Dem Leben entgegen – Kindertransporte nach Schweden

Eine kaum bekannte Episode des Dritten Reiches thematisiert die kurdisch stämmige Regisseurin Gülseren Şengezer in ihrer Dokumentation „Dem Leben entgegen-Kindertransporte nach Schweden.“ Sie porträtiert vier jüdische Zeitzeugen, die Ende der 30er Jahre zwar dem Tod in den Gaskammern entgingen, aber ohne Eltern und fern ihrer Heimat oft nur schwer ein neues Zuhause fanden.

Website: www.gmfilms.de

Dokumentation
Schweden/ Österreich 2019
Regie & Buch: Gülseren Şengezer
Länge: 90 Minuten
Verleih: GM Films
Kinostart: 24 September 2020

FILMKRITIK:

Als eines der wenigen Länder gelang es Schweden während des Zweiten Weltkriegs, neutral zu bleiben. Als das deutsche Reich die Nachbarländer Norwegen und Dänemark besetzte, wurden zwar ebenso deutsche Truppenverlegungen erlaubt wie später, als Deutschland die Sowjetunion überfiel, doch politisch hielt sich das skandinavische Land zurück.

Eine Haltung, die sich auch im Verhalten gegenüber jüdischen Flüchtlingen zeigte: Wie die allermeisten Länder sträubte sich auch Schweden, die eigentlich festgesetzten Quoten einzuhalten oder gar zu erhöhen und der jüdischen Bevölkerung Deutschlands und später der besetzten Länder, eine Flucht ins Exil zu ermöglichen.

Ende der 30er Jahre wurde es gerade einmal 500 Kindern gestattet, einzureisen, allerdings mit deutlich mehr Widerwillen als Empathie: Von der Regierung wurden die oft erst vier Jahre alten jüdischen Kinder kaum unterstützt, Bürgen mussten sich für sie einsetzen, dass ihre Eltern nachkommen konnten war ausgeschlossen. Wie in den meisten Ländern durchzog auch die schwedische Gesellschaft unterschwelliger Antisemitismus – und das obwohl nur gut 7000 Juden in Schweden lebten, was kaum 0,1% der Bevölkerung ausmachte.

Für die vier Zeitzeugen, die Gülseren Şengezer für ihre Dokumentation interviewt hat, bedeutete das Exil in Schweden zwar das Überleben, aber zu einem hohen Preis. Hans Wiener, Herta Lichtenstein, Elise Reifeisen-Hallin und Gertraud Fletzberger heißen die vier Überlebenden, die zwischen vier und 13 Jahre jung sind, als sie sich an Bahnhöfen in Österreich von ihren Eltern verabschieden müssen.

In ausführlichen Interview-Passagen berichtet das Quartett davon, wie es sich in das schwere Schicksal gefügt hat, das oft von Albträumen geprägt war, durch wechselnde Gastfamilien führte und stets vom Eindruck geprägt war, nicht erwünscht zu sein. Angesichts dieser ergreifenden Schicksale mutet die rührselige Musik, mit der Şengezer weite Passagen ihres Films unterlegt, unnötig an. Die Tragik dieser vier Schicksale, die Melancholie eines Lebens im Exil, hätte sich auch so erschlossen.

Besonders, da auch die psychologische Komplexität des Judenhasses in Deutschland und Österreich deutlich wird: Wie sehr die antisemitische Propaganda des Dritten Reichs funktionierte, zeigt sich an zwei speziellen Erfahrungen: Hans Wiener bekennt freimütig, das seine eigene Aversion gegen das Judentum so weit ging, das er sich selbst als Antisemit bezeichnet. Gertrud Fletzburger wiederum berichtet vom schwierigen Verhältnis zu ihrem etwas älteren Bruder. In der Heimat war den Kindern zum Schutz nicht erzählt worden, dass sie jüdisch sind. Als dieses Geheimnis in Schweden schließlich gelüftet wurde, zeigte sich Fletzburgers Bruder so verstört über die Nachricht, dass er kein Arier ist, das er begann, seine Schwester zu quälen.

Jahrzehnte liegen diese Ereignisse zurück, doch wenn die Zeitzeugen in Gülseren Şengezers Dokumentation über sie berichten, deutet sich auf eindringliche Weise an, warum es so wichtig ist, die Erinnerung an die Vergangenheit lebendig zu halten.

Michael Meyns