Dene wos guet geit

Auf dutzenden Festivals lief Cyril Schäublins Debütfilm „Dene wos guet geit“ schon, nun kommt der Erfolgsfilm doch noch in die deutschen Kinos. Mit lakonischem Blick zeigt der Schweizer Regisseur eine Welt, in der zwischenmenschliche Kommunikation kaum noch existiert, in der das größte Problem einer bürgerlichen Gesellschaft zu sein scheint, ob das W-LAN gut funktioniert.

Webseite: www.dejavu-film.de

Schweiz 2017
Regie & Buch: Cyril Schäublin
Darsteller: Sarah Stauffer, Nikolai Bosshardt, Fidel Morf, Chihanez Benomar, Tony Majdalani, Mohamed Aghrabi
Länge: 71 Minuten
Verleih: déjà-vu Film
Kinostart: 18. Juli 2019

FILMKRITIK:

Über Versicherungen ist viel die Rede in Cyril Schäublins Debütfilm „Dene wos guet geit“, von Handyverträgen und den Einwahlcodes für W-LAN Netze. Immer mehr bekommt man den Eindruck, dass dies das größte Problem der bürgerlichen Schweizer Gesellschaft ist: Schwaches W-LAN, eine nicht problemlos funktionierende Verbindung ins Internet, in das Netz der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten, das heutzutage stärkere Bindungen zu erzeugen scheint, als die zwischenmenschlichen noch bieten können.
 
Gelegentlich stehen auch in Schäublins Film Menschen zusammen, führen so etwas wie Unterhaltungen, doch selbst dann sind die Blicke oft auf das Smartphone gerichtet, das längst zu einer Art natürlichem Fortsatz der Hand geworden ist, zu einem unverzichtbaren Gegenstand, ohne den man sich nackt und irgendwie von der Realität abgeschnitten fühlt.
 
Meist jedoch finden die Unterhaltungen in „Dene wos guet geit“ fernmündlich statt, am Telefon, oft aus einem Callcenter geführt, wo die nominelle Hauptfigur Alice arbeitet. Die Möglichkeit, wildfremde Menschen anzurufen und auszufragen, aber auch die Naivität vieler Menschen, am Telefon viel zu viele Informationen preiszugeben, ermöglichen Alice, sich mit einer simplen Betrugsmasche viel Geld zu erschleichen. Sie gibt sich als Enkelin von Großmüttern aus, die oft einsam in Altenheimen leben, kaum noch Kontakt zu den Verwandten haben, und allzu bereitwillig helfen, die Geldsorgen der jüngeren zu lindern.
 
Aus diesem Handlungsansatz könnte man Tatorte entwickeln, doch Schäublin hat ganz anderes im Sinn. Zwar gibt es auch hier Polizisten, die den Fall im Laufe der nur 70 Minuten kurzen Handlung aufklären, dabei jedoch mehr Zeit damit verbringen, über die beste Versicherung und den günstigsten Handy-Vertrag zu reden, als über den Fall selbst. Kommunikation, bzw. der Mangel an selbiger ist einer der roten Fäden des Films, das Verschieben von Unterhaltungen in Online-Welten, in Chiffren und Abkürzungen. Von Codes und Passwörtern ist diese Welt geprägt, die Sicherheit vorgaukeln, aber allzu leicht auszuhebeln ist.
 
Lose Episoden reiht Schäublin aneinander, die Motive der Haupterzählung spiegeln oder weiterführen. Bewusst spannungslos ist das inszeniert und gefilmt, von Kameramann Silvan Hillmann meist in starre Einstellungen gefasst. Großaufnahmen der Protagonisten sind dabei meist von einfarbigen, unscheinbaren Hintergründen geprägt, die zusätzlich ein Gefühl von Isolation vermitteln; kontrastiert werden sie durch Totalen, die durch schräge Aufsicht wie Bilder von Überwachungskameras wirken.
 
In Zürich wurde zwar gedreht, doch erkennen kann man die Orte und Räume nicht. Austauschbar wirken die grauen Betonfassaden, die Blicke auf Straßenkreuzungen oder sterile Parkanlagen. Dennoch ist „Dene wos guet geit“ kein distanzierter Blick auf eine gefühlskalte Welt, die von Entfremdung geprägt ist, sondern eine humorvolle, präzise inszenierte Entlarvung der Oberflächlichkeit der Gegenwart. Ein überaus sehenswerter Debütfilm.
 
Michael Meyns