Der Prinz

Das Gefängnis als Ort der Freiheit, die Zelle als geschützter Raum, in dem ein junger Mann seine Homosexualität entdecken kann. Das ist der ungewöhnliche Ansatz von „Der Prinz“, einem chilenischen Film, in dem Regisseur Sebastián Muñoz einen Roman von 1970 verfilmt. Das Ergebnis ist ein sinnliches, dichtes Drama über sexuelles Erwachen und die Liebe.

Website: www.salzgeber.de/prinz

El Príncipe
Chile/ Argentinien/ Belgien 2019
Regie: Sebastián Muñoz
Buch: Luis Barrales, Sebastián Muñoz, nach dem Roman von Mario Cruz
Darsteller: Juan Carlos Maldanado, Alfredo Castro, Gastón Pauls, Cesare Serra, Lucas Balmaceda
Länge: 96 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 19. November 2020

FILMKRITIK:

Chile 1969. Im Affekt hat Jaime (Juan Carlos Maldanado) einen Freund getötet, ihm mitten auf der Tanzfläche mit einer abgebrochenen Flasche den Hals aufgeschlitzt. Eine brutale Tat, deren Ursache sich nur langsam offenbart, für die Jaime ins Gefängnis seiner Heimatstadt San Bernardo kommt. Er wird in eine Sammelzelle gesperrt, in der der berüchtigte Potro (Alfredo Castro), genannt „Der Hengst“, das sagen hat. Er bietet an, Jaime zu beschützen, doch dafür erwartet er gehorsam – in jeder Beziehung.

Anfangs noch leicht widerstrebend, doch mit immer größerer Begeisterung lässt sich Jaime auf eine sexuelle Beziehung mit dem älteren Mann ein, gewinnt dadurch an Selbstvertrauen und Standing in der Hierarchie des Gefängnis. Diese ist von Machtkämpfen und Rivalitäten geprägt, von sexuellem Begehren und Brutalität und doch auch von sexueller Freiheit, die im konservativen Chile um 1970 noch in weiter Ferne ist.
In Rückblenden wird Jaimes Leben vor dem Gefängnis angedeutet: Eine verschämte Affäre mit einer älteren Frau, die Jaime nur deswegen eingeht, weil er weiß, dass das von ihm als Mann erwartet wird, vor allem aber die immer inniger werdende Freundschaft mit einem Mann, erste zarte Berührungen, die nicht erwidert werden und in den Mord aus Eifersucht münden.

Man kann wohl nicht von einem Klassiker der homoerotischen Literatur sprechen, der Sebastián Muñoz als Vorlage für sein Spielfilmdebüt diente. Denn der Roman „Der Prinz“ von Mario Cruz ist auch in Chile nie in einem richtigen Verlag erschienen, sondern war Anfang der 70er Jahre nur unter der Hand, in Kiosken auf den großen, Anonymität versprechenden Boulevards der Hauptstadt zu bekommen. Ein Pulp-Roman war es wohl, Exploitation, ein Buch im Stil von Jean Genet oder Georges Bataille, drastisch in der Sprache, unverhohlen schwul und bewusst gegen die vorherrschende Moral der Zeit geschrieben.

Fast 50 Jahre später hat sich natürlich auch in Chile einiges getan, zumindest in den Städten können Schwule offen leben, was die Adaption von „Der Prinz“ in manchen Momenten wirken lässt, als wäre sie aus der Zeit gefallen. Gerade die Beiläufigkeit, mit der sexuelle Gewalt geschildert wird, Jaimes Vergewaltigung als geradezu notwendiger, in jedem Fall erfolgreicher Moment seines sexuellen Erwachens, mutet in der heutigen Zeit nicht unproblematisch an.

Die Stärken von „Der Prinz“ liegen dann auch weniger in seiner modernen Haltung, als in seiner dichten Atmosphäre. Als gelernter Ausstatter hat Sebastián Muñoz die Welt des Gefängnis überzeugend zum Leben erweckt, geprägt von satten Erdtönen, verschwitzten Körpern, brodelnder Emotionen. Ob ein Gefängnis tatsächlich als Ort der sexuellen Freiheit fungieren konnte, in dem das (aus)gelebt werden konnte, was außerhalb der Mauern nicht möglich war, sei dahingestellt. Zumindest für die 96 Minuten von „Der Prinz“ mag man sich gerne auf diese Phantasie einlassen.

Michael Meyns