Der Funktionär

Sehr spröde, aber dennoch interessant präsentiert sich Andreas Goldsteins Filmessay über seinen Vater Klaus Gysi. Der Sohn hatte kaum die Möglichkeit, seinen Vater kennenzulernen, der sein Leben beruflich wie privat der DDR-Staatsräson unterordnete. Andreas Goldstein verzichtet auf eine naheliegende Abrechnung mit Vater oder Staat und somit auf eine Bewertung in Pro und Kontra. Er zeigt Klaus Gysi als Repräsentanten einer Ideologie, die an sich selbst scheitert, er versucht, Erklärungen zu finden, und sucht sich selbst in den Spuren eines untergegangenen Landes und eines verstorbenen Vaters. Dabei geht es nicht um Schuld oder große Gefühle, sondern um die intellektuelle Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte – ein ebenso reizvoller wie schwieriger Anspruch.

Webseite: www.salzgeber.de/funktionaer

Dokumentarfilm
Deutschland 2018
Regie und Buch: Andreas Goldstein
72 Minuten
Verleih: Edition Salzgeber
Kinostart: 11. April 2019

FILMKRITIK:

Weder mit dem Vater, einer Ideologie noch mit der DDR will Andreas Goldstein abrechnen. Stattdessen geht es um persönliche Befindlichkeiten, die sich in Worten und Bildern präsentieren: menschenleere Straßen im Zwielicht, Naturaufnahmen, oft dieselben aus unterschiedlichen Blickwinkeln, TV-Interviews und Gespräche, dazu der Kommentar des Autors. Doch auch wenn Andreas Goldstein gelegentlich die intellektuellen Fähigkeiten seines Publikums reizt, wirkt der Anspruch weder pathetisch noch ausgestellt. Es geht um das Verhältnis Familie – Vater – Staat.
 
Das Öffentliche im Privaten, das Private im Öffentlichen. Für Andreas Goldstein gab es kaum ein echtes Familienleben. Der Vater, Klaus Gysi, war ein hoher DDR-Funktionär, Leiter des Aufbau Verlages, später Kulturminister, Diplomat und Staatssekretär für Kirchenfragen. Die Mutter und die Kinder hatten sich ebenso wie Klaus Gysi der Staatsräson und der Partei unterzuordnen, was ihnen nicht schwerfiel, sondern ebenso wie für den Vater selbstverständlich war.
 
Der Berliner Klaus Gysi, Jahrgang 1912, wurde Mitglied der kommunistischen Jugendorganisation, als er mit 15 einen erschossenen Arbeiter auf der Straße liegen sah. Während des 2. Weltkrieges lebte er illegal in Berlin. Nicht nur wegen seiner Aktivitäten für den Widerstand, sondern auch aufgrund seiner jüdischen Herkunft bedeutete das ein großes Risiko. Nach dem Krieg begann Klaus Gysi parallel zur Gründung der DDR seine berufliche Karriere. Er war einer der wenigen Intellektuellen in einem Staat, wo man sich gelegentlich gern mit dem großbürgerlichen Image schmückte, das Klaus Gysi, den literarisch gebildeten, wortgewandten Mann von Welt umwehte. Andreas Goldstein wurde 1964 geboren, er ist eines von sieben Kindern, die Klaus Gysi mit verschiedenen Frauen hatte. Einer seiner Halbbrüder ist Gregor Gysi.
 
Für sein Filmessay wählte Andreas Goldstein mit vielen Fotos, oft in Schwarz-Weiß, Fernsehbildern und Archivaufnahmen eine Form, die in ihrer ästhetischen Wirkung viel mit seinem Bild des Vaters zu tun hat: eher rational und kaum gefühlig, eher stockend als flüssig, wenig eingängig und erst bei genauem Hinhören und Hinschauen zugänglich. Weder Klatsch noch Tratsch, nichts Feuilletonistisches wird hier thematisiert. Alles bleibt zurückhaltend, Bild und Ton nehmen nicht immer direkt Bezug aufeinander. Dennoch ist nichts Artifizielles an der Darstellung – kein L’art pour l’art. Emotionen blitzen nur gelegentlich hervor, am ehesten durch ironische Nebenbemerkungen, die eigentlich Distanz bewirken sollen, aber dabei dann doch zeigen, wo die Wunden sitzen. Andreas Goldstein begibt sich auf eine gedankliche Spurensuche, die nur anfangs daran denken lässt, dass hier ein Sohn versucht, seinen Vater besser kennenzulernen, als es ihm zu dessen Lebzeiten möglich war. Diese Annahme ist zu kurz gedacht, denn tatsächlich erzählt Andreas Goldstein in Worten und Bildern mit der Biographie von Klaus Gysi auch die Geschichte eines gescheiterten Staatsmodells und einer erfolglosen Ideologie – wohlgemerkt: aus einer persönlichen Perspektive. Er macht die DDR zur Familienangelegenheit. Oft ergeben sich daraus Widersprüche. Die spröde Form mit den ruhigen Bildern, dem allgegenwärtigen Kommentar des Filmemachers und melancholischen Klängen im Hintergrund formen den Schlüssel für den Umgang mit dem Film und seinem Thema. Dabei bleibt der Film durchgängig komplex, manchmal verliert er sich in schwierig nachvollziehbaren Gedankenketten, so dass es zur Herausforderung wird, den Worten Goldsteins zu folgen. Der Film sträubt sich gegen die Vereinnahmung durch politische Lager, er ist kein Pro- oder Kontra-DDR-Film. Besonders zum Ende hin, wenn Klaus Gysi – alters- oder situationsbedingt – in Gesprächen und Interviews immer wieder dieselben Formeln verwendet und sichtbar um sich selbst kreist, wird auch bei Andreas Goldstein so etwas wie Resignation deutlich. Er versucht, lose Enden zu finden, er schenkt dem Verhältnis seines Vaters zu den Frauen einen Exkurs, der sich mit seinen zahllosen Affären befasst, er beleuchtet Klaus Gysis Verhältnis zur Kirche und seinen Umgang mit der Stasi zu einem Zeitpunkt, als schon klar ist, dass die DDR sich auflösen wird. Mehr wissen wollen über den Vater und die DDR, war vermutlich Andreas Goldsteins Absicht, als er sein Filmprojekt startete. Durch seinen Film hat er vieles über beide erfahren, sie besser kennen gelernt, so dass er seine Kenntnisse weitergeben kann, aber verstehen lernt er weder den Vater noch die DDR. Ein direkter Diskurs ist nicht mehr möglich. Klaus Gysi ist ebenso verschwunden wie der Staat, dem er sich verschrieben hatte. Es ist zu spät für eine Begegnung, aber es ist noch viel Zeit zum Nachdenken.
 
Gaby Sikorski