Der andere Liebhaber

Ein doppelbödiger, lustvoller Mix aus Suspense, Erotik-Thriller und Drama vom französischen Starregisseur Francois Ozon: Die attraktive Chloé geht eine Beziehung zu ihrem Psychologen Paul ein. Alles scheint perfekt, bis sie bemerkt, dass Paul etwas verheimlicht. Er hat einen Bruder, der ebenfalls Psychologe ist. Immer tiefer taucht Chloé fortan in deren dunkle Vergangenheit ein. Ozon gelingt mit seinem stilvollen, stylisch bebilderten Werk eine provokante, freizügige Genre-Mischung, die genussvoll über die Stränge schlägt –  und hemmungslos mit Übertreibungen sowie Andeutungen spielt.

Webseite: www.DerAndereLiebhaber-film.de

Frankreich, Belgien 2017
Regie: François Ozon
Drehbuch:  François Ozon, Philippe Piazzo
Darsteller: Marine Vacth, Jérémie Renier, Jacqueline Bisset, Myriam Boyer, Dominique Reymond
Verleih: Weltkino
Kinostart: 18. Januar 2017

FILMKRITIK:

Die 25-jährige Chloé (Marine Vacth) hat Depressionen. Ihre Hausärztin verschreibt ihre eine Psychotherapie, was sie in die Praxis von Paul (Jérémie Renier) führt.  Es dauert nicht lange und die Beiden verlieben sich. Nachdem sie zusammengezogen sind, entdeckt Chloé, dass  Paul ihr etwas verschweigt: er hat einen Zwillingsbruder, Louis (ebenfalls Jérémie Renier), der auch Psychologe ist. Chloé wird daraufhin bei Louis als Patientin vorstellig und erkennt, dass er das Gegenteil von Paul ist: arrogant, egomanisch, impulsiv. Sie beginnen eine Affäre – mit fatalen Konsequenzen.

Mit „Der andere Liebhaber“ kehrt einer der bedeutendsten französischen Filmemacher seiner Generation ins Kino zurück: François Ozon. Der 50-jährige Pariser wurde Anfang des letzten Jahrzehnts durch vielfach preisgekrönte Filme wie „8 Frauen“ oder „Swimming Pool“, bekannt. „Der andere Liebhaber“ feierte seine Premiere bei den Filmfestspielen von Cannes 2017 und basiert lose auf einem Roman der US-Schriftstellerin Joyce Carol Oates.

In seinem Lustspiel vermengt François Ozon gekonnt ausgewählte Versatzstücke unterschiedlicher Genres:  (Hitchcock-) Suspense, psychologisches Drama, Horror und vor allem: Erotik.  Dass diese Mischung so gut funktioniert, ist u.a. der formvollendeten Bildsprache zu verdanken. So besticht „Der andere Liebhaber“ durch seine edlen, erlesenen Aufnahmen und die gestochen scharfen Bilder, die sich durch eine hohe Ästhetik und Sinnlichkeit auszeichnen. Jeder beiläufige Kameraschwenk, jede noch so unbedeutend erscheinende Einstellung ist sorgfältig gewählt. Ebenso sorgsam sind die Kulissen arrangiert.

Hinzu kommt, dass der Film gespickt ist mit expliziter Erotik,  Freizügigkeit und anspielungsreichen Momenten – typisch für Ozon. Dies wird gleich in einer der ersten Einstellungen deutlich: die Kamera zeigt für wenige Sekunden (und in Nahaufnahme) ein weibliches Geschlechtsteil. Sofort, fällt – auch durch die gewählte Kameraperspektive – die Ähnlichkeit mit dem menschlichen Auge auf. Ozon spielt hier mit der Assoziation des Zuschauers und seiner Fähigkeit zur Deutung metaphorischer Anspielungen. Kurz darauf wird aus der Vagina tatsächlich ein Sehorgan, wenn Ozon kunstvoll auf das Auge von Chloé überblendet.

Passend zur Hochglanz-Optik, verfügt „Der andere Liebhaber“ über zwei ebenso betörende Hauptdarsteller, die sich ganz ihrem leidenschaftlichen Spiel hingeben. Marine Vacth und Jérémie Renier vermitteln die Lust ihrer Figuren sehr glaubhaft, weil sie sich in den intimen Momenten ganz und gar fallen lassen können. Nichts wirkt gespielt oder aufgesetzt. Die Sexszenen sind stellenweise durchaus drastisch,  auch weil Ozon provozierende Sex-Praktiken sowie erotische Machtspielchen, visualisiert. Die Figuren nutzen sie, um ihre Grenzen auszuloten oder verdrängte Neigungen auszuleben. Dazu gesellen sich erneut raffinierte Andeutungen und zweideutige Bemerkungen u.a. zu den Themen Inzest und interfamiliäre Misshandlung.

Bei alledem vergisst man fast die Handlung, bei der man keine Fragen nach der Logik und Plausibilität stellen sollte. Glaubwürdig sind der Inhalt sowie das Verhalten der Figuren nämlich nur selten. Das beginnt schon damit, dass Chloé immer wieder zu Louis zurückkehrt, obwohl dieser sie wie Abschaum behandelt. Oder wenn sie ihm jedes Mal 150 Euro in die Hand drückt, auch wenn die Therapiesitzung nur wenige Minute dauerte.

Ozon rechtfertigt diese schwer nachvollziehbaren Verhaltensweisen und Logiklöcher letztlich vor allem damit, dass nie eindeutig klar ist, was Traum und was Realität ist. Dieser Umstand gewährt ihm reichlich Freiräume für Übertreibung und Absurdes. Und für Provokation. Genau darin ist der Franzose ein Meister, das beweist er mit „Der andere Liebhaber“ aufs Neue.

Björn Schneider