Der Affront

Der Nahe Osten ist ein Pulverfass, die Emotionen liegen blank, die Ursachen der Konflikte zwischen den Parteien sind oft kaum noch zu benennen. In dieser Welt siedelt Ziad Doueiri seinen Film „Der Affront“ an, in dem ein kleines Missverständnis immer höhere Wellen schlägt, bis der Libanon in Flammen steht. Manchmal reißerisch und plakativ, aber stets bemüht, den Menschen hinter der Politik ein Gesicht zu geben.

Webseite: www.alpenrepublik.eu

L'Insulte
Libanon, Belgien, Frankreich, Zypern 2017
Regie: Ziad Doueiri
Buch: Ziad Doueiri, Joelle Touma
Darsteller: Adel Karam, Kamel El Basha, Rita Hayek, Diamand Bou Abboud, Camille Salameh
Länge: 112 Minuten
Verleih: Alpenrepublik
Kinostart: 24. Oktober 2018

FILMKRITIK:

Ein Abfluss. Ein kleines Abflussrohr, das auf Toni Hannas (Adel Karam) Balkon nicht richtig angebracht war und von Yasser Salameh (Kamel El Basha) eigenmächtig repariert wurde, ist Auslöser der Ereignisse. Genauer gesagt der Anlass für zunächst Beschimpfungen, dann Beleidigungen und schließlich eine Körperverletzung, denn der wahre Grund für die Auseinandersetzung der beiden Männer liegt tiefer: Toni ist christlicher Libanese, Yasser palästinensischer Flüchtling, der im Zuge des Palästina-Konflikts in den Libanon kam und dort, wie zehntausende seines Volkes in einer unsicheren Rechtslage lebt.
 
Toni dagegen sieht sich als Opfer der Palästinenser, die in seinen Augen von Politik und Justiz mit Samthandschuhen angefasst werden, denn man will es sich nicht mit der UN, zahllosen NGOs und der weltweiten öffentlichen Meinung verscherzen. Toni also will sein Recht oder das, was er dafür hält.
 
Und so findet man sich bald vor Gericht, wo ein älterer, konservativer Anwalt und seine Tochter die jeweilige Verteidigung in einem Prozess übernehmen, in dem es bald um viel mehr als einen Abfluss geht.
 
„Dieser Film gibt nicht die Position der libanesischen Regierung wieder“ heißt es am Anfang von „Der Affront“, ein Hinweis, der andeutet, wie kompliziert das Verhältnis der Bürger des Libanons zu den Palästinensern ist, die mindestens 10% der Bevölkerung des kleinen Landes am Mittelmeer, eingequetscht zwischen Israel und Syrien ausmachen. Seit Jahrzehnten leben Palästinenser hier (und in anderen Staaten des Nahen Ostens) unter haarsträubenden Bedingungen, warten auf die Möglichkeit der Rückkehr in ihre Heimat und sind längst auch Teil der Gesellschaften geworden.
 
Offiziell unterstützen alle arabischen Staaten die Sache der Palästinenser, was ihre Bürger dazu sagen steht auf einem anderen Blatt. Und genau darum geht es in Ziad Doueiris Film, der sich mit atemloser Rasanz in das kaum zu entflechtende Gewirr von Tätern und Opfern, Schuld und Vergebung, Vorurteilen und Missverständnissen beginnt, das den Nahen Osten prägt.
 
Er tut das in Form eines Gerichtsdramas, was ihm erlaubt, allen Seiten Gehör zu verschaffen. Manchmal ist das ein wenig schematisch, angesichts der immer neuen Enthüllungen, die bis zu Ereignissen während des Bürgerkriegs in den 70er Jahren zurückreichen, auch plakativ und reißerisch. Doch Doueiri erzeugt mit seiner rasanten Inszenierung, der mobilen Kamera, die fortwährend um die Akteure herumfährt, eine atemlose Stimmung, die über manch kolportagehaften Moment hinwegsehen lässt.
 
Zumal er seine beiden Hauptfiguren klüger sein lässt, als die Bevölkerungsmassen und Politiker, die zunehmend aufgebracht agieren. Toni und Yasser dagegen realisieren im Lauf des Prozesses, dass sie gar nicht so anders sind: Beide haben Leid erlitten, beide fühlen sich ungerecht behandelt und wollen am Ende einfach nur, das man sich bei ihnen entschuldigt. Wäre der Nahost Konflikt doch auch nur so leicht zu lösen.
 
Michael Meyns

Kleine Ursache, große Wirkung: Eine banale Beschimpfung eskaliert dramatisch. Erst finden sich die beiden rechthaberischen Stur-Köpfe vor Gericht wider – sehr zum Ärger ihrer Ehefrauen. Dann mutiert der Streit zwischen einem libanesischen Christen und einem Palästinenser zu politischen Protesten, die aus dem Ruder laufen. Brillante Parabel über die menschliche Dummheit. Grandiose Groteske über die Lächerlichkeit von verletzter Ehre, religiösem Eifer sowie Fanatismus jeder Art. Unterhaltsam kluges, aufklärerisches Arthaus-Kino mit Klassiker-Qualitäten!

Es ist ein heißer Sommertag in Beirut. Yasser (Kamel El Basha) ist palästinensischer Flüchtling und ein gewissenhafter Vorarbeiter für die aktuellen Baumaßnahmen in der kleinen Straße. Toni (Adel Karam) ist Automechaniker, ein gebürtiger Libanese und bekennender Christ. Weil der illegale Abfluss auf seinem Balkon nicht der Vorschriften entspricht und ständig auf die Straße tropft, will Yasser das Problem spontan lösen und verlegt kurzerhand eine neue Leitung. Der Bewohner zeigt sich wenig dankbar. Voller Wut zerschlägt Toni das frisch betonierte Rohr mit seinem Vorschlaghammer. Dass ihn der Bauarbeiter deshalb als Trottel beschimpft, bringt den Choleriker völlig aus dem Häuschen. Es folgt das übliche Geblöke von verletzter Ehre samt der obligatorischen Stolz-Hysterie.
 
Der pragmatische Chef von Yasser hat die rettende Idee: Entschuldigung und Schwamm drüber! Fast hat er seinen widerwilligen Angestellten so weit. Eine gezielte Provokation von Toni lässt die Versöhnung jedoch in letzter Sekunde platzten. Nun fliegen die Fäuste und brechen Rippen. Danach reagiert die Justiz. Beim Richter hat Toni jedoch ziemlich schlechte Karten. „Es lohnt sich, Palästinenser zu sein!“ brüllt er seinen Frust heraus. Der Rechtsstreit geht in die nächste Runde. Nun sind plötzlich sehr teure Star-Anwälte an der Seite des sturen Streithahns. Doch auch der Gegner rüstet juristisch auf.
 
Für die klugen Frauen der Beteiligten ist das ganze Wichtigtuer-Theater ihrer aufgeplusterten Gockel längst lästig. Doch selbst die Frühgeburt seiner schwangeren Gattin lässt den verbohrten Toni nicht einlenken. Vor Gericht wird fortan immer mehr schmutzige Wäsche gewaschen. Bald mischen auch die Medien mit. Schließlich will der Präsident höchstpersönlich in dem Streit vermitteln.
 
Die Story ist so schlicht wie ergreifend. Als brillante Parabel über Rechthaberei, vermeintlich verletzte Ehre sowie religiösen Fanatismus funktioniert dieses bewegende Moral-Drama exzellent. Dass Regisseur und Autor Ziad Doueiri als Sunnit das Drehbuch gemeinsam mit der Christin Joëlle Tourma verfasste, erweist sich als cleverer Schachzug. Dass er sein Handwerk als Kameraassistent von Quentin Tarantino lernte, hat gleichfalls visuelle Spuren hinterlassen.
 
Als Sahnehäubchen erweist sich die Besetzung der sturen Streithähne. Der Beiruter Comedian Adel Karam sowie der populäre palästinensische Theatermann Kamel El Basha geben die fanatischen Widersacher mit großer Präzision und machen sie zu grotesken Figuren der lächerlichen Art. Wie schnell diese netten Nachbarn zu verbohrten Fanatikern mutieren, ist erschreckend. Und doch gibt es jene klitzekleine Szene der Versöhnung, die hoffen lässt.
 
Dieter Oßwald