Der Aufsteiger

Weil er schnell und medienwirksam auf einen tragischen Busunfall reagiert, findet sich der bislang wenig beachtete französische Verkehrsminister Bertrand Saint-Jean (Olivier Gourmet) plötzlich im Fokus der Öffentlichkeit wieder. Die neue Popularität nutzt der Politiker, um seine Position innerhalb der von Rivalitäten bestimmten Regierung zu stärken. Pierre Schoelers skizziert mit scharfem Humor und Sinn für dramaturgische Zuspitzungen, wie die Macht die Menschen korrumpiert. Sein ebenso genauer wie unterhaltsamer Blick auf die Machtelite beeindruckt nicht nur formal und inhaltlich, sondern überzeugt auch als Schauspielerfilm auf der ganzen Linie.

Webseite: www.koolfilm.de

L’EXERCICE DE L’ÉTAT
Frankreich/Belgien 2011
Regie: Pierre Schoeller
Darsteller: Olivier Gourmet, Michel Blanc, Zabou Breitman
Kinostart: 22.11.
Länge: 113 Minuten
Verleih: Kool Film

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Der Erfolg kommt für den Verkehrsminister Bertrand Saint-Jean (Olivier Gourmet) über Nacht. Die Nachricht vom tragischen Busunglück in den winterlichen Ardennen, mit 13 Todesopfern, reißt den Minister aus dem Schlaf. Nur Stunden später trifft er am Unfallort ein, um medienwirksam vor den Kameras zu kondolieren. Der empathische Auftritt katapultiert ihn in den Mittelpunkt des Medieninteresses. Gut instruiert von seiner gewieften PR-Beraterin Pauline (Zabou Breitman) und seinem treuen Adlatus Gilles (Michel Blanc) setzt der gerade noch nahezu unbekannte Politiker zum Höhenflug an. Der innerhalb der Regierung schwelende Streit über die Privatisierung der französischen Bahnhöfe, die sein Kollege, Finanzminister Peralta, forciert, verschafft Saint-Jean weitere Gelegenheit, sich zu profilieren. Bertrand Saint-Jean schlägt sich auf die Seite der Gewerkschaften, sowie des sozialen Flügels der Regierung. Binnen kürzester Zeit ist er der Kopf des Widerstandes gegen die Privatisierung. Dass er seinem Chauffeur Vaterschaftsurlaub gewährt und gleichzeitig als Vertretung den Langzeitarbeitslosen Martin Kuypers einstellt, demonstriert noch mehr soziale Kompetenz und Volksnähe. In der schnelllebigen Medienwelt hat sich die graue Maus in Windeseile zum populären Volkstribun aufgeschwungen. Aber in der Höhe der Macht wird die Luft dünner. Jeder kleine Fehler kann fatale Folgen haben. Saint-Jean muss schnell lernen, sich im Haifischbecken zu behaupten, Intrigen abzuwehren und selber in die Offensive zu gehen.

Bei dem rasanten Wechselspiel der Macht gilt es Flexibilität zu zeigen, Festhalten an inhaltlichen Positionen oder Personen stört da nur. Auch für zwischenmenschliche Kontakte bleibt kaum Zeit. Das Liebesleben mit seiner Frau findet fast nur noch in seiner Fantasie statt und der einzige Freund und Vertraute, den Saint-Jean im politischen Zirkus hat, Gilles, plant sich von seinem plötzlich machthungrig gewordenen Chef zu verabschieden. In dieser Situation wird ausgerechnet sein neuer Chauffeur zum einzigen Ansprechpartner für private Dinge. Eine Kommunikation, die allerdings nur in eine Richtung verläuft und deren Einseitigkeit zur beredeten Metapher für das gestörte Miteinander von Bürger und Politiker wird. Saint–Jean stört das wenig, er okkupiert den schweigsamen Mitarbeiter einfach als Vertrauten. Denn wie klagt er mitten im stressigen Alltagsgeschäft mit Blick aufs Smartphone so schön: „4000 Kontakte und keinen Freund“.

Pierere Schoelers glänzend gespieltes Drama über die Metamorphose des Menschen durch die Macht ist kein politisches Pamphlet, sondern ein scharf beobachtete Zustandsbeschreibung. Lakonisch aber nicht larmoyant, moralisch aber ohne Vorverurteilungen werden hier die Mechanismen offengelegt. Dass der Regisseur dabei alles andere als staubtrockenes Akademikerkino im Sinn hat, demonstriert bereits die überraschende Anfangsszene, die einen erotisch aufgeladenen Traum von Macht und Ohnmacht des da noch unbedarften Ministers zeigt. Überhaupt gibt sich die Regie Mühe, das komplexe Geschäft mit der politischen Macht so facettenreich, verspielt und unterhaltsam wie möglich an den Zuschauer zu bringen. Ein Anspruch, der nicht zuletzt dadurch so überzeugend umgesetzt wird, weil die beiden grossartigen Akteure Olivier Gourmet als Saint-Jean und Michel Blanc in der Rolle des Gilles dem Homo- Politikus individuelle und menschliche Züge verleihen.

Norbert Raffelsiefen

Ein Film, der hinter die Kulissen schaut. Ein fiktiver zwar, aber einer, der eine Menge Wahrheit enthalten dürfte.

Saint-Jean ist der französische Verkehrs- und Transportminister. Er hat in Gilles einen Stabschef, mit dem er alles besprechen kann, dem er vertraut, mit dem er befreundet ist. Das gilt im Wesentlichen auch für den Rest seiner Truppe. Wenigstens am Anfang.

Die Wirtschaft lahmt, Geld ist bei weitem nicht genug da, die Unzufriedenheit in der Bevölkerung scheint zu wachsen. Die Regierung muss etwas unternehmen, Reformen voranbringen. Ein paar kommen auf die Idee, dass mit der Privatisierung der Eisenbahn Finanzen und Prestige gewonnen werden könnten. Saint-Jean aber ist strikt dagegen. Mit ihm nicht. Die Gewerkschaften würden dabei sowieso nicht mitmachen – im Gegenteil. Die Demonstrationen lassen denn auch nicht lange auf sich warten.

Die Diskussionen, die Ablehnungen, die Befürwortungen, die Streitigkeiten, die Intrigen, die Schuldzuweisungen, die Beleidigungen beginnen. Die Zweifel ebenso. Ist auf den Freund, ist auf die Mitarbeiter noch Verlass? Was wünscht der Staatspräsident? Was entscheidet der Ministerpräsident? Saint-Jean befindet sich komplett in der Zwickmühle. Und er ist letzten Endes allein.

Sollte ihn vielleicht der tödliche Unfall mit seinem Fahrer die Dinge anders sehen lassen?

Ein Film, der es in sich hat. Er ist wie gesagt erfunden, doch dürfte die Realität von vielen seiner Szenen nicht weit entfernt sein. Persönlicher Ehrgeiz, Kompetenzgerangel, Kompromissunfähigkeit, absichtliche Verzögerungen, Beförderungsgier, das alles gibt es in jedem Behörden- und Regierungsapparat. Es wird hier in geradezu beängstigend echter Weise vorgeführt, dazu sehr flüssig und glaubhaft inszeniert. Vor allem stimmen auch die Dialoge.

Olivier Gourmet ist der Minister. Überzeugender könnte er die Rolle nicht darstellen. Ein Glanzpunkt zusätzlich: Michel Blanc als Gilles. Fabelhaft. Lange war er im Kino nicht zu sehen. Endlich ist er wieder da.

Ein Spitzenfilm.

Thomas Engel