Der Junge und die Welt

Immer noch gelten Animationsfilme in der westlichen Wahrnehmung meist als Kinderkram, die Erwachsenen wenig zu bieten haben. Wie mitreißend, künstlerisch ambitioniert auch ein animierter Film, noch dazu mit einem Kind in der Hauptrolle, sein kann zeigt der brasilianische Regisseur Ale Abreu mit seinem brillanten, kapitalismuskritischen "Der Junge und die Welt."

Webseite: www.grandfilm.de

OT: Menino e o Mundo
Brasilien 2013 – Animationsfilm
Regie, Buch: Ale Abreu
Länge: 80 Minuten
Verleih: Grandfilm
Kinostart: 17. Dezember 2015
 

FILMKRITIK:

Ein Junge sucht seinen Vater. Das ist die ganze Geschichte von Ale Abreus Animationsfilm "Der Junge und die Welt", aber natürlich ist das ganz und gar nicht alles. In den kaum 80 Minuten seines Films beschreibt Abreu nicht nur die Reise eines kleinen, namenlosen Jungen auf der Suche nach seinem Vater, der die Familie verließ, um in der Stadt Arbeit zu finden, sondern entwirft eine Welt, die sich von betont kindlichen Wachszeichnungen, zu immer komplexeren Bildern entwickelt, die mal an Collagen erinnern, mal an abstrakte Gemälde der Moderne. Und in denen sich eine zwar offensichtlich in Brasilien spielende, aber doch universelle Parabel entfaltet, die auf atemberaubende Weise die Exzesse des Kapitalismus aufzeigt.

Am Anfang ist die Welt des Jungen ganz klein, ist die Leinwand fast weiß, allein ein kleines Strichmännchen mit großem, runden Kopf und großen Augen sieht man, das voller Neugier die Welt entdeckt: Hühner laufen auf dem Hof rum, einzelne Striche, die von oben ins Bild hängen, entpuppen sich als Schweif eines Pferdes, immer reicher, immer bunter wird die Welt und in der Ferne entdeckt der Junge riesige Berge, die sich später als gesichtslose Favelas entpuppen werden. Noch führt der Junge mit seinen Eltern ein unbeschwertes Leben, doch bald verlässt der Vater die Familie und lässt Frau und Sohn zurück. Allein die Laute aus seiner Flöte – als kleine Wölkchen visualisiert – bleiben zurück, werden vom Jungen eingefangen und beflügeln seine Fantasie.

Bald macht er sich auf eine lange Reise, auf die er sich vielleicht nur in seiner Imagination begibt und die ihm nicht seinem Vater näher bringt, sondern der sozialen Realität Brasiliens. Tagelöhner auf einer Plantage trifft er, die mit ihren schmalen, abgemagerten Gesichtern wie lebende Tote wirken und kommt bald in eine an Rio de Janeiro erinnernde Stadt. Spätestens hier, in der überbevölkerten Metropole, in der die Menschen wie Roboter ihrer Arbeit nachgehen, die gesichtslosen Massen sich durch immer gleiche Straßenzüge ziehen entfaltet "Der Junge und die Welt" seine ganze visuelle Kraft.

Gebäude und Verkehrsmittel wirken wie Collagen, aus Anzeigen und Werbeplakaten zusammengesetzt, die Versatzstücke des Industriezeitalters, die Geschwindigkeit der Fabriken  bestimmen die Welt, wie in Fritz Langs "Metropolis" schieben sich die unförmigen, gesichtslosen Massen apathisch durch die Straßen. Doch so düster diese Welt auch ist, behält der Junge doch immer seine Neugier, lässt sich von dem ihn umgebenden Elend nicht unterkriegen. Bei einem Musiker kommt er unter, der mit selbstgebauten Instrumenten ein Ein-Mann-Orchester ist. Bei aller beißenden, pointierten Kritik an den Exzessen des Kapitalismus bleibt "Der Junge und die Welt" so immer ein berührender Film, der seine bewusst kindliche Perspektive aber nicht zu einem naiven Blick auf die Welt benutzt. Im Gegenteil: Zwar dürften Kinder spätestens wenn die Reise in die Stadt beginnt, von den Bildern und ihrer Symbolik überfordert werden, doch als an Erwachsene gerichtete Parabel ist Ale Abreus Film ein außerordentliches, stilistisch atemberaubend vielfältiger Werk. Der zudem komplett ohne Dialoge auskommt und seine Geschichte allein durch seine Bilder erzählt. Ein in jeder Hinsicht bemerkenswerter Film.
 
Michael Meyns