Der Boden unter den Füßen

Im Milieu der Unternehmensberatungen siedelt Marie Kreutzer ihren Film „Der Boden unter den Füßen“ an, der im Wettbewerb der Berlinale gezeigt wurde. Um Überarbeitung und Machtstrukturen geht es also, erwartbarer muss man sagen, doch Kreutzer peppt ihre Analyse der Arbeitswelt mit Genremotiven auf, was bedingt gelingt.

Webseite: www.salzgeber.de

Österreich 2018
Regie & Buch: Marie Kreutzer
Darsteller: Valerie Pachner, Mavie Hörbiger, Pia Hierzegger, Michelle Barthel, Marc Benjamin, Florian Reiners
Länge: 108 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 16. Mai 2019

FILMKRITIK:

Lola (Valerie Pachner) ist hochtalentierte Unternehmensberaterin, die meist in Wien lebt. Momentan pendelt sie jedoch zwischen ihrer Heimat und Rostock, wo sie mit einem von ihrer Chefin Elise (Mavie Hörbiger) geleiteten Team eine Firma restrukturieren soll. Die Arbeit ist hart, die Tage lang, die Konkurrenz groß. Gerade für die Frauen, die von ihren männlichen Kollegen eher respektiert als geschätzt werden. Auch deswegen soll niemand erfahren, dass Lola eine Affäre mit Elise hat, die aus kaum mehr als kurzen Stunden im Hotel besteht, bevor jeder auf sein eigenes Zimmer verschwindet.
 
Zu Hause in Wien wiederum belastet Lola auch ihre Schwester Conny (Pia Hierzegger), die unter paranoider Schizophrenie leidet und nach einem Selbstmordversuch in eine Klinik eingewiesen wird. So sehr es geht versucht Lola, sich um ihre Schwester zu kümmern, doch die doppelte Belastung, das hin und her zwischen Wien und Rostock, zwischen Familie und Beruf nimmt sie zunehmend mit. Irritierende Anrufe von ihrer Schwester belasten sie, zunehmend unkonzentriert führt sie ihre Arbeit durch und meint zu erkennen, dass sich Elise privat und beruflich von ihr distanziert.
 
Ideale Metapher für die Exzesse des modernen Kapitalismus ist das Berufsfeld der Unternehmensberater, die wie Heuschrecken einfallen, umstrukturieren, einsparen, nichts produzieren, aber die Gewinne für die Aktienbesitzer steigern und dann weiterziehen. Nur der Stärkere überlebt hier, wodurch die Geschlechterverhältnisse eine besondere Rolle bekommen. Und darum geht es in Marie Kreutzers „Der Boden unter den Füßen“, der durch eine simple Rollenverteilung Erwartungen unterläuft. Klischee wäre es, wenn der Boss ein Mann wäre und Lola eine Affäre mit einem männlichen Vorgesetzten hätte. Dass sie stattdessen beruflich einer Frau untergeordnet ist und gleichzeitig eine lesbische Affäre hat, verändert die Situation grundlegend – zumindest im ersten Moment.
 
Denn immer mehr wird klar, dass es für eine Frau in der Position von Lola keine Rolle spielt, ob ein Mann oder eine Frau über ihr steht. Die Strukturen ihres Berufsfeld lassen auch Frauen so agieren wie Männer, lassen auch eine Frau sexistisch agieren und ihren Machtinstinkten folgen. In diesem Haifischbecken darf sich eine Frau auch gegenüber einer Frau nicht erlauben, Schwächen zu zeigen, darf auch eine Frau nicht hoffen, dass eine Frau besser versteht, was eine Frau umtreibt.
 
An sich hätten diese Themen für ein überzeugendes Drama gereicht, doch Marie Kreutzer versucht zusätzlich, eine phantastische Ebene anzureißen. Mysteriöse Anrufe bekommt Lola, Anrufe, von denen sie glaubt, dass sie von ihrer Schwester kommen, auch wenn das unmöglich ist. Als wäre die ohnehin kaum zu bewältigende Situation Lolas nicht genug, scheint Kreutzer die Möglichkeit in den Raum stellen zu wollen, dass auch Lola unter Schizophrenie leidet. Was eine zusätzliche Dimension der Geschichte sein soll, führt allerdings eher zum ausfransen, zum Verlust des Fokus. Am stärksten ist „Der Boden unter den Füßen“ nicht bei seinen eher verunglückten Versuchen, mit Genre-Motiven zu spielen, sondern in seiner präzisen Zeichnung der Strukturen der Arbeitswelt. Wie da Lola gegen Mauern rennt, sich von ihr an sich untergeordneten männlichen Kollegen sexistische Sprüche anhören muss, erzählt viel über Geschlechterverhältnisse, die sich auch dann nur langsam ändern, wenn Frauen in Führungspositionen agieren.
 
Michael Meyns