Der Ost-Komplex

Die Doku „Der Ost-Komplex“ porträtiert Mario Röllig, der 1987 in den Westen flüchten wollte, aber an der ungarischen Grenze gefasst wurde. Was folgte waren qualvolle Monate der Ungewissheit in den Gefängnissen Ungarns und der DDR. Der Grund für Rölligs Flucht – die Liebe zu einem 25 Jahre älteren West-Berliner Politiker – ist dabei ebenso unkonventionell wie der Film selbst. Als Mischung aus sehr persönlichem Porträt und aufschlussreicher Doku über die Erinnerungskultur der Deutschen, macht er eines klar: wie viele Menschen nach wie vor die Unterdrückung und den Terror der DDR-Staatsmacht beschönigen.

Webseite: www.basisfilm.de

Deutschland 2016
Regie: Jochen Hick
Buch: Jochen Hick
Darsteller: Mario Röllig, Egon Krenz, Katrin Sass
Kurt Biedenkopf, Alexis Tsipras, Sarah Wagenkencht
Länge: 90 Minuten
Verleih: Basis Filmverleih
Kinostart: 10.11.2016

FILMKRITIK:

Der Mauerfall liegt lange zurück und dennoch ist bis heute die Frage nicht geklärt, ob es sich bei der DDR um einen diktatorischen, seine Bewohner unterdrückenden Unrechtsstaat handelte. Mario Röllig, 1967 geboren, musste die Schikanen des Staates am eigenen Leib erfahren. Aus einem SED-Elternhaus stammend und sich früh seiner Homosexualität bewusst, wagte er 1987 den Fluchtversuch. Doch er wurde erwischt. Was folgte waren schlimme Monate der Ungewissheit im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Erlebnisse, die er bis heute nicht verarbeitet hat und die auch durch seine Arbeit als aufklärerischer „DDR-Zeitzeuge“ zu bewältigen versucht: durch Führungen und Vorträgen im ehemaligen Stasi-Gefängnis, an Schulen und US-Universitäten.

In „Der Ost-Komplex“ ist Regisseur Jochen Hick stets hautnah bei Hauptcharakter Röllig. Egal ob bei Radio-Talkshows, Parteiveranstaltungen, Demos oder angeregten Diskussionen – für die Zeit der Dreharbeiten wurde die Kamera in gewisser Weise ein Teil von Rölligs Leben, der hier auch ganz offen über sein Schwulsein spricht. Homosexualität – ein Thema, dem sich auch Jochen Hick in vielen seiner Filme widmete, so z.B. in seinem bemerkenswerten Film „Out in Ost-Berlin“ über das Leben  Homosexueller in der DDR der 70er-Jahre.

„Der Ost-Komplex“ verbindet auf äußerst gelungene Weise zwei Dinge miteinander: das sehr persönliche, emotional mitreißende Porträt über ein Opfer der DDR-Unterdrückung, das aus erster Hand über die kriminellen Machenschaften der Führung berichten kann. Die Führung eines Staates, der seine Bewohner durch das Wegsperren psychisch und emotional brach. Andererseits aber macht diese wichtige Doku auch deutlich, wie engstirnig und verblendet viele Menschen – ehemalige Bewohner des Arbeiter- und Bauernstaats wohlgemerkt –  das DDR-System heute sehen und seine Überwachung und Bespitzelung kleinreden.

 Beide Aspekte, die persönliche Lebensgeschichte Rölligs und das Aufklärerische der Doku, ergänzen sich hier sehr gut und gehen oft fließend ineinander über. Dies zeigt z.B. eine Szene, in der Röllig bei seinen Führungen durch das ehemalige Stasi-Zuchthaus Hohenschönhausen, in dem er einst selbst einsaß, zu sehen ist. Offen und unverhohlen berichtet Röllig über seine eigenen Erlebnisse. Äußerungen, die ihm nicht immer leicht fallen. Dennoch kann es sich ein Teilnehmer der Führung nicht verkneifen zu sagen, dass er Rölligs Flucht-Beweggründe, in keiner Weise nachvollziehen könne. Er habe doch alles gehabt, etwa ein sicheres Zuhause und eine gute Ausbildung. Getreu dem allseits bekannten Motto: „Es war doch nicht alles schlecht.“

Ebenfalls machen z.B. die Teilnahme Rölligs an Demos gegen Vorträge ehemaliger SED-Oberen (z.B. eine Lesung von Egon Krenz) oder Mahnwachen zu Ehren führender Kommunisten, eines unmissverständlich klar: die Zahl der Menschen, die die Verbrechen der DDR beschönigen und den Staats-Terror als geeignetes Vorgehen gegen „asoziales Pack“ ansehen, ist nach wie vor erschreckend hoch. Eine traurige, aber die wohl wichtigste Botschaft des Films.

Der Lesung von Krenz etwa wohnen Anhänger des Sozialismus bei, Personen die der DDR nachtrauern. Vor der Buchhandlung demonstrieren Röllig und Gleichgesinnte gegen die Verblendung. Welten prallen aufeinander. Die Verblendung und auch Intoleranz vieler CDU-Mitglieder zeigen sich, wenn Röllig auf einer Parteiversammlung spricht. Dort informiert er die Teilnehmer auch ganz offen über seine Sexualität und die Gründe für seine versuchte Flucht. Einige der Reaktionen der Zuhörer offenbaren das steinzeitliche, vorurteilsbehaftete Denken der jeweiligen Personen.

Denn nicht aus politischen Gründen  sondern der Liebe wegen, wagte Röllig einst die Flucht. Wegen einem 25 Jahre älteren Mann, in den er sich verliebte. Sein Liebhaber – seine „große Liebe“, wie er ihn nennt – verheimlichte ihm jedoch, dass er eine Frau und Kinder in West-Berlin hat. Damit wurde er doppelt gestraft: belogen und betrogen von der großen Liebe, für die er letztlich den DDR-Terror im Stasi-Gefängnis als junger Mann selbst durchleiden musste.

Björn Schneider