Der Fluss war einst ein Mensch

Ein Mann allein in Afrika. Viel mehr erzählt „Der Fluss war einst ein Mensch“ nicht und doch ist der Debütfilm von Jan Zabeil ein faszinierender, außergewöhnlicher Film. Alexander Fehling spielt den einsamen, suchenden, verlorenen Helden, der meist allein mit sich und der Natur ist. Fiktion und Dokumentation, Reales und Phantastisches verschmelzen hier zu einem bemerkenswerten, aber auch höchst sperrigem, Filmerlebnis.

Webseite: www.filmgalerie451.de

Deutschland 2011
Regie: Jan Zabeil
Idee: Jan Zabeil, Alexander Fehling
Darsteller: Alexander Fehling
Länge: 83 Minuten
Verleih: Filmgalerie 451
Kinostart: 27. September 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ohne Drehbuch nach Afrika fliegen, um dort einen Film zu drehen. Dass war der Plan von Jan Zabeil, der bislang einige kurze Dokumentarfilme gedreht hatte und einige Male als Kameramann gearbeitet hat. Durch einen Onkel, der lange Jahre im südlichen Afrika, in Botswana, am Rande des Okawanga-Deltas gelebt hatte, war Zabeil die unendliche Landschaft dieses größten Inlanddeltas der Erde vertraut. Die Faszination der Wildnis, der Kontrast zwischen der unberührten Natur und der westlichen Zivilisation war der Impuls, der schließlich zu diesem Film führte.

Abseits der üblichen Förderstrukturen entstanden, durch die sich Regisseure allzu oft in die immer gleichen Geschichten, die immer gleichen Erzählmuster zwängen lassen, überzeugte Zabeil den Jungstar Alexander Fehling (vor allem bekannt aus „Am Ende kommen Touristen“ und „Goethe!“) von seiner Vision. Zu viert, begleitet nur von einem Kamera- und einem Tonmann, machten sie sich auf ins Abenteuer. Nur mit einer Idee sind sie nach Afrika gefahren, um einen Film zu suchen. Gefunden haben sie etwas, das einerseits oft kaum mehr als ein Fragment ist, andererseits doch zu den aufregendsten, definitiv ungewöhnlichsten deutschen Filmen jüngerer Vergangenheit zählt.

Einer klassischen Handlung folgt „Der Fluss war einst ein Mensch“ nicht. Mehr als das die namenlose Hauptfigur Deutscher ist und Schauspieler, erfährt man über sie nicht. Allein reist der Mann durch ein nicht benanntes afrikanisches Land, lernt einen einheimischen Fischer kennen, der ihn in seinem Kanu auf den See mitnimmt. Immer tiefer geht es in die Natur, immer weiter weg von der vermeintlichen Sicherheit der Zivilisation. Abends, am Lagerfeuer, verständigt man sich rudimentär, doch die Welten der beiden Männer sind zu verschieden, um zu wirklicher Kommunikation zu führen. Am Morgen ist der Afrikaner tot, der Deutsche allein in der ihm völlig unbekannten Natur. Mit zunehmender Angst und Verzweiflung versucht er aus der Wildnis zu entkommen, doch die erweist sich als unwirtlicher, mysteriöser Ort.

Bewusst haben sich Zabeil und Fehling, die zusammen die Idee für diesen Film entwickelten, für einen Blick von außen entschieden. Sie maßen sich nicht an, Afrika, seine Menschen, seine Kultur verstehen zu wollen. Der verklärte Blick auf die Natur, die Faszination für das scheinbar so einfache Leben im Einklang mit der Natur ist also schon in der Hauptfigur angelegt. Doch bisweilen überträgt er sich auch auf den Film selbst. Gerade durch die lose Struktur, die eliptische Erzählweise, die vieles nur andeutet, manches gar einfach weglässt und der Phantasie der Zuschauer überlässt, bewegen sich die Begegnungen mit der afrikanischen Wirklichkeit hart am Rand des fragwürdigen Klischees. Das Mysterium Afrika wird hier beschworen, magische Erfahrungen angedeutet, eine unheimliche, bedrohliche Welt evoziert, wie sie durch jahrhundertelange Wiederholung von oft rassistischen Klischees entstanden ist.

Doch gerade die lose Struktur des Films, bewahrt „Der Fluss war einst ein Mensch“ andererseits auch davor, selbst ein Teil solcher Klischees zu werden. Sehr viele Fragen bleiben zwar offen, doch gerade das lässt auf Seiten des Zuschauers viel Raum für eigene Gedanken und auf Seiten des Films viel Platz für impressionistische Momente, wie man sie gerade im deutschen Kino nur selten findet. Minutenlang filmt die Kamera da manchmal aus dem fahrenden Auto in die Nacht, zeigt nichts anderes als flirrende Lichter, die in der nassen Windschutzscheibe tanzen. Dann wieder gleitet sie fließend hinter dem Kanu her und erzeugt einen magischen Sog. Und auch der Ton ist bemerkenswert: Keine Musik wird eingesetzt, kein fremdes Geräusch stört die Kulisse, allein die vielfältigen Klänge der Natur, der Tiere, der Pflanzen sind zu hören. Allein aus ästhetischer Sicht hat sich das Wagnis, das Zabeil und seine Mitstreiter eingegangen sind mehr als gelohnt. Herausgekommen ist ein sehr ungewöhnlicher, sperriger Film, der selbst einem Arthouse-Publikum viel abverlangt. Aber wer sich auf dieses Experiment einlässt, die üblichen Erwartungen an narratives Kino für 83 Minuten ignoriert, wird mit einem bemerkenswerten Filmerlebnis belohnt.

Michael Meyns