Der die Zeichen liest

Ein Junge in der Pubertät wird zum religiösen Fanatiker. Aber Achtung: Hier geht es nicht um den Islam, sondern ums Christentum. Mit der Bibel in der Hand stellt sich Benjamin gegen Mutter, Lehrer und Mitschüler, er steigert sich in seine Rolle hinein, bis er der zerstörerischen Kraft seiner Allmachtsgefühle verfällt. Was als bittere, provokative Religionssatire beginnt, entwickelt sich bei Kirill Serebrennikov bald zu einer Rundumkritik an der modernen russischen Gesellschaft, die merkwürdig unentschlossen in mehrere Richtungen driftet. Die kunstvolle Filmästhetik mit ungewöhnlichen Bildausschnitten und langen Einstellungen ist dabei wirklich sehenswert.

Webseite: www.neuevisionen.de

Originaltitel: Uchenik
Russland 2016
Regie und Drehbuch: Kirill Serebrennikov (basierend auf dem Theaterstück „Märtyrer“ von Marius von Mayenburg)
Darsteller: Petr Skvortsov, Victoria Isakova, Svetlana Bragarnik, Anton Vasieliev, Julia Aug, Aleksandra Revenko, Grigoriy, Nikolai Roschin
Länge: 118 Minuten
Verleih: Neue Visionen Filmverleih GmbH
Kinostart: 19.01.2017

FILMKRITIK:

Ein deutsches Hochkulturtheaterstück wird in Russland verfilmt. Das ist ungewöhnlich, aber „Märtyrer“ von Marius von Mayenburg, Hausautor, Dramaturg und Regisseur an der Berliner Schaubühne, passt vielleicht sogar besser nach Russland als nach Deutschland. Wenn Benjamin mit seinen Bibelzitaten loslegt, dann wirkt er auf seine liberale Mutter, auf Mitschüler und Lehrer zunächst wie ein Alien. Benjamin wettert gegen offenherzige Kleidung, gegen Ehescheidungen, Homosexualität, Darwin und Verhütung. Und weil alle seine Argumente aus der Bibel stammen, setzt er sich durch. Die Mädchen müssen bald in Badeanzügen statt im Bikini schwimmen, und der Sexualkundeunterricht fällt aus. Aber Benjamin macht weiter: Bald genügt es ihm nicht mehr, seinem ziemlich rabiaten Gott zu folgen. Er wandelt auf Jesus Pfaden, findet sogar einen Apostel, den körperbehinderten Grigoriy, und macht sich schließlich selbst zum Herrn über Leben und Tod.
 
Der Beginn ist pure, schwarzhumorige Satire: Benjamins Mutter vermutet Erektionen als Ursache für seine Schamhaftigkeit, aber tatsächlich hat Benjamin die Bibel entdeckt. Er macht aus dem Alten und dem Neuen Testament eine Art Wörtersteinbruch, aus dem er sich zusammenklaubt, was in sein neues Weltbild passt. Alles, was irgendwie mit Liebe und Toleranz zu tun hat, kommt in Benjamins Christentum nicht vor. Sein Gott ist im wahrsten Sinne des Wortes alttestamentarisch, ein brutaler Tyrann. Genau in diese Richtung entwickelt sich auch Benjamin. Und weil niemand mit ihm mithalten kann oder will – außer einer engagierten Lehrerin – nimmt er sich immer mehr Freiheiten. Die Lehrerin geht daran beinahe zugrunde, weil sie bald allein auf verlorenem Posten steht, um die Evolutionstheorie und die allgemeine Vernunft zu verteidigen. Ihre in Ehren ergrauten Vorgesetzten, die aufgrund ihrer Erfahrungen in der alten Sowjetunion heuchelei- und intrigengewohnt sind, werden zu Benjamins Mitläufern. Damit entwickelt sich aus der Satire eine Beschreibung von Zuständen, die unklar zwischen Schuldrama und allgemeiner Gesellschaftskritik hin- und herdriften. Erst zum Ende hin nimmt die Handlung wieder Fahrt auf.
 
In statischen Bildern von auffällig eleganter Kadrierung zeichnet Kirill Serebrennikov den Weg des Jungen in den Fanatismus, der schließlich in die Via dolorosa mündet: Benjamin lädt sich ein großes Holzkreuz auf, das er wie Jesus auf dem Gang nach Golgatha durch die Stadt trägt.
 
Leider erliegen Kirill Serebrennikov und Marius von Mayenburg demselben Irrtum: Sie glauben, mit fleißig recherchierten Zitaten aus der Bibel ließe sich die Radikalisierung eines Christen nicht nur plausibel darstellen, sondern auch satirisch überhöhen, vielleicht bis hin zur Ablehnung genereller Glaubenswerte. Doch das funktioniert nicht, denn es fehlt etwas Wesentliches: der menschliche Faktor. So bleibt unklar, wie und warum Benjamin den Weg zu Gott findet. Doch nicht nur das: Benjamin bleibt generell als Figur und Person indifferent, er lebt nicht, er ist eine Kunstfigur, die nur eine Eigenschaft hat: Er wird zum Fanatiker. Man weiß nicht, ob man ihn mögen, bemitleiden oder verachten soll. Und das hat etwas mit Geschichtenerzählen zu tun. Ein Knalleffekt – ach du Schreck, er wird ein christlicher Fundamentalist! – genügt als Provokation und macht Eindruck, ist aber letztlich nicht abendfüllend. Serebrennikov gibt seinem Benjamin außer markigen Sprüchen wenig mit auf den Weg. Der junge Petr Skvortsov hat es schwer. Er gibt sich Mühe, die Zitate glaubwürdig rüberzubringen, er spielt mit überzeugender Körperlichkeit und durchaus bedrohlicher Aggressivität, am ehesten dann, wenn er nichts sagen muss. Dann wird manchmal so etwas wie Leid oder Qual sichtbar. Wie auf diesen Jungen irgendwelche Leute hereinfallen könnten, ist allerdings unklar. Kirill Serebrennikov kratzt lediglich an der Oberfläche dessen, was verhandelt werden könnte, gelangt dabei immerhin ein paar Millimeter tiefer als Marius von Mayenburg. So wird die Geschichte um Benjamins einzigen Jünger Grigoriy (Aleksandr Gorchilin), den Benjamin wunderheilen will und dessen Zuneigung sich als offen homoerotisch herausstellt, sehr eindringlich und vollkommen ironiefrei erzählt.
 
Kirill Serebrennikov hat es sich schwer gemacht, und damit macht er es auch dem Publikum schwer: Er liefert viele Facetten, er bringt geschickt in Szene gesetzte Bilder und sehr gute Schauspieler. Aber sein Film mit einer provokanten Ausgangssituation bleibt spröde und kühl, wo er eigentlich aufwühlen müsste. Doch immerhin sorgt er für Gesprächsstoff …
 
Gaby Sikorski