr Leben von Neuem zu beginnen. Bereits die unerwartet tiefgründigen Figuren sind für das Genre eine angenehme Variation, hinzu kommt ein internationales Flair, das vom dänischen Regisseur und seiner multinationalen Besetzung trotz zahlreicher New York-Bezüge immer wieder herausgestellt wird. Gelegentlich fühlt man sich an „Léon – Der Profi“ erinnert, an das Kino das Luc Besson. So selbstbewusst Oplevs Film auch mit den Mechanismen des Rache- und Gangster-Genres spielt – auf Action verzichtet „Dead Man Down“ keineswegs –, im Kern erzählt er von einer ungewöhnlichen, weil eigentlich unmöglichen Liebesbeziehung.

Diese wird von Colin Farrell und Noomi Rapace mit viel darstellerischem Fingerspitzengefühl gefüllt. Farrell, das zeigte schon sein Auftritt im Kultfilm „Brügge sehen…und sterben?“, kann auch den sensiblen, nachdenklichen Einzelgänger mit großer Überzeugung transportieren. Rapace wiederum, die als Lizbeth Salander in den Verfilmungen der Stieg-Larsson-Romane furios ein anderes Frauenbild prägte, wurde hier gegen ihr bisheriges Image besetzt. Sie darf nun auch ihre Weiblichkeit zeigen und sich dementsprechend kleiden. Doch vieles davon ist nur Maskerade, und so ist Rapaces Lizbeth in Wahrheit meist näher als man denkt. Das mag zum Teil auch an der erneuten Zusammenarbeit mit Regisseur Oplev liegen, der Rapace bereits in „Verblendung“ begleitete und inszenierte. Für sein Hollywood-Debüt hat sich der Däne zweifellos den richtigen Stoff ausgesucht. „Dead Man Down“ vereint die Qualitäten eines packenden Film Noir mit denen eines mitreißenden Dramas, das tief in die Finsternis und schließlich auf blutigen Pfaden zurück ins Licht führt.

Marcus Wessel

Victor ist Mitglied der Drogengang von Alphonse und kann diesen bei einer alles zerfetzenden Schießerei mit einer Konkurrenzbande retten. Jetzt hat er bei seinem Boss einen Stein im Brett. Darcy ist sein Freund.

Nicht lange dauert es bis zur nächsten tödlichen Auseinandersetzung. Sie gilt Paul, der offenbar mit Stoff handelte, der Alphonse gehört. Paul wird liquidiert.

Victor hat einen großen Schmerz, den er seit Jahren nicht überwinden kann. Beim Angriff einer albanischen Bande auf sein Wohnhaus kamen seine Frau und sein geliebtes Töchterchen ums Leben. Victor hat nur ein Ziel: sich an den an dem Unglück Schuldigen zu rächen. Und was das bei ihm heißt, ist nicht schwer zu erraten.

Da taucht Beatrice bei ihm auf. Sie hatte von ihrem Fenster aus beobachtet, wie Victor in einem gegenüber liegenden Haus einen Mann umbrachte. Jetzt will sie, dass Victor den Taxifahrer, der sie, die frühere Kosmetikerin, bei jenem Autounfall schwer entstellte, umbringt. Ansonsten, sagt sie, werde sie den beobachteten Mord bei der Polizei melden.

Also hat Victor zwei unendlich schwere Aufgaben vor sich. Aber: Der Boss der damaligen albanischen Bande war Alphonse, und der ist durch von Victor initiierte Drohungen gegen die Albaner (dass Alphonse ihr Anführer war, weiß er lange nicht) hellhörig und nervös geworden. Er setzt einen Mann auf den Drohenden an. Und das ist ausgerechnet Darcy. Aber weder Victor noch Darcy ahnen das.

Jetzt müssen der Showdown und die Klärung des Verhältnisses zu Beatrice folgen. Wie geht es aus?

Liebhaber von krachigen Action-Filmen können jubeln. Denn der Streifen ist Spitze gemacht (sieht man einmal davon ab, dass ganz schön gemordet wird). Die Rasanz, das verschachtelt-verschlüsselte Drehbuch, die Regieleistung, das Gangster-Ambiente, die Stunts und die handelnden Personen – alles stimmt.

Colin Farrell gebührt besonderes Lob. Vielleicht schwer zu spielen: einen Mann, der dauernden, tiefen Schmerz empfindet und trotzdem hellwach und tatbereit sein muss. Colin Farrell kriegt das toll hin. Ebenfalls gut (und eine Augenweide) Noomi Rapace als die erpresserische Geliebte Beatrice.

Ein rasantes, herausragend gestaltetes und gespieltes Action-Stück.

Thomas Engel