Der Junge Siyar

Ein junger Kurde begibt sich auf eine gefährliche Mission durch Europa, um seine Schwester zu finden und zu ermorden. Regisseur Hisham Zanam führt den Zuschauer mit dem Titelhelden von Ost nach West, zeigt Liebe und Hass, Probleme und Chancen, aber keine Lösungen. In dem Versuch, all dies zur Sprache zu bringen, bleibt „Der Junge Siyar“ schließlich zu sehr an der Oberfläche.

Webseite: www.dualfilmverleih.de

Norwegen, Deutschland, Irak 2013
Regie: Hisham Zaman
Drehbuch: Hisham Zaman,  Kjell Ola Dahl
Darsteller: Taher Abdullah Taher, Suzan Ilir, Bahar Özen
Filmlänge: 105 Minuten
Verleih: Dualfilm
Kinostart: 11. September 2014

FILMKRITIK:

Zwangsheirat, Ehrenmord, Flucht aus dem Irak und ein Leben als Illegaler in Europa – Regisseur Hisham Zaman hat sich für sein Langfilmdebut viel vorgenommen. Vielleicht gar etwas zu viel, denn auch wenn all diese Themen in der Coming of Age Geschichte des Titelhelden organisch ineinander übergehen, kann „Der Junge Siyar“ doch keinem dieser Probleme in seiner Komplexität gerecht werden. Oder ist dies hier gar nicht der Anspruch des Filmemachers?
 
Zaman, der selbst als Kind aus dem Irak geflohen ist, erzählt die Geschichte des jungen Kurden Siyar (Taher Abdullah Taher), dessen Schwester vor ihrer Zwangsheirat ins Ausland flüchtet. Fest entschlossen die Familienehre wiederherzustellen, reist Siyar ihr hinterher, um einen so genannten „Ehrenmord“ zu begehen. Über die Türkei, Griechenland und Deutschland gelangt er schließlich noch Oslo. Doch der mühsame Weg, die Entbehrungen und Gefahren hinterlassen bei Siyar ebenso Spuren wie die Bekanntschaft mit dem Straßenmädchen Evin (Suzan Ilir). Am Ziel angekommen ist er nicht mehr derselbe junge Mann wie noch einige Monate zuvor. Wird er seinen Plan dennoch in die Tat umsetzen?
 
Der Titelheld Siyar ist ein introvertierter Mensch. Die Rolle das Familienoberhaupts, die seit dem Tod des Vaters auf ihn übergegangen ist, lastet sichtbar auf ihm, ist er doch selbst im Grunde noch ein Kind, dessen einziger Halt durch die Traditionen der kurdischen Dorfgemeinschaft gegeben ist. Nur hierdurch lässt sich sein unbedingter Wille erklären, die Schwester zu ermorden – andere Erklärungsansätze liefert Regisseur Zaman nicht. Auch vor der Verlobung ist das Verhältnis der Geschwister von Distanz geprägt, wie Siyar überhaupt jedem Menschen mit großer Vorsicht begegnet. Das macht den Helden auch für den Zuschauer schwer zugänglich. Melancholisch dreinblickend wirkt Siyar stets verloren. Verloren in den Weiten der atemberaubenden irakischen Landschaft, verloren im Getümmel des choatischen Istanbuls und schließlich verloren im norwegischen Schnee.
 
Es ist schade, dass Hisham Zaman seinem europäischen Publikum hier so wenig dabei hilft, die Traditionen von Zwangsheirat und Ehrenmord zu verstehen. Auch Evins Familienkonflikt, der das ungewöhnliche Paar nach Berlin führt, wird nur gestreift. Die beklemmende Stimmung der Eingangsszene, in der Siyar in einen gefüllten Öltanker gesperrt unter Todesangst die Grenze überquert, bleibt ein intensiver Einzelfall. Hiervon abgesehen ist die Stimmung ruhig, das Erzähltempo gemäßigt und es ist die alleinige Aufgabe der Musik, den Zuschauer emotional zu rühren. Die Bilder selbst bleiben nüchtern. Lediglich in den Rückblicken und Träumen Siyars von der irakischen Heimat entsteht ein wenig Wärme und Sehnsucht – diffuse Stimmungen, die nur wenig erzählen können.
 
Es ist vor allem die Beziehung zwischen Siyar und Evin, die das Publikum bei der Stange hält. Sie bildet einen zweiten Spannungsbogen, der die Frage, ob Siyar den Ehrenmord tatsächlich begehen wird, vorübergehend überlagert. In der zaghaften Annäherung der jungen Menschen liegt große Zärtlichkeit, doch sie ist nur eines der zahlreichen Elemente dieses thematisch überladenen Films und rückt somit niemals in den Fokus.
„Der Junge Siyar“ öffnet dem Publikum zwar das Tor zu einer fremden Erlebniswelt, bleibt aber bei einer Draufsicht. Dass es Zwangsverheiratung, Ehrenmorde und kriminelle Schlepperbanden gibt, dürfte den meisten Zuschauern bekannt sein und Hisham Zaman verschenkt die Gelegenheit, hier tatsächlich neue Perspektiven auf diese Themen zu eröffnen. Die Coming of Age Geschichte bleibt ebenso an der Oberfläche, ist der verschlossene Siyar doch eine Figur, mit der die Identifikation schwer fällt. Auch rückt ihn das arg dramatisierte Ende verstärkt in eine Opferposition. So bleibt schließlich viel Mitleid, jedoch bedauerlich wenig Verständnis.
 
Sophie Charlotte Rieger