Der große Trip – Wild

Und läuft und läuft und läuft. 1.800 Kilometer will die 26-jährige Cheryl durch die Wildnis von Amerika wandern. Ohne viel Vorbereitung und noch weniger Ahnung macht sie sich mit ihrem überschweren Rucksack so naiv wie trotzig auf den Weg. Hauptsache, dem privaten Chaos endlich einmal davonlaufen, um sich selbst zu finden. Aus dieser wahren Wander-Geschichte entstand ein gefeierter Bestseller. Oscar-Preisträgerin Reese Witherspoon läuft in diesem unangestrengt unterhaltsamen, gleichwohl nachhaltig nachdenklichen Der Weg ist das Ziel“-Drama zu Bestform auf. Das Thema ist Trend, das gut gedrechselte Drehbuch von Nick Hornby, die smarte Erzählform von „Dallas Buyers Club“-Regisseur Jean-Marc Vallée samt poetischer Landschaftsbilder locken zum emotionalen Mitwandern. Da dürfte es auch im Kinoeinsatz heißen: Und läuft und läuft und läuft.  

Webseite: www.dergrossetrip-wild.de

USA 2014
Regie: Jean-Marc Vallée
Darsteller: Reese Witherspoon, Laura Dern, Gaby Hoffmann, Michiel Huisman
Filmlänge: 115 Minuten
Verleih: Fox
Kinostart: 5. Februar 2015
 

FILMKRITIK:

„Ich bin dann mal weg“ – was Hape Kerkeling recht, war Cheryl Strayed billig. Statt auf dem Jakobsweg marschierte die Amerikanerin im Juni 1995 drei Monate lang auf dem Pacific Crest Trail, einem Fernwanderweg durch die einsame Wildnis im Westen der USA. Ihre Erlebnisse verarbeitete Strayed später in einem Buch, das, wie bei Kerkeling, zum Bestseller avancierte. Frühzeitig sicherte sich Reese Witherspoon mit ihrer Produktionsfirma die Filmrechte und schnürte die Wanderschuhe für die Hauptrolle. Dieses brandneue Schuhwerk wird für die Heldin bald zu einer ähnlichen Qual wie der überladene Rucksack, den die zierliche Frau kaum stemmen kann. Vom Trekking hat Cheryl so wenig Ahnung wie von Zelten und Campingkochern. Kein Wunder also, dass sie bereits beim ersten Tag ans Aufgeben denkt. Doch trotzig und tapfer marschiert sie weiter. Den Proviant verzehrt sie eben kalt, den unheimlichen Geräuschen in einsamer Nacht begegnet sie mit bewährter Angstbewältigung aus Kindertagen und lässt eben das Licht im Zelt an.
 
In Rückblenden erfährt man mehr und mehr, weshalb sich die Heldin auf diesen Trip gemacht hat. Nicht nur ihre Ehe ging in die Brüche, auch diverse Traumata der Vergangenheit verfolgen Cheryl bis in die Gegenwart. Der Vater ein gewaltbereiter Alkoholiker. Die geliebte Mutter viel zu früh an Krebs verstorben. Die fatale Flucht in Drogen und Promiskuität. Was gefährlich nach der Zutatenliste aus dem Klischee-Kochbuch einer Seifenoper klingt, entwickelt Drehbuchautor Nick Hornby souverän zu einem bewegenden Drama, bei dem selbst ein Gnadenschuss für das geliebte Pferd erstaunlich unsentimental ausfällt. Durchlebtes Leiden einer wahrhaftigen Figur lässt keine Kitsch-Kalorien ansetzen  – nicht zuletzt darauf beruht der enorme Erfolg der Buchvorlage. Der oscarnominierte Drehbuch-Fuchs Hornby („An Education“) weiß freilich, dass es nicht ausreicht, sich darauf auszuruhen, dass das Leben die besten Geschichten schreibt und drechselt kunstvolle Überraschungselemente in seine Dramaturgie. Sei es mit einem feisten Farmer, der im verschwitzten Unterhemd mit anzüglichen Anmachsprüchen für Gänsehaut bei der verängstigten Anhalterin sorgt. Oder einem geselligen Wanderer-Duo, das freundlich um etwas Wasser bittet – beide Begegnungen enden ziemlich anders als man denkt.  
 
Wie in „Dallas Buyers Club“ erweist sich der Kanadier Jean-Marc Vallée als Regisseur mit gutem Gespür für seine Figuren und den richtigen erzählerischen Rhythmus. Die imposante Wildnis bietet eine visuelle Steilvorlage, die „Dallas Club“-Kameramann Yves Bélanger elegant in poetische Bilderbögen umsetzt ohne in Postkarten-Ästhetik zu verfallen. Einen Hollywood-Star so explizit beim Heroin-Gebrauch sowie dem Ausleben frivoler Sex-Süchte zu zeigen, hätten sich die imagebewussten Tugendwächter der großen Studios kaum getraut. Die Witherspoon hat deshalb die Verfilmung kurzerhand mit ihrer jungen Produktionsfirma selbst in die Hand genommen. Wie viel Herzblut in diesem Projekt steckt, spiegelt sich in ihrem unglaublich starken Auftritt wider. Ihrer Cheryl glaubt man die schmerzhaften Blasen an den Füßen ebenso wie die traumatischen Kratzer an ihrer Seele. Wie sie die emotionale Achterbahn ihres Selbstfindungstrips durchlebt, dabei nicht nur den Ballast im Rücksack endlich los wird und bei ihrer Reise ins Ich schließlich geläutert ankommt, das präsentiert Witherspoon mit enormer Präzision und grandioser Präsenz.
 
Als Sähnehäubchen gönnt die Produzentin ihrem Film einen exquisiten Soundtrack von Simon & Garfunkel über Paul McCarney bis Leonard Cohen – da hätten übliche Traumfabrikanten sicher panisch den Rotstift angesetzt. Nicht gespart wird schließlich auch bei der Moral von der Geschicht': „Ich würde alles nochmals so machen in meinem Leben“: welch hübsches Publikumspräsent eines großartigen Films für den Nachhauseweg.
 
Dieter Oßwald