Der Chor – Stimmen des Herzens

In den USA ist der „American Boychoir“ eine echte Institution und mindestens so bekannt wie hierzulande die Regensburger Domspatzen oder die Wiener Sängerknaben. Unter der Führung eines strengen, aber gerechten Chorleiters (Dustin Hoffman) lernt ein rebellischer 12-Jähriger (Newcomer Garrett Wareing) in der Gemeinschaft des Chors eine für ihn bis dahin unbekannte Welt kennen. Dabei bleiben Konflikte selbstverständlich nicht aus. Dennoch baut der kanadische Regisseur François Girard („Die rote Violine“) seinen musikalischen Coming-of-Age-Musik-Beitrag zielstrebig zum klassischen Wohlfühlfilm ohne echte Reibungen oder Herausforderungen auf. Vor allem der Enthusiasmus von Dustin Hoffman ist ebenso ansteckend wie ein Garant für gute Unterhaltung.

Webseite: www.der-chor-film.de

OT: Boychoir
USA 2014
Regie: François Girard
Drehbuch: Ben Ripley
Musik: Brian Byrne
Darsteller: Garrett Wareing, Dustin Hoffman, Kathy Bates, Josh Lucas, Eddie Izzard, Kevin McHale, Debra Winger
Laufzeit: 103 Minuten
Verleih: Universum
Kinostart: 27.8.2015
 

FILMKRITIK:

Der 12-jährige Stet (Garrett Wareing) ist wohl das, was man einen typischen Außenseiter nennt. In der Schule häufen sich zuletzt Konflikte und Streitereien und auch zu Hause fühlt sich der Junge von seiner alleinerziehen, alkoholkranken Mutter ziemlich oft allein gelassen. Wie aus dem Nichts trifft Stet in dieser für ihn schwierigen Phase am Beginn der Pubertät ein fürchterlicher Schicksalsschlag. Als seine Mutter bei einem Autounfall stirbt, wird er von seinem Vater (Josh Lucas), der längst eine andere Familie gegründet hat und das Sorgerecht eher widerwillig übernimmt, auf dem renommierten „National Boychoir“-Internat an der Ostküste angemeldet. Die Chorschule versteht sich als Eliteschmiede junger Stimmen. Trotz der finanziellen Unterstützung seines Vaters muss Stet zunächst die Hürde eines Aufnahmetests meistern. Dabei zeigt sich der strenge Chorleiter (Dustin Hoffman) des Jungeninternats anfangs nicht restlos überzeugt von der musikalischen Begabung des Jungen.
 
Zusammen mit Stet erkundet der Zuschauer das ehrwürdige Eliteinternat, seinen sorgsam gepflegten Kanon aus Strenge, Pflichtgefühl und Tradition sowie die Jahrhunderte alte Welt der Chormusik. Dort wurden junge, engelsgleiche Stimmen schon immer geschätzt und hofiert. Insbesondere die oftmals sakralen Stücke, die auch im Film zu hören sind, sind als musikalische Gesamtkunstwerke. „Der Chor: Stimme des Herzens“ überzeugt folglich vor allem dann, wenn Regisseur François Girard den Klang des Chores und seiner Stimmen in den Mittelpunkt rückt. Girard ist ein Musikkenner und nicht nur im Kino Zuhause. Er inszenierte abgesehen vom Oscar-nominierten „Die rote Violine“ auch zahlreiche Opern, klassische Konzerte und sogar Aufführungen des “Cirque du Soleil“. Diese Erfahrungen bringt er nun hier durchaus gewinnbringend ein.
 
Dafür hapert es an anderen Stellen in dieser leider etwas zu absehbaren Geschichte, die trotz mancher melancholischer Zwischentöne vorrangig als Wohlfühlfilm und gefälliger Crowd Pleaser überzeugt. Obwohl Autor Ben Ripley („Source Code“) ebenfalls eine Ausbildung als klassischer Pianist durchlaufen hat, vertraut er ganz der Rezeptur einer weitgehend glattgebügelten Außenseiter-Story, die mit Elementen des Coming-of-Age- und Jugendfilms nur bedingt eigene Akzente setzen kann. Natürlich muss sich Stet nach seiner Ankunft im Internat erst einmal den eigenen Platz erkämpfen. Er wird gemobbt und von Misstrauen verfolgt. In dieses Konzept passt sowohl ein neuer, bester Freund als auch der neidische Kontrahent, für den Stet – wie sollte es anders sein – bei einem wichtigen Auftritt kurzfristig einspringen muss. Neuentdeckung Garrett Wareing bringt vieles von dem mit, was im Filmgeschäft als Voraussetzung für eine Karriere jenseits des Teenageralters unabdingbar ist. Ausdruck, Präsenz, schauspielerische Intuition. Der zum Zeitpunkt erst 12-Jährige muss sich daher nicht vor Schauspielgrößen wie Dustin Hoffman und Kathy Bates verstecken.
 
Hoffman gibt seinerseits den gemäßigten Zwilling von J.K. Simmons’ strengem, gelegentlich offen sadistischem Mentor aus „Whiplash“. Seine Figur ist kein Unsympath und schon deshalb die sichere Wahl für einen Film, der auch ansonsten kaum ein Wagnis eingeht. Immerhin bereitet es ein großes Vergnügen, den zweifachen Oscar-Preisträger bei seinem leidenschaftlichen Einsatz als väterlicher Freund und fordernder Chorleiter zuzusehen. Sein Enthusiasmus ist ebenso ansteckend wie ein Garant für gute Unterhaltung.
 
Marcus Wessel