Der Babadook

Wenn es ein kleiner Horrorfilm aus Down Under zu uns in die Kinos schafft, dann muss dieser schon etwas Besonderes sein. Tatsächlich ist das Kinodebüt der australischen Filmemacherin Jennifer Kent nicht nur gemessen an den üblichen Genremaßstäben eine echte Überraschung. Ihre Mischung aus Geistermär, „Haunted House“-Terror und Psychothriller entpuppt sich als doppelbödiges Spiel mit Urängsten, die familiäre Strukturen angreifen und zerstören können. Dass „Der Babadook“ der Publikums- und Kritikerliebling des letzten „Fantasy Filmfest“ war, überrascht nicht.

Webseite: www.capelight.de

Australien 2014
Regie & Drehbuch: Jennifer Kent
Darsteller: Essie Davis, Noah Wiseman, Daniel Henshall, Tim Purcell
Laufzeit: 93 Minuten
Kinostart: 7. Mai 2015
Verleih: Capelight, Vertrieb: Central Film
 

FILMKRITIK:

Am Beginn von „The Babadook“ steht ein Albtraum, der jedoch anders als die meisten zugleich schmerzhafte Realität ist. Die alleinerziehende Mutter Amelia (Essie Davis) hat vor Jahren ihren Ehemann bei einem Autounfall verloren. Das besonders Tragische sind die Umstände seines Todes. Ausgerechnet auf dem Weg zum Krankenhaus, in dem Amelia wenig später ihren gemeinsam Sohn Samuel bekommen sollte, stirbt der Vater. Auch sieben Jahre später sind die dunklen Schatten der Vergangenheit aus dem Alltag der kleinen Familie nicht verzogen. Samuel (Noah Wiseman) entwickelt ein lebhaftes Vorstellungsvermögen, das schon bald weit über die Grenzen kindlicher Fantasie hinausgeht. Er ist oftmals ängstlich, aggressiv und verschlossen. Die Situation verschlimmert sich, als Sam von einer scheinbar harmlosen Spukgeschichte aus einem alten Kinderbuch erfährt. Darin ist von einer unheimlicher Gestalt die Rede, dem „Babadook“, der einmal herbeigerufen, sich nachts in die Zimmer der Kinder schleicht.
 
Damit ist die Exposition abgeschlossen und das Grundgerüst des Films etabliert. Doch was sich zunächst nach einer klassischen Geisterstory mit den bekannten Zutaten anhört, wird in den Händen des australischen Regisseurin Jennifer Kent – es ist zugleich ihr Kinodebüt – zu sehr viel mehr. Denn Samuels beängstigende Fantasien und Amelias vergebliche Versuche, sich des seltsamen Buches zu entledigen, führen in eine düstere Spirale aus Isolation, Gewalt und psychologischem Horror. Immer stärker konzentriert Kent die Ereignisse auf nur einen Schauplatz, was zusammen mit den stimmungsvoll bebilderten (Tag-)Träumen von Samuel und Amelia bereits für Beklemmung sorgt und den Vorgaben an gutes Genrekino genügen würde. Dann aber wagt Kent, das vordefinierte Korsett des typischen Horrorfilms zu verlassen, weil sie ganz einfach mehr als viele ihrer Kollegen zu erzählen hat. Dass ihr Werk dabei explizit eine weibliche Perspektive einnimmt – nämlich die der alleinerziehenden, überforderten Mutter, die spürt, wie ihr Kind ihr langsam entgleitet –, macht es schließlich derart interessant.
 
So verlagert sich der Fokus zunehmend auf Amelias Kontrollverlust und ihre Aggressionen, die sich sowohl gegen Samuel als auch gegen sich selbst richten. Hier spielt „The Babadook“ mit den Urängsten von Eltern. Zugleich thematisiert er den Umgang mit Trauer und Verlust. Ganz egal, ob man die Gestalt des effektvoll im Dunklen verankerten Monsters aus dem Kleiderschrank nur als die Spiegelung menschlicher Ängste oder als sehr reale Bedrohung versteht, für Gänsehaut und Beklemmung sorgt sie in jedem Fall. Gerade die Details der Story und der Inszenierung lassen immer wieder erkennen, wie viel Substanz in diesem Film steckt, in dem sich Genres beinahe unmerklich vermischen und einander ablösen. Ohne auf die durchaus typischen Schreckmomente einer guten Horrorstory zu verzichten – viele davon werden uns augenzwinkernd präsentiert –, bleibt „The Babadook“ doch ein sehr auf seine beiden Hautfiguren zugeschnittener Film. Die komplizierte Mutter-Sohn-Beziehung mitsamt ihrer tragischen Entstehung ist das Fundament bei Kent, aus dem sich alles weitere entwickelt.
 
Zum Gelingen des Films leisten nicht zuletzt Kents Hauptdarsteller den vielleicht entscheidenden Beitrag. Essie Davis hätte als Sams sichtlich überforderte, gestresste Mutter, die in eine gefährliche Psychose abzugleiten droht, jeden Darstellerpreis verdient. Wie sie in der Rolle eine erschreckend plausible Hölle durchlebt, erzeugt unmittelbar Spannung und Unruhe. Nicht minder überzeugend ist Noah Wiseman, der dank die meisten seiner jungen Kollegen ziemlich alt aussehen lässt. Ihm gelingt das Kunststück, dass der Zuschauer Sam nicht nur als hilfloses Opfer oder das Kind, das plötzlich Monster sieht, wahrnimmt. Was ebenfalls für die Qualität von Kents Kinodebüt spricht: Es will einem partout nicht aus dem Gedächtnis gehen. Der „Babadook“, man wird ihn so leicht nicht mehr los.
 
Marcus Wessel