Der Glanz der Unsichtbaren

40% der Obdachlosen in Frankreich sind Frauen. Und mit Frauen, die einst selbst auf der Straße lebten hat Louis-Julien Petit seine sozialrealistische Komödie „Der Glanz der Unsichtbaren“ gedreht, die sich in Frankreich zum Überraschungserfolg entwickelte und über eine Millionen Zuschauer ins Kino zog.

Webseite: der-glanz-der-unsichtbaren.de

Les Invisibles
Frankreich 2018
Regie: Louis-Julien Petit
Buch: Louis-Julien Petit, Marion Doussot, Claire Lajeunie
Darsteller: Audrey Lamy, Corinne Masiero, Noémie Lvovsky, Déborah Lukumuena, Adolpha van Meerhaeghe
Länge: 102 Minuten
Verleih: Piffl
Kinostart: 10. Oktober 2019

FILMKRITIK:

Im Norden Frankreichs leitet Manu (Corinne Masiero) ein Tageszentrum für obdachlose Frauen. Jeden Morgen, kurz vor acht Uhr öffnen Manu und ihre Mitarbeiterinnen Audrey (Audrey Lamy), Angélique (Déborah Lukumuena) und Hélène (Noémie Lvovsky) die Pforten. Zu diesem Zeitpunkt stehen die Frauen unterschiedlichen Alters, manche sehr jung, die meisten älter, verlebt, schon länger an, warten darauf, sich im Aufenthaltsraum auszuruhen, einen Kaffee zu trinken, zu duschen.
 
Abends müssen sie wieder hinaus, müssen hoffen, dass sie in einer Unterkunft ein Dach über dem Kopf finden, dass ihnen auf der Straße nichts passiert. Zu wenig für Audrey, die den Frauen unbedingt dabei helfen will, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern, einen festen Wohnsitz zu bekommen, vielleicht sogar eine Arbeit. Doch der Übergang von der Obdachlosigkeit zu einem gesellschaftlich normierten, strukturierten Leben ist schwierig. Dabei haben viele der Frauen früher gearbeitet, im Büro, als Schreibkraft, in unterschiedlichsten Berufen.
 
Auch wenn sie es laut dem Gesetzt nicht dürfen, versuchen Audrey und ihre Kolleginnen den Frauen aktiv zu helfen, organisieren Workshops und lassen die Frauen sogar in der Unterkunft übernachten. Auch wenn dies nur kleine Schritte sind: Das Selbstvertrauen und die Selbstachtung der obdachlosen Frauen steigt enorm.
 
Bis zum ersten Spielfilm über die Gelbwesten wird es noch ein wenig dauern, doch die zunehmenden sozialen Probleme Frankreichs finden langsam ihren Weg auf die Leinwand. Demnächst erzählen die „Ziemlich beste Freunde“-Macher in „Alles außer gewöhnlich“ vom Versuch, geistig Behinderte zu unterstützen, auch wenn ihnen das Gesetz Hindernisse in den Weg legt. Loius-Julien Petit wiederum beschreibt in „Der Glanz der Unsichtbaren“ den Versuch, obdachlosen Frauen bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu helfen.
 
Das besondere an Petits Ansatz ist, dass er neben einigen Profis, vor allem viele Laien besetzt hat, Frauen, die früher auf der Straße gelebt, inzwischen jedoch den Absprung geschafft haben. Die Authentizität echter Erfahrungen ist dann auch die größte Stärke eines Films, der in losen Szenen zeigt, wie soziales Engagement oft an bürokratische Hindernisse stößt. Allzu organisiert ist das System, allzu ignorant gegenüber der Schwierigkeit von Obdachlosen, sich nach Jahren auf der Straße, wieder in Strukturen einzufügen.
 
Im Ansatz erinnert Petits Film an Ken Loach oder die Dardenne-Brüder, ohne jedoch deren dramaturgische Wucht zu erreichen. Viel loser beschreibt Petit das Leben um das Tageszentrum, stellt lose Beobachtungen nebeneinander und konzentriert seinen Blick nur in Momenten auf das Schicksal einer einzelnen Protagonistin. Gerade wenn er versucht, mehr in das Geschehen einzugreifen, die Laiendarstellerinnen in eine Dramaturgie zu pressen, droht „Der Glanz der Unsichtbaren“ immer wieder, allzu einfach und naiv zu werden. Doch gerade in den Momenten, die stärker dokumentarisch wirken, in denen die Geschichte deutlicher am Schicksal der Darstellerinnen entlang erzählt ist, entstehen berührende Momente in denen deutlich wird, wie wenig es diese Frauen verdienen, unsichtbar zu sein.
 
Michael Meyns