Den Menschen so fern

Ein Western aus Frankreich, der in Algerien zur Zeit des Unabhängigkeitskriegs spielt. Eine Albert-Camus-Verfilmung, die kongenial existentialistische Strenge mit Genre-Mythen verschränkt. Und ein Film, der den großen Viggo Mortensen in einer seiner besten Rollen zeigt. Das alles ist David Oelhoffens Den Menschen so fern. Das Drama um einen Lehrer, der einen zum Tode Verurteilten zur Polizeistation begleiten soll, wurde 2014 bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig mit dem SIGNIS-Award ausgezeichnet.  

Webseite: www.arsenalfilm.de

OT: Loin des hommes
Frankreich 2014
Buch und Regie: David Oelhoffen
Darsteller: Viggo Mortensen, Reda Kateb, Djemel Barek, Vicent Martin, Nicolas Giraud
Länge: 102 Minuten
Musik: Warren Ellis, Nick Cave
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 9. Juli 2015
 

Pressestimmen:

"Eine großartig gespielte Parabel auf die Wertschätzung des Lebens. Eine Männerfreundschaft, die kulturelle Grenzen überwindet, ein existentialistisches Drama, leise, intensiv und bildgewaltig. Ein ungewöhnlicher, ein starker Film."
ZDF HEUTE JOURNAL

FILMKRITIK:

1954: Der in Algerien geborene Franzose Daru (Viggo Mortensen) unterrichtet in der Einsamkeit des Atlas-Gebirges die Kinder der Einheimischen. Eines Tages bringt ein Gendarm aus dem Dorf einen Mann zu ihm. Der Araber soll im Streit um Schulden seinen Cousin getötet haben und nun von der französischen Justiz zum Tode verurteilt werden. Daru soll ihn in der nächsten Stadt abliefern. Er weigert sich zunächst und hofft, das Mohamed (Reda Kateb) flieht. Das tut er allerdings nicht. Unterwegs werden die beiden von Angehörigen von Mohameds Stamm verfolgt, die an ihm die Blutrache vollziehen wollen. Sie geraten in die Gefangenschaft von Aufständischen und in ein Gefecht mit der französischen Armee. Am Ende stellt Daru Mohamed vor eine schwere Entscheidung.
 
Schon die ersten Einstellungen machen klar: Auch wenn die Geschichte in Algerien spielt, hat man es hier mit einem Western zu tun. Mit einem beeindruckend fotografierten dazu. Regisseur David Oelhoffen arbeitet mit klassischer Breitwand-Kadrage und deutlichen Verweisen auf John Ford. Mensch, Zivilisation und die ungeheure Weite der geheimnisvollen Natur bilden hier wie dort die Gegensatzpaare. „Den Menschen so fern“ ist ein Kammerspiel in Cinemascope, das mit Dialogen spart und seine Geschichte durch Bilder erzählt. Die konzentrierte Musik von Nick Cave verleiht ihm eine zusätzliche, brodelnde Dichte.
 
Das Gesicht von Viggo Mortensen bildet in dieser visuellen Grammatik neben der Natur den wichtigen Fixpunkt. Mortensen gehört zu den wenigen Darstellern, die einem Film allein durch ihre Präsenz eine besondere Tiefe verleihen können. Oelhoffen nutzt diese Qualität so intensiv wie wenige vor ihm. Der Lehrer Daru wird so zu einer bescheidenen Figur, die doch gleichzeitig larger than life ist. Und die Reise von Daru und Mohamed zu einer Chiffre, wie sich die Angehörigen zweier Kulturen inmitten des Krieges als Menschen näher kommen können.
 
Das Drehbuch erweitert Albert Camus’ Kurzgeschichte „Der Gast“ und macht aus einer Allegorie ein zutiefst bewegendes Drama. Dabei traut sich Oelhoffen, der das Script selbst schrieb, gar eine völlige Umkehrung des Endes zu, dem er bei aller Tragik und Melancholie doch einen verhalten  positiven Ausblick verleiht. Von Camus bleibt eine existenzialistische Essenz, eine Erzählung über das So-Sein des menschlichen Wesens, das zu abscheulichen Taten fähig ist und sich nur schwer aus den Traditionen befreien kann, in die es hinein geboren wurde. Dass diese Befreiung aber eben doch möglich ist, darauf beharrt Oelhoffen. Sein Film wird so nicht nur zu einem großen und spannenden Western, er liefert auch eine überzeitliche humanistische Botschaft.
 
Oliver Kaever