Der Fremde am See

Auch wenn es in Alain Guiraudie’s Sommerdrama „Der Fremde am See“ keine einzige Innenszene gibt, so fühlt sich dieser Züge von einem Märchen tragende Film doch an wie ein Kammerspiel. Es geht um die Suche nach Freunden und sexuelles Verlangen unter Männern. Schauplatz ist ein Cruising-Revier für Schwule am Lac de Sainte-Croix am Ende der Verdonschlucht in Südfrankreich. Überzeugend ist, wie Guiraudie vor der natürlichen Kulisse und unter dem Verzicht auf künstliches Licht und musikalische Umrahmung eine parabelhafte Realität isnzeniert.

Webseite: www.alamodefilm.de

Originaltitel: L’inconnu du lac
Frankreich 2013
Regie: Alain Guiraudie
Darsteller: Pierre Deladonchamps, Christophe Paou, Patrick d’Assumçao, Jérôme Chapatte
97 Minuten
Verleih: Alamode Film
Kinostart: 19.9.2013

PRESSESTIMMEN:

.Beunruhigendes und trotzdem zärtliches Psychodrama, mit sehr expliziten, aber bemerkenswert selbstverständlichen Sex-Szenen."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Die Wege von vier Männern kreuzen sich in diesem Sommerdrama auf dem Parkplatz, einem Strand und dem ufernahen Waldstück eines südfranzösischen Sees. Jeder dieser vier Männer könnte der im Titel angesprochene Fremde am See sein, auch wenn man über die Hauptfigur Franck (Pierre Deladonchamps), einem hübschen jungen Mann, der seine Nachmittage gerne am Cruisingspot verbringt und der hier nach einem Partner sucht, ein klein wenig mehr erfährt als über den Rest der Protagonisten. Dieser Mann, so wünscht sich Franck, soll ihm nicht nur für den schnellen und leidenschaftlichen Sex zwischen Bäumen und Büschen dienen, sondern auch über die reine Begierde hinaus ein Gefährte sein.

In Henri (Patrick d’Assumçao), dem wenig attraktiven und älteren Seebesucher, der sich bewusst ein paar Meter vom Verkuppelungszentrum fern hält, einfach weil ihm das Szenegehabe nicht behagt, wird Franck immerhin einen sehr offenherzig über sich und seine Situation sprechenden Konversationspartner finden. Michel (Christophe Paou), ein Typ Marke amerikanischer Surferboy, hingegen ist weniger an Reden interessiert denn an maximaler Lustbefriedigung, was auch schon mal dazu führen kann, dass er seine Liebhaber als Beute betrachtet und so auch mit ihnen umspringt. Was wiederum den vierten Fremden, nämlich einen Inspektor (Jérôme Chapatte), auf den Plan ruft, nachdem eines Tages eine Leiche in der Nähe des Cruising-Idylls gefunden wurde. Franck könnte zu diesem Vorfall mehr sagen als er es tatsächlich tut.

Alain Guiraudie spielt in seinem dieses Jahr in Cannes in der Reihe „Un Certain Regard“ mit dem Preis für die beste Regie und der „Queer Palme“ ausgezeichneten Film viel mit Elementen des Unheimlichen. Der See selbst gibt dabei eine ideale Projektionsfläche ab. So beruhigend der Blick auf seine Oberfläche auch sein mag, so bleibt doch Verborgen, was in der Tiefe schlummert, wie etwa der fünf Meter lange Wels, von dem fast schon legendenhaft die Rede ist, den aber nie wirklich jemand zu Gesicht bekam und der für die Faszination des Bösen steht. Auch die Abgeschiedenheit des Balzreviers, der einsam und verlassen in der Natur liegende Parkplatz, auf den immer und immer wieder Franck mit seinem alten Renault R25 einbiegt und so die Fortdauer der Geschichte protokolliert, hat, vor allem in den Abend- und Nachtstunden, stets etwas Unheimliches, als könnten in jedem Moment ein Gespenst oder Ungeheuer aus dem Gebüsch oder der Finsternis hervortreten.

Dabei muss einem das von den Schwulen frequentierte Gebiet am See gar nicht einmal so unheimlich vorkommen. Nichts ist hier natürlicher als andere Männer anzubaggern oder sich mit ihnen zum Liebesspiel ins Unterholz zurückzuziehen. Nur der in anderer Absicht aufkreuzende Inspektor passt nicht in diese Umgebung, er wirkt hier wie der Eindringling in eine Welt, die die aus Gewohnheit hier verkehrenden Protagonisten zu so etwas wie ihrer Märchenwelt, gewissermaßen einem Paralleluniversum mit eigenen Spielregeln, erkoren haben. Allerdings schwingt sich der Ermittler nicht zum moralischen Statthalter auf. Die explizite Darstellung von Sexualität mag in diesem Zusammenhang befremdlich erscheinen, voyeuristisch ist sie nicht, verschmilzt in diesen Szenen doch oft auch das Gefühl inniger Liebe.

Eine Besonderheit dieses sich gegen Ende hin noch in einen Thriller wandelnden Films ist aber auch der gänzliche Verzicht auf eine musikalische Untermalung. Zusätzliche Realitätsnähe mit Tendenz fast schon zum Dokumentarischen hat aber auch das Spiel mit dem Tageslicht, welches den See und seine Umgebung in den unterschiedlichsten Stimmungen erscheinen lässt. Die sich verändernden Lichtverhältnisse, vor allem Richtung Dämmerung hin, sollen dabei auch die zwiespältigen Seelenzustände – bis hin zur Todesangst – des Hauptprotagonisten Franck zum Ausdruck bringen. Unterm Strich ist es vor allem die Bildsprache, die dieses Sommerdrama um eine schwule Amour fou aus dem Süden Frankreichs so besonders macht.

Thomas Volkmann

Ein Seeufer. Wellen, Wind, Himmel, ein kleines Wäldchen. An sich ein idyllischer Platz. Nur männliche Badende hier. Homosexuelle. Grob gesagt geht es zu wie im Bordell: nichts sehr Persönliches, keine Adresse des sexuellen Partners, kein Telefonnummernaustausch. Reine schnelle Befriedigung im naheliegenden Gebüsch.

Aber deshalb eben auch keine Liebe, keine Gemeinschaft. Nur Sex. Im Grunde Alleinsein.

Franck kommt oft hierher. Auch Henri, der dicke Depressive, der alles hinter sich hat, der gar nicht mehr leben zu wollen scheint. Mit Franck allerdings unterhält er sich sehr gerne. Von Sex kann zwischen diesen beiden keine Rede sein.

Michel taucht auf. Er ist groß, sportlich, gut aussehend, leidenschaftlich. Franck verfällt ihm sofort. Doch Michel hat etwas auf dem Gewissen: Einen früheren Liebhaber, von dem er genug hatte, ertränkte er im See. Franck beobachtete zufällig den Mord. Ist die Anziehungskraft Michels so stark, dass er wegen seiner Leidenschaft zu diesem den Mund hält? Drei Tage später wird die Wasserleiche schließlich gefunden. Ein Kriminalkommissar kümmert sich jetzt um den Fall.

Henri muss durch die Hand von Michel sterben, der Kommissar ebenfalls. Franck muss, nachdem das Verhältnis zu Michel merklich abgekühlt ist, um sein Leben bangen.

Hat Michel sogar sich jeweils sexuell nur eingelassen, weil er ein Massenmörder ist? Der Zuschauer muss es erraten.

Ein Film (halb Kriminalfilm) über die Lust, aber auch über das Alleinsein, die Leere, die Abwesenheit des Geistigen, das Fehlen der Gemeinschaft – über die reine sexuelle Befriedigung.

Rein atmosphärisch und von der Spannung her könnte man das als gelungen betrachten.

Doch sexuell fallen im Bild und verbal absolut alle Schranken. Hier ist auch die reine Pornographie Trumpf.

Thomas Engel