Der Dolmetscher

Ein Senioren-Roadmovie mit glanzvoller Besetzung: Jiří Menzel und Peter Simonischek spielen zwei alte Männer, die miteinander auf die Reise in die Vergangenheit ihrer Familien gehen. Peter Simonischek spielt Georg, den Sohn eines Naziverbrechers, Jiří Menzel ist der Sohn von Naziopfern – seine Eltern wurden ermordet, und Georgs Vater war dafür verantwortlich. Hier verbindet sich bissiger Witz mit einer ordentlichen Portion Melancholie, zusätzlich sorgt die Reise durch die herbstliche Slowakei für unerwartet schöne Bilder. Trotz der thematisch bedingten Ernsthaftigkeit bleibt der Film dank seiner beiden Stars unterhaltsam und komödiantisch.

Webseite: www.filmkinotext.de

Slowakei, Tschechien 2018
Regie: Martin Sulik
Buch: Martin Sulik & Marek Lescak
Darsteller: Peter Simonischek, Jiri Menzel, Zuzana Maurery, Eva Kramerova, Anna Rakovska, Attila Mokos
Länge: 113 Minuten
Verleih: Film Kino Text
Kinostart: 22. November 2018

FILMKRITIK:

Martin Šulík kommt schnell zur Sache: Es gibt praktisch keine Exposition, da wird nicht lange vorgestellt und erklärt – Ali (Jiří Menzel) klingelt auf der Suche nach Georgs Vater an der Tür, und es geht los. Alles, was noch notwendig ist, um zu verstehen, wer die beiden sind und was sie antreibt, ergibt sich im Lauf der Handlung. Dass die zwei alten Männer bald miteinander durch die Gegend reisen und Ali Georgs Dolmetscher wird, wird dabei so zügig verhandelt, dass kaum Zeit bleibt, sich über Wahrscheinlichkeiten Gedanken zu machen. Die Kombination Ali/Georg erinnert in erfreulichster Weise an Buddy-Filme wie BOMBER UND PAGANINI und KNOCKING ON HEAVEN’S DOOR, in denen zusammengeschweißt wurde, was nicht zusammengehört. So auch hier: Der grantelnde, kränkliche Ali und der demonstrativ sportliche, lebensfrohe Weiberheld Georg stellen die größtmöglichen Extreme einer Männerfreundschaft dar. Während der eine die Tour als Urlaub versteht und sich nach Kräften amüsieren will, betrachtet der andere sie als Geschäftsreise. Diese Kombination kann eigentlich nicht funktionieren, und so gestaltet sich die Reise der beiden als dorniger Weg mit vielen Hindernissen – auch in Form von Fettnäpfchen, von denen besonders Georg keines auslässt. Als schon nach kurzer Zeit das Arrangement zwischen den beiden – 100 Euro pro Tag für Ali und ein eigenes Bett – aufgrund widriger Umstände nicht mehr haltbar ist, bleiben sie dennoch zusammen. Zum Teil aus purer Not, aber auch aus Gründen, die sie selbst zunächst nicht wahrhaben wollen: Verständnis und Zuneigung. Anfangs scheint es, als ob sich Georg kaum mit der Vergangenheit seiner Familie auseinandergesetzt hat oder die Rolle seines Vaters nicht wahrhaben will. Doch je mehr die beiden auf den Spuren von Alis Eltern unterwegs sind, in Archiven stöbern oder die Orte aufsuchen, die mit Alis trauriger Kindheit verbunden sind, desto stärker wird Georgs Interesse. Das Opferkind und das Täterkind, sie beide tragen die Narben der Vergangenheit mit sich. Und beide erkennen schließlich, wie sehr diese Vergangenheit immer noch präsent ist und bis heute nachwirkt.
 
Die Geschichte hat viel von einer Romanverfilmung, da ist es beinahe überraschend, dass es sich um ein Originaldrehbuch handelt. Jiří Menzel und Peter Simonischek sind jeder für sich und gemeinsam einfach wunderbar. Der Oscar-Preisträger Jiří Menzel bietet mit seinem pfiffigen Witz Peter Simonischenk und seinem rustikalen Altmännercharme gekonnt Paroli. Zusammen sind sie ein Paar wie Nitro und Glyzerin – und nur nach außen zwei alte Zausel. Sie provozieren und befehden sich, bringen sich gegenseitig aus der Fassung, manchmal bis zur sprichwörtlichen Erschöpfung, doch zwischendurch schlagen sie auch ganz leise Töne an und halten zusammen, wenn es ernst wird. Martin Sulik lässt sie einfach spielen – die beiden erfahrenen Stars wissen, was sie tun. Ihre Dialoge sind bissig bis biestig, manchmal voll von sanfter Melancholie, so wie die herbstliche Landschaft der Slowakei, die sie bereisen und die offenbar ebenfalls viele Geheimnisse in sich trägt, die es zu entdecken lohnt.
 
Gaby Sikorski

Von Schuld und Sühne erzählt Martin Sulik in „Der Dolmetscher“, der die Verbrechen der SS in der Slowakei zum Thema hat, vor allem aber die Frage, inwieweit sich die Söhne für die Verbrechen der Väter verantwortlich fühlen sollten. Schwere Themen sind das, die oft etwas thesenhaft verhandelt werden, doch dank Jiri Menzel und vor allem Peter Simonischek in den Hauptrollen überwiegen am Ende die Stärken.

Plötzlich steht Ali Ungar (Jiri Menzel) vor Georg Graubners (Peter Simonischek) Tür. Im Mantel eine Pistole, der Plan: Den Mann zu töten, der vor vielen Jahrzehnten, während des Zweiten Weltkrieges, seine Eltern ermordet hat. Doch statt des Täters tritt Ali der Sohn gegenüber, der offenbar keinerlei Lust hat, sich mit der Vergangenheit oder gar den Verbrechen des Vaters zu beschäftigen. Eine kurze Unterhaltung der beiden alten Männer – Ali um die 80, Georg gut 70 – endet mit gegenseitigen Anschuldigungen: „Sie sind ein antisemitisches Schwein!“ sagt Ali, woraufhin Georg antwortet: „Und Sie sind ein zionistischer Übermensch!“
 
Damit könnte die Angelegenheit vorbei sein, doch am nächsten Tag macht sich Georg auf den Weg von Wien ins benachbarte Bratislava und bietet Ali an, ihn auf einer Spurensuche zu begleiten. Zu den Stationen, an denen sich der Vater in seiner Funktion als SS-Mann aufgehalten und Verbrechen begangen hat, soll Ali, der praktischerweise Dolmetscher ist, ihn begleiten. Und so geht die Reise los, die sowohl Georg als auch Ali an Orte ihrer Vergangenheit führen, an Orte, an denen beide Väter waren, der eine als Opfer, der andere als Täter. Am Ende der Reise wird vor allem Georg viel über seinen Vater und sich selbst erfahren haben.
 
Es ist ein ziemliches Konstrukt, das sich Regisseur und Autor Martin Sulik und sein Co-Autor Marek Lescak für „Der Dolmetscher“ ausgedacht haben. Einiges muss man schlucken, vom 80jährigen, der auf einmal zum Mörder werden will, bis zum allzu oberflächlich wirkenden Lebemann, der sich scheinbar gar nicht um die Vergangenheit seiner Familie schert, bis die Erzählung an Glaubwürdigkeit gewinnt. Eine ganze Weile wirkt „Der Dolmetscher“ wie eine etwas unbeholfene Komödie, bei der zwei alte Männer durch die Slowakei reisen, der eine intro- der andere extrovertiert, eine ganze Weile scheint das eigentliche Thema nur ein Vorwand gewesen zu sein, zwei starken Schauspielern bei der Arbeit zuzusehen.
 
Doch dann findet Sulik doch noch die richtige Tonart und beginnt, sich weniger auf konkrete Verbrechen zu konzentrieren, die in der Slowakei verübt wurden, sondern auf die Psyche Georgs. Anfangs noch der Schwerenöter, der jeder Frau, gerne auch deutlich jünger, hinterhersteigt, der sich aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen auf die Reise mit Ali gemacht hat, beginnt er schließlich, über seinen Vater und vor allem sich selber nachzudenken.
 
Man mag diese Figur als prototypischen Charakter sehen, der den lange vorherrschenden Umgang der Österreicher mit ihrer Vergangenheit während des Zweiten Weltkriegs spiegelt: Ignorieren. Persönlich verantwortlich für die Verbrechen ist Georg als Spätgeborener natürlich nicht, aber langsam wird ihm klar, dass die Taten seines Vaters auch etwas mit ihm zu tun haben, ihn geprägt und beeinflusst haben. Vor allem Peter Simonischek ist es zu verdanken, dass „Der Dolmetscher“ am Ende doch noch zu einem interessanten Film wird, der vom schwierigen Umgang mit abstrakten und doch realen Schuldgefühlen erzählt.
 
Michael Meyns