Der letzte Mieter

Ein Thriller über Wohnungsnot, Gentrifizierung und Zwangsräumung. Zeitgemäßer könnte ein Film kaum sein, besonders wenn er in Berlin spielt, wo das Thema des knapper und teurer werdenden Wohnraums seit Jahren die Gemüter erhitzt. Aus diesem Stoff macht Gregor Erler seinen Debütfilm „Der letzte Mieter“, dem es oft gelingt seine beschränkten Mittel mit Originalität wettzumachen.

Website: www.dualfilmverleih.de

Deutschand 2018
Regie: Gregor Erler
Buch: Benjamin Karlaic & Gregor Erler
Darsteller: Matthias Ziesing, Pegah Ferydoni, Moritz Heidelbach, Wolfgang Packhäuser, Thilo Prothman, Tom Keune, Mignon Remé
Länge: 97 Minuten
Verleih: Dualfilm Verleih
Kinostart: 13.8.2020

FILMKRITIK:

Irgendwo in Berlin. Fast alle Häuser der Straße sind saniert oder durch Neubauten ersetzt, allein ein Haus harrt der Veränderung. Das liegt vor allem an Dietmar Heine (Wolfgang Packhäuser), der seit ewigen Zeiten hier wohnt und auch nicht daran denkt, seine Wohnung auf seine alten Tage zu verlassen.

Auch sein Sohn Tobias (Matthias Ziesing) hat mit den Veränderung der Gesellschaft zu kämpfen und schlägt sich mit wenig erfüllenden Jobs durch. Seinen Vater möchte er schon seit längerem dazu bewegen, in eine Sozialwohnung umzuziehen, doch ohne Erfolg. Als er es einmal mehr versucht, trifft er in der Wohnung des Vaters den Makler Mark Franke (Moritz Heidelbach) an, der scheinbar zufällig vor Ort ist.

Sofort hat Tobias den Verdacht, dass sein Vater mit zwielichtigen Methoden um seine Wohnung gebracht werden soll, doch dann kommt es anders. Der Vater erschießt sich, Tobias schlägt den Makler nieder und dann steht auch noch die Polizistin Shirin Kämper (Pegah Ferydoni) vor der Tür. Ehe er es sich versieht, hat Tobias zwei Geiseln in seiner Hand, doch damit vielleicht auch ein Druckmittel, um eine Räumung des Hauses zu verhindern.

Zu Geiselnahmen kommt es zwar in der Regel nicht, doch das Problem des knapper werdenden Wohnraums, der steigenden Mieten, der Gentrifizierung ganzer Stadtviertel ist in vielen deutschen Städten an der Tagesordnung. Politische Lösungen zu finden, fällt angesichts der trägen Bürokratie und den Interessen der Vermieter-Seite, die im Zweifelsfall über tiefere Taschen verfügen, schwer, die Verzweiflung, der Unmut wächst.

In diesem Wust aus wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sozialen Fragen spielt Gregor Erlers Debütfilm „Der letzte Mieter“, der trotz der vielen angerissenen Themen einen klaren Fokus hat. Die Verzweiflung eines Mannes steht im Zentrum, ein Mann, der sich lange Zeit redlich bemüht hat, die Spielregeln des Systems zu befolgen, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Nun hat er genug und rastet aus.

Unweigerlich mag man hier an amerikanische Vorbilder wie „Falling Down“ denken, in dem ein von Michael Douglas gespielter Durchschnittsbürger genug von allem hat, oder auch an „Taxi Driver“, in dem Robert De Niro in einer seiner berühmtesten Rollen als Travis Bickle zu einem Rachefeldzug ansetzt. Besonders bei letzterem bedient sich Erler großzügig, lässt seinen Anti-Helden Tobias zunehmend die Kontrolle verlieren und die Situation eskalieren.

Obwohl das Ganze zu weiten Teilen in den beengten Räumlichkeiten einer Wohnung statt findet, schafft es Erler über weite Strecken, Spannung zu erzeugen, die Notsituation Tobias spürbar werden zu lassen. Und ihm am Ende sogar ein phantastisches Finale zu gönnen, in dem ausnahmsweise der kleine Mann der Größte ist. Mit der Realität des Wohnungsmarktes hat das dann zwar nicht mehr viel zu tun – zum Glück – aber als Kino-Phantasie funktioniert es überzeugend.

Michael Meyns