Der Rhein fließt ins Mittelmeer

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Die Shoah verbindet Israel und Deutschland auch Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Holocaust. Autoren, Künstler und Filmemacher aus beiden Ländern beschäftigen sich seit immer wieder mit der Shoah, mit dem wie und warum und dem danach. So auch der israelische Regisseur Offer Avnon, der in seinem Essayfilm „Der Rhein fließt ins Mittelmeer“ auf sehr persönliche, dezidiert subjektive Weise Fragen aufwirft.

Israel 2021
Regie: Offer Avnon
Dokumentarfilm

Länge: 95 Minuten
Verleih: Offer Avnon/ Cinemalovers
Kinostart: 4. Mai 2023

FILMKRITIK:

Zehn Jahre hat er in Deutschland gelebt, die „schöne Sprache des einstigen Erzfeindes“ gelernt, so erzählt Offer Avnon zu Beginn seines Essayfilms „Der Rhein fließt ins Mittelmeer“ im Voice Over-Kommentar. Warum es ihn nach Deutschland gezogen hat, kann Avnon nicht recht in Worte fassen. Vermutlich war es ein ähnlicher innerer Drang, sich mit dem Holocaust zu beschäftigen, die Nachfahren der Täter kennenzulernen, wie es für viele Deutsche ein kaum definierbarer innerer Drang ist, sich intensiv mit dem Holocaust zu beschäftigen, ehemalige Vernichtungslager zu besuchen, eine Form des Philosemitismus zu entwickeln.

Fast wie an einer Nabelschnur scheinen die beiden Völker miteinander verbunden, was zu einer oft nicht immer unproblematischen Beziehung führt, über die seit Jahrzehnten sehr viel geschrieben und diskutiert wird. Auch Avnon trägt mit seinem Essayfilm zu diesem Thema bei, wobei er weniger auf den Punkt bringt, als die vielfältigen Aspekte mäandernd zu umkreisen, eher daran interessiert ist, Fragen aufzuwerfen, als Antworten zu geben.

Dezidiert subjektiv ist sein Film also, erhebt keinerlei Anspruch, ein objektives Bild abzugeben oder ausgewogen zu sein. Momentaufnahmen sind es vielmehr, die bisweilen etwas willkürlich und ohne Kontext in den Raum gestellt werden. Eine Begegnung mit einem Bundeswehrsoldaten etwa, der ganz beiläufig seine Sammlung mit selbstgebastelten Miniaturpanzern zeigt, dann ein Porträt seines Großvaters in Uniform, daneben ein Porträt von Erwin Rommel. Ist so ein Mann und sein eher fahrlässiger Umgang mit der eigenen und der deutschen Geschichte bezeichnend für das zeitgenössische Deutschland? Vermutlich, hoffentlich eher nicht. Einer Antwort enthält sich Avnon, der diesem wie anderen Interviewpartnern mit einer interessanten Offenheit begegnet, einer Neugier auch für Antworten, die andere sofort empören würden. Ältere Menschen etwa, Zeitzeugen, die die Nazizeit in Deutschland bzw. Polen als Kinder erlebt haben, aber sagen, dass sie kaum etwas mitbekommen hätten. Eine ähnliche Antwort erhält Avnon interessanterweise auch von seiner Mutter in seiner Heimatstadt Haifa, als er sie zu den Ruinen von Häusern befragt, in denen vor der Gründung des Staates Israel Palästinenser lebten. Seit Jahrzehnten verfallen diese Häuser vor sich hin, auch sie Symbol für ein Leid durch Vertreibung. Doch nur scheinbar zieht Avnon hier eine Parallele zwischen Deutschland und Israel, so einfach macht er es sich nicht, so einfach macht er es Teilen eines deutschen Publikums nicht.

Manchmal fast enervierend zurückhaltend, fast ausweichend wirkt „Der Rhein fließt ins Mittelmeer“, aber genau darin liegt am Ende seine Qualität: Ein großes, natürlich nicht in 95 Minuten zu fassendens Thema vorsichtig umkreisend, Fragen aufwerfend, weiterführende Lektüre und Diskussionen anregend.

 

Michael Meyns