Der Lieferheld – Unverhofft kommt oft

Wenn ein Samenspender plötzlich erfährt, dass er der Erzeuger von 533 Kindern ist, kann einen das schon mal aus der Bahn werfen. Als Vorlage für eine charmante Feel-Good-Komödie, die nicht vor Sentimentalitäten zurückschreckt, sind solche zunächst eher gedämpften Vaterfreuden ein echter Glücksfall. Mit „Der Lieferheld“ setzt Hollywood erneut auf die Neuverfilmung einer erfolgreichen Independent-Komödie. Das kanadische Original "Starbuck" war erst letztes Jahr ein Sleeper-Hit in vielen Programmkinos. Dass mit Ken Scott der gleiche Regisseur verantwortlich ist, hat sowohl Vor- als auch Nachteile.

Webseite: www.derlieferheld.de

OT: Delivery Man
USA 2013
Regie: Ken Scott
Drehbuch: Ken Scott nach dem kanadischen Original „Starbuck“
Darsteller: Vince Vaughn, Chris Pratt, Cobie Smulders, Simon Delaney, Britt Robertson, Bobby Moynihan, Adam Chanler-Berat
Laufzeit: 106 Minuten
Verleih: Constantin
Kinostart: 5.12.13

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Von Zeit zu Zeit hört man von Geschichten, die sind so skurril, dass kein Drehbuchautor der Welt sie sich ausdenken könnte. Die von David Wozniak (Vince Vaughn) ist so eine. Die Hauptfigur der neuen Feel-Good-Komödie mit Jedermann Vince Vaughn hat ein echtes Vorbild und zugleich ein echtes Problem. Denn David holt wie aus heiterem Himmel seine Vergangenheit ein. Dabei ist der bisweilen etwas leidenschaftslose Fleischausfahrer kein Verbrecher mit einem womöglich dunklen Geheimnis. Alles was er vor über 20 Jahren gemacht hat, war seinen Samen zu spenden – und das gleich über 600 Mal. Die Klinik, die ihm für seine Dienste damals ein ordentliches Honorar zahlte, nutzte Davids flinke Spermien ohne sein Wissen zur Befruchtung von gleich 533 Eizellen, aus denen jeweils neun Monate später 533 kleine Wozniaks das Licht der Welt erblickten.

142 von ihnen klagen heute vor Gericht, weil sie die wahre Identität ihres Erzeugers, der bislang nur unter dem Pseudonym „Starbuck“ bekannt ist, erfahren wollen. Dabei schien dieser lange mit der Verantwortung des Elternseins überfordert. Zumindest drohte seine Beziehung zu Freundin Emma („How I met your Mother“-Star Cobie Smulders) an seiner Unzuverlässigkeit zu zerbrechen. Nun ist auch Emma schwanger, worauf sich David fest vornimmt, seine Vaterrolle fortan gewissenhaft zu erfüllen. Gleichzeitig weiß er nicht, wie er mit seiner „Starbuck“-Vergangenheit umgehen soll. Er vertraut zunächst auf seinen besten Freund Brett (Chris Pratt), der ihn als Anwalt im Prozess vertreten soll.

„Der Lieferheld“ (ein großes Danke an den deutschen Verleih für diesen doppeldeutigen Titel) ist das Remake des kanadischen Independent-Erfolgs „Starbuck“, der erst vergangenes Jahr auch hierzulande anlief. Mit Ausnahme des Sprachwechsels – Amerikaner mögen bekanntlich keine Untertitel oder synchronisierte Filme – hat sich im Vergleich zum Original jedoch kaum etwas verändert. Das ist einerseits erfreulich, weil die kanadische Version in sich stimmig war und als Feel-Good-Movie bestens funktionierte, andererseits besteht für Kenner des ersten „Starbuck“-Films dadurch keine Veranlassung, für die nahezu identische Geschichte noch einmal ins Kino zu gehen. Vince Vaughn und Cobie Smulders sind ein hübsches Paar, bei dem die Chemie stimmt und das sich nicht vor Patrick Huard und Julie LeBreton, der Originalbesetzung, verstecken muss. Vaughns oftmals kritisierte Normaloattitüde passt perfekt zu einem sympathischen Durchschnittstypen wie David, der sichtlich hin- und hergerissen in die hundertfache Vaterschaft stolpert.

Die große Nähe zwischen Original und Remake erklärt sich nicht zuletzt mit einem Blick auf den Regiestuhl. Dort nahm in beiden Fällen Ken Scott Platz. Scott schrieb auch am Drehbuch mit, weshalb es ihm ein besonderes Anliegen war, sein „Baby“ bei einer Neuverfilmung in Hollywood nicht aus den Händen geben zu müssen. Er kennt das Material und die Figuren. Beides spürt man, wobei die wenigen Einwände gegen das kanadische Original folglich auch in der Wiederauflage zu finden sind. Dass es vor allem zum Ende hin arg rührselig wird, war und bleibt zumindest problematisch. Soviel erzwungenes Menscheln hätte es überhaupt nicht bedurft, da man die bodenständigen, charmant unperfekten Figuren ohnehin schnell in sein Herz schließt. Da gleichzeitig jedoch auch die Vorzüge des Originals nicht in der amerikanischen Copy-and-Paste-Maschinerie verloren gingen, zählt „Der Lieferheld“ letztlich doch zu den positiven Ausnahmen des Remake-Wahns.

Marcus Wessel