Der letzte Mentsch

Ein Holocaust-Überlebender ist gezwungen, sich im Alter plötzlich mit seiner Vergangenheit und seinen jüdischen Wurzeln zu beschäftigen. Nur so kann seinem Wunsch, später einmal auf einem jüdischen Friedhof beerdigt zu werden, entsprochen werden. Doch wer kann bezeugen, dass er wirklich Jude ist? Manchmal kommt sich Marcus wie „Der letzte Mentsch“ vor. Der Franzose Pierre-Henry Salfati („Tolérance“) inszenierte eine bewegende und zugleich komische Reise in die Vergangenheit, die den Regeln des Roadmovies folgt. Ein überzeugender Mario Adorf und die junge Katharina Derr geben seinem Film Seele und ein unverwechselbares Gesicht.

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

D/F/CH 2014
Regie: Pierre-Henry Salfati
Drehbuch: Pierre-Henry Salfati, Almut Getto
Darsteller: Mario Adorf, Katharina Derr, Hannelore Elsner, Herbert Leiser, Roland Bonjour, Markus Klauk
Laufzeit: 93 Minuten
Verleih: farbfilm Verleih
Kinostart neu: 8.5.2014

FILMKRITIK:

Hinter Marcus (Mario Adorf) liegt ein bewegtes Leben. Er hat den Holocaust überlebt, die Lager von Theresienstadt und Auschwitz – als Einziger aus seiner Familie. Nach dem Krieg entschied er, in Deutschland zu bleiben, einen neuen Namen anzunehmen und die Grausamkeiten der Kriegszeit so gut es ging zu vergessen. Natürlich war letzteres praktisch unmöglich – schon die eintättowierte Häftlingsnummer auf seinem Unterarm erinnerte ihn stets an sein Schicksal –, doch das Verdrängen war über die ganze Jahre und Jahrzehnte seine einzige (Über-)Lebensstrategie. Im Alter holt ihn nun die Vergangenheit ein und der Wunsch, später einmal als Jude auf dem Friedhof der jüdischen Gemeinde beerdigt zu werden. Hierzu muss Marcus aber erst glaubhafte Dokumente oder Zeugenaussagen vorlegen, die seine jüdische Identität bestätigen. Also reist er kurzentschlossen nach Ungarn, in seinen Geburtsort Vác, wo er hofft, dass sich jemand an ihn oder an seine Familie erinnert.
 
Begleitet wird er dabei von der jungen Deutschtürkin Gül (Katharina Derr). Sie zeigt sich bewegt von Marcus’ Schicksal und natürlich kann sie das Geld, was er ihr für ihre Fahrdienste anbietet, auch gut gebrauchen. Die Idee, zwei gegensätzliche Charaktere aus unterschiedlichen Welten auf eine gemeinsame Reise zu schicken, mag als Ausgangspunkt dieses gleichermaßen bewegenden wie komischen Roadmovies nicht sonderlich originell erscheinen. Und dennoch funktioniert die Geschichte, die der französische Regisseur Pierre-Henry Salfati hier erzählt, erstaunlich gut. Das liegt vor allem am Zusammenspiel der jungen Katharina Derr, eine wirkliche Neuentdeckung, mit dem inzwischen 83-jährigen Mario Adorf. Ihre beiden Figuren fühlen sich so echt an, dass man schnell ihre von Salfati erdachte Herkunft und Vita vergisst.
 
Eigentlich sind sowohl Marcus als auch Gül Stellvertreter. Er, der alte Jude, steht für alle Überlende des Holocaust, die egal aus welchen Gründen endlich den Mut aufbringen, ihr lange verdrängtes Schicksal auszusprechen und ihre Wurzeln zu erkunden. Sie, die junge Deutschtürkin, findet sich hingegen zwischen zwei Kulturen wieder, was das Gefühl von Heimat und Identität mitunter erschwert. Die fiktiven und doch glaubhaften Figuren tragen Salfatis doppelbödiges Roadmovie. Adorf und Derr ziehen uns immer wieder mit ihrem starken Schauspielleistungen in die durchaus vorhersehbare Geschichte hinein. Während sich Adorf anfangs sehr zurücknimmt, in dem er Marcus’ Charme und jiddischen Witz spielen lässt, wird Güls rebellische, unangepasste Haltung von Derr geradezu hinreißend verkörpert. Zusammen sind sie schon bald ziemlich beste Freunde, wobei Salfati die Mechanismen seiner tragikomischen Reise nie versteckt oder leugnet.
 
Die Inszenierung bleibt hingegen zweckmäßig und auf Fernsehfilmniveau. Das mag zwar kurzzeitig die Frage aufwerfen, wieso „Der letzte Mentsch“ eine Kinoauswertung erhielt, weil die Antwort hierauf jedoch im deutschen Fördersystem zu vermuten ist, dürfte sie nur die wenigsten Zuschauer interessieren. Immerhin muss man Salfati für diesen weitgehend authentischen und bewegenden Blick in eine allmählich verblassende Vergangenheit dankbar sein. Wenn schon bald die letzten Zeitzeugen von uns nicht mehr befragt werden können, tragen junge Menschen wie Gül die Erinnerung weiter. Und wenn Marcus einmal trotzig erklärt, er wolle kein „Spielberg-Jude“ sein, so liegt darin auch der Wunsch, keinesfalls als menschliches Mahnmal sondern als Individuum behandelt zu werden. Auch das gelingt Salfatis Film.
 
Marcus Wessel