Der kleine Spirou

Mit „Der kleine Spirou“ findet eine der beliebtesten frankobelgischen Comicfiguren ihren Weg auf die große Leinwand. Die sympathische Realverfilmung, die von allerlei verschrobenen Figuren bevölkert wird, widmet sich dem Leben des jungen Helden – bevor er sich als Hotelpage zum waghalsigen Abenteurer entwickelte. Der glaubwürdig in die Lebensrealität von Heranwachsenden eingebettete Film betont den Wert von Eigenständigkeit und die Macht der Fantasie.

Webseite: www.barnsteiner-film.com

Frankreich/Belgien 2017
Regie: Nicolas Bary
Drehbuch: Nicolas Bary, Laurent Turner
Darsteller: Sascha Pinault, Pierre Richard, François Damiens, Natacha Régnier, Lila Poulet-Berenfeld
Länge: 83 Minuten
Kinostart: 15. November 2018
Verleih: Barnsteiner

FILMKRITIK:

Die Mutter (Natascha Régnier) des zwölfjährigen Spirou  (Sacha Pinault) ist stolz auf ihren Sohn. Denn nach den Ferien wird er auf eine Hotelpagenschule wechseln. Und fast jeder in der Familie arbeitete bisher als Page, darunter auch Opa Pepe (Pierre Richard), der Spirou den Beruf schmackhaft machen will. Spirou hingegen würde viel lieber bei seinen Freunden in der alten Schule bleiben. Zumal er unsterblich in seine Klassenkameradin Suzette verliebt ist. Doch da seine Zukunft vorherbestimmt scheint, will er vor seiner Karriere als „Liftboy“ zumindest noch ein großes Abenteuer erleben. Gemeinsam mit seinen Freunden plant er eine Reise in einem Moped mit Beiwagen – vom Südseestrand bis zum Orientexpress.

Spirou feiert in diesem Jahr seinen 80.Geburtstag: In den Comics „Spirou & Fantasio“ tauchte der Hotelpage 1938 als erwachsener Protagonist erstmals auf. „Spirou & Fantasio“ gehört neben „Tim & Struppi“ sowie „Asterix“ zu den erfolgreichsten humoristischen Abenteuer-Comics Europas. In Deutschland erscheinen sie seit den frühen 80er-Jahren. Der Film „Der kleine Spirou“ orientiert sich an der Kindheit des Helden, die ab 1987 in einem eigenen Comic-Spin-Off im Zentrum stand. Inszeniert wurde er vom Pariser Nicolas Bary, der mit dem Kinderfilm „Die Kinder von Timpelbach“ (2007) bekannt wurde.

„Der kleine Spirou“ erzählt mit verspielten Mitteln eine lebhafte Geschichte, die ganz auf ihre liebenswürdigen Figuren zugeschnitten ist. Im Zentrum steht natürlich Spirou, ein aufgeweckter, verträumter Junge, der sich für die jüngeren Zuschauer gut als Projektionsfläche eignet – ist er doch enorm abenteuerlustig und glaubt an die Kraft von Fantasie und Freundschaft. Sacha Pinault ist mit seinem spitzbübischen Charme und dem etwas gefühlsseligen Blick eine Idealbesetzung. Einige der Sorgen und Herausforderungen, mit denen sich Spirou konfrontiert sieht, werden heranwachsenden Zuschauern bekannt vorkommen: die erste Verliebtheitsphase, der jugendliche Freiheitsdrang, Auseinandersetzungen mit Klassenkameraden oder die Konfrontation mit den Eltern, die schon sehr genaue Vorstellungen von der (beruflichen) Zukunft des Nachwuchses haben. Mit diesen Themen gelingt den Machern eine glaubhafte und jederzeit authentische Verortung in der Lebenswirklichkeit von Jugendlichen.

Spirou ist umgeben von einer Schar skurriler, schrulliger Zeitgenossen, die einen nicht unerheblichen Reiz des Films ausmachen – sind sie doch für einen Großteil des Humors verantwortlich. Da ist zum Beispiel der schusselige und verplante Sportlehrer, der heimlich in Spirous Klassenlehrerin verliebt ist. Oder der Musiklehrer, der den Kindern eigentlich klassische Musik näher bringen soll, jedoch ständig Anekdoten über Metallica oder Iron Maiden zum Besten gibt und heimlich ohnehin am liebsten Aerosmith und AC/DC hört.

Am vielschichtigsten ausgearbeitet ist die Figur von Opa Pepe (eine Paraderolle für Pierre Richard), der zwar für jeden Spaß zu haben ist und allerlei Schabernack mit seinem Enkel treibt. Insgeheim jedoch besitzt er auch ein zartes, schwermütiges Wesen und wünscht sich sehnsüchtig, dass Spirou die innerfamiliäre Hotelpagen-Tradition aufrecht erhält.

Schade ist, dass der Film inhaltlich und dramaturgisch – im wahrsten Sinne – etwas spät „an Fahrt“ aufnimmt. Denn bis sich Spirou in sein Moped setzt und mit seiner Reise beginnt, vergehen über 60 Minuten. Obwohl im Vorfeld  ausgiebig auf das bevorstehende Abenteuer hingewiesen wurde: Sei es in Form von Dialogen oder die vielen Szenen, die Spirou und seine Freunde beim Basteln am Moped und Vorbereiten der Reise zeigen. Kurz vor Schluss geht es, auch dank einer rasanten Verfolgungsjagd, dann aber doch noch actionreich und reichlich rasant zu.

Björn Schneider