Der Schamane und die Schlange – Eine Reise auf dem Amazonas

Hochgradig spannend und in fesselnden Schwarzweißbildern erzählt Ciro Guerras Abenteuerfilm von einer verlorenen Welt, in der sich Gegenwart und Vergangenheit, Mythos, Rausch und Realität begegnen und mischen. Zweimal in seinem Leben, im Abstand von 30 Jahren, bekommt der Schamane Karamakate Besuch von weißen Männern, mit denen er den Amazonas bereist. Dieser Film ist ein magisches, aufwühlendes Kinoereignis und gleichzeitig ein Appell an die Menschen, die Macht der Natur zu akzeptieren.

Webseite: www.mfa-film.de

Originaltitel: El abrazo de la serpiente (Festivaltitel: Embrace of the Serpent)
Kolumbien / Venezuela / Argentinien 2015
Regie: Ciro Guerra
Drehbuch: Ciro Guerra, Jaques Toulemonde
Darsteller: Jan Bijovet, Brionne Davis, Nilbio Torres, Antonio Bolívar, Yauenkü Miguee
125 Minuten
Verleih: MFA+, Vertrieb: Die Filmagentinnen
Kinostart: 21.4.2016

Festivals/Preise:

Cannes 2015, C.I.C.A.E. Award
Wladiwostok Film Festival, Bester Film
International Film Festival India, Bester Film
Yerevan International Film Festival, Bester Film
Odessa Film Festival, Bester Film
Hamptons Films Festival, Bester Film

FILMKRITIK:

Ein kranker weißer Mann – der deutsche Wissenschaftler Theodor Koch-Grünberg – findet gemeinsam mit seinem indigenen Begleiter Manduca den Schamanen Karamakate, der allein am Ufer des Amazonas lebt. Mit seiner Hilfe hoffen sie die seltene Yakruna-Pflanze zu finden, die den Forscher heilen könnte. Karamakate hasst die weißen Männer, die seinem Volk den Untergang gebracht haben. Aber er hilft dem Kranken, der so wissbegierig ist und trotz seiner Krankheit so viel wie möglich von ihm erfahren und lernen möchte.
 
Mehr als 30 Jahre später: Karamakate ist alt geworden. Er hat seine magischen Fähigkeiten verloren und ist nur noch ein „Chullachaqui“ – die leere Hülle eines Menschen. Der Botaniker Evan möchte mit ihm zusammen auf den Spuren von Koch-Grünberg reisen. Die Yakruna-Pflanze ist inzwischen fast ausgestorben, nur Karamakate könnte die letzten Exemplare finden – und damit vielleicht auch wieder einen Weg zu sich selbst. Gemeinsam mit Evan geht der Schamane noch einmal auf den Fluss und auf eine mysteriöse Fahrt in die Vergangenheit, auf der sie immer wieder von den Schrecken der Gegenwart eingeholt werden. Überall stoßen sie auf Zeugnisse der Vernichtung des Urwalds durch den Kautschukanbau und auf zerstörte Menschen, die sich dem Rausch ergeben haben oder dem Wahnsinn verfallen sind.
 
Ciro Guerras Film entwickelt im Verlauf der Handlung eine beinahe hypnotische Kraft. Die düster schönen Breitwandbilder in Schwarzweiß lassen vieles überdeutlich werden, was sonst von der betäubenden Farbenpracht des Dschungels verdeckt werden könnte: die leichten Bewegungen des Wassers, das Spiel des Windes in den Blättern. Dazu kommen die beständigen Geräusche des Urwalds, eine Tonkulisse aus Pfeifen, Tschilpen, Knistern, Knacken, die irgendwann selbstverständlich wird und keineswegs beängstigend. Dies ist die Natur – sie ist, wie sie ist, und sie kann nicht gut oder schlecht sein. Der Mensch hingegen hat die Wahl, sich zu entscheiden. Oder doch nicht?
 
Wer sich an Joseph Conrad und „Das Herz der Finsternis“ erinnert fühlt – bekanntlich auch Grundlage für „Apocalypse Now“ und „Aguirre, der Zorn Gottes“ – wird spätestens jetzt einige Parallelen entdecken. Auch hier geht es um die atemstockende Geschichte einer Reise, die nicht nur ins Innere eines Landes, sondern in die tiefsten Abgründe des menschlichen Geistes führt. Auch hier passiert sehr viel, nicht alles ist schön, manches ist grausam. Und doch ist Guerras Film ganz anders, einmalig in Form und Inhalt. Er verfügt über eine eigenartige, ganz unerwartet magische Wirkung, die nicht nur der großartigen Bildgestaltung und dem herausragenden Filmschnitt, sondern auch den sehr guten Akteuren und ihrem natürlichen Spiel zu verdanken ist. Nilbio Torres und Antonio Bolívar spielen den jungen und den alten Karamakate als weisen, würdevollen Mann, der dennoch mit Humor gesegnet ist. Ebenso sind Jan Bijovet und Brionne Davis zwei sympathische Reisende: moderne Menschen, deren Wissensdrang manchmal größer ist als ihr Überlebenswille.
 
Guerra zeigt keine platte Kolonialismuskritik. Seine beiden Forscher sind alles andere als böse – in seinem Wunsch, möglichst wenig zu verändern, möchte Koch-Grünberg sogar verhindern, dass die Indios sich westliches Wissen aneignen, und will seinen Kompass nicht verschenken. Dabei fürchtet er nicht etwa, dass er sich verirren könnte, sondern dass die Amazonasbewohner ihre Fähigkeit verlieren, sich nach den Sternen zu orientieren. Immer wieder geraten die beiden Forscher in den Zwiespalt, was für sie wirklich wichtig ist. Ist es die Anhäufung von Kenntnissen und deren Bewahrung für die Zukunft, oder geht es vielleicht einfach nur darum, am Leben zu bleiben? Durch das Zusammensein mit Karamakate verändern sie sich, ebenso wie sich Karamakate verändert. Im Kleinen zeigt sich hier, was die Welt insgesamt zu beherrschen scheint: der Wille, alles zu wissen, zu kontrollieren und zu beherrschen, bringt am Ende Tod und Zerstörung.
 
Diese Entwicklung aufzuhalten, erfordert zunächst einmal Einsicht. Vielleicht kann auch dieser Film etwas dazu beitragen. Doch bei aller philosophischen Tiefe bleibt genügend Zeit, sich der spannenden Handlung hinzugeben oder einfach die Bilder zu genießen.

Gaby Sikorski