Der junge Karl Marx

Geschichtsstunde, Historiendrama, Ausstattungskino, Liebesfilm und dazu Plädoyer für soziale Gerechtigkeit. Raoul Pecks „Der junge Karl Marx“ ist vieles, will vieles sein, ächzt und stöhnt oft angesichts der sich oft widersprechenden Elemente und ist am Ende vor allem ein wuchtiger Film, der mit seiner politischen Haltung ziemlich genau den modernen Zeitgeist trifft.

Webseite: www.der-junge-karl-marx.de

Frankreich/ Deutschland 2016
Regie: Raoul Peck
Buch: Raoul Peck & Pascal Bonitzer
Darsteller: August Diehl, Stefan Konarska, Vicky Krieps, Olivier Gourmet, Michael Brandner, Alexander Scheer
Länge: 118 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 2. März 2017

FILMKRITIK:

So rastlos sich Karl Marx (August Diehl) in Raoul Pecks Film durch Europa bewegt, anfangs noch in Köln, später in Paris, dann in Brüssel und London, könnte man ihn als wahren Europäer bezeichnen. Der Versuch, den Kontinent zu einen, zumindest was die Gedanken angeht, zieht sich durch „Der junge Karl Marx“, der im problematischen, vor allem aber im positiven an das europäische Projekt, erinnert: Regie führte ein Regisseur aus Haiti, der zusammen mit einem Franzosen das Drehbuch schrieb. Gesprochen wird deutsch, englisch und französisch, die Schauspieler stammen aus all diesen und mehr Ländern, doch im Mittelpunkt steht stets Marx.

Eigentlich zu alt ist August Diehl für die Rolle des anfangs 24jährigen Karl Marx, der sich als Journalist erste Sporen verdient hat, doch Diehl hat sich genug Jugendlichkeit bewahrt, um den Elan, den Ehrgeiz seiner anfangs noch jungenhaften Figur glaubhaft zu verkörpern. Wenn er da mit seinem Freund und Weggefährten Engels (Stefan Konarske) auf der Flucht vor der Polizei durch die Gassen Paris rennt, ist das fast wie ein Abenteuerfilm, wenn er mit seiner großen Liebe Jenny (Vicky Krieps) durch die Betten tollt wie ein großes Liebesdrama. Sehr gefällt sich der Film in diesen Momenten in seiner Rolle als Ausstattungsfilm, zeigt das Elend der Armenviertel ebenso prächtig wie die Fabriken in England oder die verrauchten Kneipen und Versammlungsräume, in denen sich die Intellektuellen der Zeit die Köpfe heiß reden.

Dass manche historische Figur dabei nur winzige Auftritt hat, mancher Gedankengang auf wenige Worte reduziert wird, liegt in der Natur der Sache eines Films mit hehren Ansprüchen. Denn wenn sich selbst 150 Jahre nach Marx die Wissenschaft oft nicht einig über Sinn oder Unsinn der Marxschen Theorien ist, wie soll diese Diskussion in einem 130 Minuten langen Film auf den Punkt gebracht werden?

Disparate Elemente versucht Raoul Peck dementsprechend unter einen Hut zu bringen, arbeitet sich manchmal penibel an den wichtigen Momenten der Arbeiterbewegung ab, was dem Fluss der Geschichte nicht zuträglich ist, verbringt dann wieder viel Zeit mit Marx und seinem Familienleben, was die politischen Substanz der Geschichte nicht weiterbringt. Und doch: Immer wieder findet „Der junge Karl Marx“ zu großer Kraft, meist dann, wenn er sich von den Ideen der sozialen Gerechtigkeit leiten lässt.
Wenn da Marx und Engels unter Zeitdruck am Manifest der Kommunistischen Partei arbeiten und endlich die legendären ersten Worte Ein Gespenst geht um in Europa – Das Gespenst des Kommunismus. auf dem Papier stehen, kann man sich der Kraft dieses Moments kaum entziehen. Würde man sich in einem Hollywood-Film befinden, wäre dieser Moment wohl mitreißend pathetisch und verklärend, Raoul Peck dagegen, das hat er mit Filmen wie „Lumumba“ oder „Mord in Haiti“ schon oft bewiesen, ist nicht so naiv. Skeptisch endet sein Film, im Wissen um die Folgen des Marxismus, des Missbrauchs und der Verfälschung der Ideen Karl Marx, der sozialen Ungerechtigkeit, die heute zwar anders, aber nicht weniger dramatisch als vor 150 Jahren in aller Welt grassiert. Vieles ist „Der junge Karl Marx“, ein runder, glatter Film dabei am wenigsten, statt dessen voller Ecken und Kanten, streitbar und im besten Sinne agitatorisch.
 
Michael Meyns