Dein Weg

Eigentlich eine offensichtliche Idee, die Etappen des Jakobsweg als Struktur für einen Film zu nehmen. Das dachte sich auch Emilio Estevez und schickte seinen Vater Martin Sheen auf eine ungewollte Pilgerfahrt, auf deren Weg der Augenarzt Tom vielen Menschen und Erkenntnissen begegnet. Ein atmosphärischer Film, der im Wechsel zwischen Ernst und Ironie das Abenteuer Jakobsweg beschreibt.

Webseite: www.deinweg-film.de

USA/Spanien 2011
THE WAY
Regie: Emilio Estevez
Buch: Emilio Estevez, nach einem Roman von Jack Hitt
Darsteller: Martin Sheen, Deborah Kara Unger, James Nesbitt, Yorick van Wageningen, Emilio Estevez
Länge: 123 Minuten
Verleih: Koch Media, Vertrieb: Neue Visionen
Kinostart: 21. Juni 2012

PRESSESTIMMEN:

"Regisseur Emilio Estevez ist mit ‘Dein Weg’ ein ruhiger, feiner Film über den Jakobswegs gelungen." (ARD)

"…schön und berührend." (Der Spiegel)

"Eine höchst reizvolle Auseinandersetzung mit dem Jakobsweg, die die Vielgestaltigkeit und Ambivalenzen modernen Pilgerns reflektiert. Jenseits üblicher "Wellness"-Frömmigkeit nimmt der Film mit auf eine äußerlich ruhige, aber von inneren Spannungen geprägte Reise, die von dezidiert areligiösen Figuren unternommen wird, trotzdem aber spirituelle Dimensionen berührt. – Sehenswert." (film-dienst)

"Die Pilgerfahrt wird niemals langweilig. Die dokumentarisch wirkenden Landschaftaufnahmen sind wunderschön. Sehr gekonnt wechselt der Film zwischen tragischen, leisen und komischen Szenen, zwischen ernstem Selbstfindungstrip und herrlich lakonischen Dialogen. Auch landschaftlich ist der Jakobsweg einzigartig. Emilio Estevez’ bissiger Humor verhindert jedes falsche Pathos. Die bewegenden Szenen spielen sich wie zufällig am Rande ab, kleine Momente der Stille. Martin Sheen gelingt die eindrucksvolle Studie eines Mannes, dessen Grundfeste ins Wanken geraten sind, der in einer existentiellen Krise neuen Lebensmut schöpft. Eine eindrucksvolle Pilgerfahrt." (NDR)

"Der familiäre Grundton macht den eigenen Charme des Films aus. Estevez inszenierte mit einer angenehmen Gelassenheit und verzichtete ganz auf melodramatische Zuspitzungen. Stattdessen bestimmt hier wie bei allen guten Roadmovies die Reise die Dramaturgie." (taz)

"Der Filmemacher Emilio Estevez schickt einen trauernden Vater auf Pilgerreise über den Jakobsweg. Dazu hat er Martin Sheen diese Rolle auf den Leib geschrieben und verzichtet auf stereotype Gefühlsduselei." (Die Zeit)

FILMKRITIK:

Erstaunlich, dass in den letzten Jahren, in denen die weltweite Popularität des Jakobswegs immer mehr zugenommen hat, noch niemand auf die Idee gekommen ist, einen Film über die traditionelle Pilgerwanderung zu drehen. Vielleicht empfanden viele Regisseure aber auch die Gefahr zu groß, sich angesichts der durch die Etappen der Wanderung vorgegebene Struktur zu sehr in mäandernden, unbestimmten Bildern zu verlieren. Denn das ein Film, der vom Jakobsweg handelt, von Selbstfindung, spiritueller Erkenntnis, vielleicht gar das Leben verändernden Begegnung erzählt, ist klar. Und so braucht auch Emilio Estevez Film“ Dein Weg“ ein paar Minuten, bis er mit dem Betreten des Jakobsweges seinen Rhythmus findet. Denn das der in Kalifornien lebende Augenarzt Tom (Martin Sheen, der Vater des Regisseurs) sich auf den Jakobsweg begeben wird, ist vom ersten Moment an klar.

Toms Sohn Daniel, der sich gegen ein Leben in konventionellen Mustern entschieden hat und sein Glück auf Reisen sucht, ist auf dem Jakobsweg ums Leben gekommen. Ausgerechnet am Beginn der Wanderung, in den französischen Pyrenäen findet sich Tom wieder, die Asche seines Sohnes in einem Kästchen, den Rucksack, die Wanderausrüstung seines Sohns vor sich liegend. Mehr aus Pflichtgefühl als aus persönlichem Wunsch macht sich Tom also auf den Weg, die Pilgerfahrt seines Sohnes zu vollenden. Dass er dabei auch etwas über sich selbst erfahren wird, ist dem Zuschauer mehr bewusst als Tom, doch dankenswerterweise verzichtet Estevez in seinem Film darauf, zu eindeutige Wandlungen zu zeigen, die tatsächliche oder eingebildete Selbstfindung zu sehr in den Vordergrund zu stellen.

In lose strukturierten Episoden beschreibt „Dein Weg“ Toms Wanderung entlang des Jakobsweg, konfrontiert ihn anfangs noch oft auf ironische Weise mit den Fallstricken der inzwischen oft zum Massenspektakel gewordenen Wanderung (überfüllte, laute Schlafsäle, schlechtes Essen, unliebsame Pilgergenossen, denen man immer wieder begegnet), konzentriert sich mit zunehmendem Verlauf aber auf Tom und seine drei Wanderpartner. Zunächst lernt Tom den beleibten Holländer Joost (Yorick van Wageningen) kennen, der abnehmen will und sich und seine Umgebung mit Drogen aller Art versorgt. Als Zweites kommt die Kanadierin Sarah (Deborah Kara Unger) hinzu, die sich das Rauchen abgewöhnen will, und als Letzter stößt der Ire Jack (James Nesbitt) zur Gruppe, ein Autor mit Schreibblockade, der plant, ein Buch über den Jakobsweg zu schreiben.

Wie schon frühere Filme von Emilio Estevez – zuletzt etwa der Kennedy-Film „Bobby“ – lebt auch „Dein Weg“ nicht von einer straffen Dramaturgie, einer besonders komplexen Handlung, sondern von seinen Figuren. Viel Raum wird ihnen gegeben, viel Zeit lässt sich der Film, um das langsame und oft alles andere als konfliktlose Kennenlernen seiner Figuren zu schildern. Auf dramatische Probleme, die es zu überwinden gilt, wird dabei ebenso verzichtet wie auf plakative Momente der Selbsterkenntnis. So gelingt Emilio Estevez ein Film, der die spirituelle Komponente des Jakobswegs zwar als Anlass für seinen Film nimmt, letztlich aber doch davon erzählt, dass der Weg des Jakobsweg-Pilgers nicht nach Santiago de Compostela führt, sondern für jeden Pilger an einen anderen Ort.

Michael Meyns

Hape Kerkeling sorgte 2006 hierzulande mit seinem Bestseller „Ich bin dann mal weg“ für eine regelrechte Jakobsweg-Hysterie. Sprunghaft stiegen in den folgenden Jahren die Zahlen der deutschen Pilger an, die auf den 800 Kilometern des Camino de Santiago Erkenntnis, Besinnung, Neuorientierung suchten. Jetzt schnüren auch Martin Sheen und sein Sohn Emilio Estevez für ihren neuen Film die Wanderschuhe. Ob Massen von Sinnsuchern aus den USA in ihre Fußstapfen treten, ist aber eher unwahrscheinlich.

Augenarzt Tom Avery (Martin Sheen) aus Kalifornien erreicht eine schreckliche Nachricht: Sein Sohn Daniel (Emilio Estevez) ist bei einem Unwetter in den Pyrenäen umgekommen – nur einen Tag, nachdem er begonnen hatte, auf dem Jakobsweg zu pilgern. Die beiden waren im Streit auseinander gegangen; Tom konnte nicht verstehen, wieso Daniel sein Studium aufgab, um in Europa wandern zu gehen. Jetzt beschließt er, den Weg seines einzigen Kindes zu Ende zu gehen und an Daniels Stelle nach Santiago de Compostella zu pilgern. Verbissen und verbittert hält er zunächst alle anderen Pilger auf Distanz. Aber in der Gesellschaft des lebenslustigen Holländers Joost (Yorick van Wageningen), des arroganten Iren Jack (James Nesbitt) und der kratzbürstigen Kanadierin Sarah (Deborah Kara Unger) taut Tom doch langsam auf – und findet einen Weg zu seinen Gefühlen.

Während Charlie Sheen als schwarzes Schaf der Familie mit immer neuen Alkohol- und Drogeneskapaden durch die Medien irrlichterte, nahmen Martin Sheen und Charlies Bruder Emilio Estevez 2010 ein Famlienprojekt der anderen Art in Angriff: Einen Film über den Jakobsweg. Beide sind tiefgläubige Katholiken, und sie wollten den spanischen Wurzeln ihrer Familie nachspüren. Vielleicht birgt diese sehr persönliche Herangehensweise zuviel Ballast. Zumindest wirkt „Dein Weg“ wie ein Film, der den Zuschauer unbedingt zu einer Einsicht zwingen will und darüber in einen predigenden Tonfall gerät, der genau das Gegenteil erreicht.

Kerkeling hatte mit seinem Buch auch deshalb soviel Erfolg, weil es ihm gelang, das Klischee vom sinn- und heilsuchenden Pilger mit Ironie aufzubrechen, ohne dabei aber die Substanz der Erfahrung lächerlich zu machen. Daran scheitert „Der Weg“. Der Film wirkt bierenst gerade da, wo er komisch sein will. Das zeigt sich vor allem an den Figuren Joost und Jack, die lediglich Stereotypen erfüllen – der kiffende Holländer, der verrückte Ire – und sehr schnell schlicht nerven. Unfreiwillig komisch wirkt der Film dafür, wenn er mit aller Macht Bedeutung erzwingen will. So glaubt Tom immer wieder, seinen Sohn zu sehen. Diese ohnehin schon abgegriffene Idee wird so oft wiederholt, dass man es irgendwann nicht mehr ernst nehmen kann, wenn Daniel mal wieder am Wegesrand an einem Baum lehnt.

Estevez möchte von einer spirituellen Erfahrung erzählen, die sich in der Seele der Figuren vollzieht und für die es eigentlich keine Bilder gibt. Aber er findet für diesen inneren Weg keine Metapher und keine Zwischentöne, sondern nur Klischees, sowohl auf der narrativen als auch auch auf der Bildebene. Exemplarisch dafür steht der Tiefpunkt des Films: Eine Episode will für in Spanien lebende Roma Partei ergreifen und sie gegen das Vorurteil in Schutz nehmen, sie seien alle Diebe – und inszeniert sie dann doch als lebenslustige Zigeuner, die nachts um brennende Mülltonnen tanzen.

Oliver Kaever

Ein Film über den berühmten Jakobsweg sowie die inneren und äußeren Erlebnisse, die mit der Pilgerreise oder Wanderung auf diesem Weg verbunden sind.

Ursprünglich war der 800 Kilometer lange Hauptweg, der von Frankreich aus nach dem spanischen Santiago de Compostella führt, ein Pilgerweg und zwar bereits seit dem 11. Jahrhundert. Heute ist das anders. Zwar sind natürlich immer noch Pilger unterwegs, aber viele beschreiten den „Camino“ aus Urlaubsgründen, weil sie abnehmen wollen, weil sie eine sportliche Möglichkeit sehen, weil sie sich mit Freunden „fun“ wünschen, weil sie sich selbst etwas beweisen wollen.

Geringer ist die Zahl derer, die beten, die in sich gehen, die an eine Veränderung ihres Lebens glauben, die ein Wunder erwarten, die aus seelischer Depression unterwegs sind.

In diesem Film ist der kalifornische Augenarzt Tom Avery deshalb auf dem Jakobsweg zu finden, weil dort bei einem Unwetter sein Sohn Daniel umgekommen ist und weil er auf diese Weise seine Trauer aufarbeiten kann. Die Verständigung zwischen Vater und Sohn war nie die beste gewesen; jetzt bleibt Tom nur noch die Möglichkeit, immer wieder an markanten Punkten des Weges die Asche Daniels auszustreuen.

Tom Avery ist ein verschlossener Einzelgänger, der die Wegstrecke am liebsten allein durchwandern würde. Doch das ist bei den vielen, die sich auf dem Camino tummeln – 2010 waren es an die 200 000 -, fast unmöglich. Es gesellen sich zu ihm denn auch der verfressene Holländer Joost, der, wie ungeschickt auch immer, nur gute Laune verbreiten will; der Ire Jack, der alles notiert, um später ein Buch über die „Pilger“ veröffentlichen zu können; die schlagfertige Kanadierin Sarah, die ebenfalls ein Kind verlor, eine unglückliche Ehe hinter sich hat und hofft, das Rauchen zu besiegen.

Toms Pilger- und Wandergenossen und die zum Teil grotesken Erlebnisse, die sie unterwegs haben, sind im Drehbuch absichtlich so gewählt, um zu typisieren, was sich in unserer Zeit auf dem Jakobsweg alles abspielt.

Immerhin ist der Weg so lang, sind die Anstrengungen so groß, ist die Wirkung so stark, dass jeder am Ende bis zu einem gewissen Grade verändert dasteht. So auch Tom Avery.

Der bekannte amerikanische Darsteller Martin Sheen, von Hause aus ein gläubiger Mensch, spielt diesen Vater eindrucksvoll. (Sein eigener Sohn ist übrigens der Regisseur dieses Films und der Darsteller des Daniel.)

Sich mit dem Jakobsweg und dem, was er – vom Äußeren einmal abgesehen – innerlich bewirken kann, auseinanderzusetzen, lohnt sich allemal.

Etwas für an diesem Thema und Phänomen interessierte Zuschauer.

Thomas Engel