Der Ornithologe

Dass „Der Ornithologe“ auf der Legende des heiligen Antonius von Padua basiert, steht im Presseheft, ist dem surrealen Selbstfindungsdrama aber nicht unmittelbar entnehmbar. Letztlich spielt diese Hintergrundinformation kaum eine Rolle, denn der portugiesische Regisseur João Pedro Rodrigues setzt in seinem impressionistischen Wettbewerbsbeitrag von Locarno auf Stimmungen und magischen Realismus.

Webseite: www.salzgeber.de

OT: O Ornitólogo
Portugal, Frankreich, Brasilien 2016
Regie & Drehbuch: João Pedro Rodrigues
Darsteller: Paul Hamy, Xelo Cagiao, João Pedro Rodrigues, Han Wen, Chan Suan, Juliane Elting, Flora Bulcao, Isabelle Puntel
Laufzeit: 117 Min.
Verleih: Edition Salzgeber
Kinostart: 13. Juli 2017

FILMKRITIK:

Der Ornithologe Fernando (Paul Hamy) begibt sich auf der Suche nach Schwarzstörchen in die wilde Natur Nordportugals. Sein Kanu kentert, Fernando ertrinkt beinah im reißenden Fluss, bevor ihn zwei Pilgerinnen retten. Denkt man. Denn am nächsten Tag erfährt der gefesselte Mann, dass die vermeintlichen Helferinnen ihn kastrieren wollen. Fernando gelingt die Flucht in den Wald, wo er sich verirrt und weitere obskure Gestalten trifft, darunter Rüpel in Karnevalskostümen, einen Gehörlosen namens Jesus und berittene Amazonen. Mittendrin debattiert er via Smartphone mit seinem Freund.
 
Anfänglich wirkt „Der Ornithologe“ wie ein klassischer Abenteuerfilm, wenn der Protagonist Schritt um Schritt die urwüchsige und gefahrvolle Natur betritt. Als er sich im Gehölz verirrt, könnte ein realistisches Überlebensdrama beginnen. Doch João Pedro Rodrigues nimmt eine andere Abzweigung. Der Plot wird zum impressionistischen, stark symbolisch aufgeladenen Selbstfindungstrip.
 
Fernando durchlebt eine Läuterung und eine Bekehrung zum Glauben. Im märchenartigen Wald lauern ausgestopfte Tiere, diverse Doppelgänger, obskure Rituale und mystische Motive. Nach und nach avanciert der Ornithologie zum Messias im Gewand des Missionars Antonius von Padua. Gegen Ende schlüpft der Regisseur, im wahren Leben tatsächlich ein Vogelkundler, selbst in die Hauptrolle, was die selbstanalytische Dimension des Films unterstreicht.
 
Das Spannende an „Der Ornithologe“ sind die Brüche zwischen realistischer und überhöhter, stilisierter Darstellung. Zwar geht die anfängliche Subtilität im Wust aus Symbolen flöten, doch gerade die Mischung aus Naturszenen, Sinnsuche und Surrealismus macht den Reiz aus. Mit ganz eigenen Zutaten erzeugt João Pedro Rodrigues eine mysteriöse, sinnliche, sehr artifizielle Atmosphäre.
 
Christian Horn