Der Schnee am Kilimandscharo

In seinem herzerwärmenden Sozialdrama „Der Schnee am Kilimandscharo“ erzählt Frankreichs Arbeiterpoet Robert Guédiguian einfühlsam von den Versuchen seiner Helden, ihren Idealen treu zu bleiben. Erneut spiegelt sich die Alltagswelt in L’Estaque – Cézannes leuchtendem Fischerdorf, dem heutigen Hafenquartier von Marseille. Dem Altmeister des Sozialrealismus gelingt dabei ein eindringliches Plädoyer für Solidarität, Humanität und Versöhnung. Ein Glücksfall für das europäische Gegenwartskino gegen alle Erfahrungen einer modernen, globalisierten Welt.

Webseite: www.der-schnee-am-kilimandscharo.de

Les neiges du Kilimandjaro
Frankreich 2011
Regie: Robert Guédiguian
Drehbuch: Jean-Louis Milesi, Robert Guédiguian
Darsteller: Jean-Pierre Darroussin, Ariane Ascaride, Gérard Meylan, Maryline Canto, Grégoire Leprince-Ringuet
Länge: 107 Minuten
Verleih: Arsenal
Kinostart: 15. März 2012

PRESSESTIMMEN:

Wunderbar beschwingte Unerhaltung mit einem fantastischen Ensemble. Ein Herzensfilm.
BRIGITTE

FILMKRITIK:

„Als unser Gewerkschaftsvertreter“ versucht Werftarbeiter Raoul (Gérard Meylan) seinem Jugendfreund Michel (Jean-Pierre Darroussin) klarzumachen, „hättest du überhaupt nicht auf der Liste stehen müssen“. Doch der altgediente Docker wehrt ab. „Auf dieses Privileg habe ich keinen Wert gelegt“, sagt er und packt seine Sachen aus dem Metallspind in eine Pappschachtel. Um die Werft zu retten, muss der leidenschaftliche Gewerkschaftsfunktionär zwanzig seiner Kollegen entlassen. Aus Solidarität feuert er sich selbst gleich mit. Spätestens wenn die schwermütige Falsettstimme des Reggae Sängers Jimmy Cliff mit „Many rivers to cross“ ertönt und Michels letzten Gang über das Marseiller Hafengelände begleitet, berührt dieser Alltagsheld.

Plötzlich findet sich Michel im viel zu früh erzwungenen Ruhestand wieder. Glücklich mit Marie-Claire (Ariane Ascaride) verheiratet, umgeben von gemeinsamen Kindern, Enkeln und Freunden lässt sich dieser Zustand gerade noch ertragen. Aber ein brutaler Überfall im eigenen Haus ändert alles. Ausgeraubt und gedemütigt beim Kartenspielabend mit Freunden. Der Schock sitzt tief. Das geschenkte Geld und Ticket für eine langersehnte Afrika Reise zum Kilimandscharo ist verloren. Doch noch schmerzhafter als der Verlust des Geldes ist die Wahrheit über den Täter. Hart konfrontiert sie den aufrechten Working-class-hero mit seinen Überzeugungen, Idealen und verlorenen Träumen.

Und immer wieder Marseille. Unerschütterlich verschlägt es Robert Guédiguian in seinen Filmen regelmäßig in seine pulsierende, südfranzösische Heimatstadt. Die impulsive Mittelmeermetropole dient dem engagierten Autorenfilmer gleichzeitig als sonnenüberflutete Kulisse und sozialer Brennpunkt. Mit Humor und Humanismus inszeniert der 58jährige vornehmlich im Arbeiterbezirk L’Estaque seine berührenden Sozialdramen. Dabei gibt es eine Konstante im Werk des französischen Regisseurs. Die Suche nach der solidarischen Geste treibt den feinfühligen Chronist sozialer Verwerfungen seinen utopischen Impuls gegen die Schicksalhaftigkeit der Verhältnisse zu setzen.

„Ich war glücklich“, verrät der Wahlpariser „etwas über meine Wurzeln gemacht zu haben: meine Gegend, Marseille, die Welt der Hafenarbeiter.“ Erneut arbeitet der Sohn eines Hafenarbeiters mit dem gleichen Ensemble von Schauspielern und Technikern, das seit Jahren dieses neue alte Cinéma copain bildet. Doch seine Handschrift erkennt der Zuschauer nicht nur an den bewährten Hauptdarstellern, allen voran Ariane Ascaride, Ehefrau des Regisseurs und Seele dieser Schauspielerfamilie, sondern auch an der beharrlichen Kühnheit die Sorgen und Nöten der kleinen Leute empathisch in Szene zu setzen.

So schematisch seine Figuren zunächst konzipiert scheinen, entwickeln sie sich dennoch zu komplexen Charakteren. Stilvoll inszeniert, scheut Guédiguian geradezu rasante Schnitte, lässt die Geschehnisse auf der Leinwand sich entfalten. Dabei verliert der klarsichtige Filmemacher trotz aller Misere nicht seinen optimistischen Grundton und ist seinen Protagonisten stets in Zuneigung verbunden. Und so regiert am Ende seiner geradlinigen Saga vom Sieg der Humanität über die zügellose, globalisierte Ökonomie die Menschlichkeit. Eine Vision, über die es sich nachzudenken lohnt.

Luitgard Koch

Michel, der mit seiner Frau Marie-Claire in Marseille wohnt, ist am Hafen Gewerkschaftler mit Leib und Seele – und dies seit 35 Jahren. Doch die wirtschaftliche Lage erfordert es, dass 20 Arbeiter entlassen werden müssen. Aus Solidarität entlässt Michel auch sich selbst.

Jetzt ist er Rentner. So ganz leicht fällt ihm dies nicht. Immerhin sind da auch noch seine erwachsenen Kinder sowie die Enkelkinder. Außerdem ist Raoul sein Freund seit Kindertagen. Denise ist Raouls Frau.

Ein Fest wird gefeiert. Die früheren Kollegen sind eingeladen. Michel und Marie-Claire bekommen Geld und eine Reise an den Kilimandscharo geschenkt. Einige Tage später sitzen Michel und Raoul sowie ihre Frauen beim Kartenspiel. Die vier werden brutal überfallen und gefesselt, danach sind die Flugscheine und das Geld weg.

Wer tut so etwas? Die Erschütterung ist groß, besonders bei Denise. Die Polizei registriert alles. Michel macht sich aber auch allein auf die Suche. Der Zufall hilft. Christoph ist einer der Haupttäter. Der ist als Hafenarbeiter ebenfalls entlassen worden und jetzt arbeitslos. Er hat zwei kleine Geschwister zu versorgen; Vater gibt es keinen, und die Mutter ist mit einem Kerl abgehauen. Womit also soll Christoph für die beiden kleineren Buben sorgen?

Bei Michel und Marie-Claire ändert sich langsam das Bewusstsein – nicht bei Raoul. Das geht so weit, dass sie Christophs kleine Brüder zu sich nehmen.

Ein Film, der sehr milieuecht das südfranzösische Alltagsleben, das Familienleben, das Rentnerleben widerspiegelt. In diesem Film wird Wirklichkeit und Betriebsamkeit spürbar. Dazu kommt die soziale Komponente, die äußere zuerst: also hier die Arbeitslosigkeit und der Kampf dagegen. Dann die innere: bei Michel und Marie-Claire der Wandel des Bewusstseins, der Blick hinter die Fassade, die menschliche Reaktion, die Einsicht, Wichtiges von weniger Wichtigem zu trennen.

Vielleicht spielt sich das alles ein wenig zu idealistisch und märchenhaft ab, aber ein schöner Film ist trotzdem herausgekommen. An Inszenierung und Kameraarbeit ist nichts auszusetzen.

Zum großen Teil ist die Tatsache, dass der Film gelungen ist, auch das Verdienst von Jean-Pierre Daroussin als bedächtiger Michel und Ariane Ascaride als gestandene Marie-Claire. Beide sind hier absolute Spitzendarsteller.

Thomas Engel